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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Frau schweigt mich nach einem Streit tagelang beleidigt an

Er verschweigt ihr Kleinigkeiten, um dem Ärger mit seiner Frau zu entgehen. Denn wenn Sie beleidigt ist, schweigt sie tagelang. Warum kann er nicht verstehen. Julia Peirano zeigt auf, wie dieses Paar den Teufelskreis durchbrechen kann.

Ältere Frau guckt beleidigt, im Hintergrund ein Mann

Das eisige Schweigen seiner Frau kann Karl-Peter nicht länger ertragen (Symbolbild)

Hallo sehr geehrte Frau Peirano,

leider habe ich als Mann auch das Problem, dass bei einem Streit in der Ehe meine Frau in Schweigen verfällt. Das Streitthema in unserer 30-jährigen Ehe ist zu 90 Prozent der Sohn aus meiner ersten Ehe. Ich bin nun 67 und meine Frau 59.

Leider hat vor einigen Tagen eine nichtssagende WhatsApp-Nachricht meines Sohnes, in der er sich nach meiner Grippe erkundigte, zu einem so schlimmen Streit geführt, dass meine Frau nicht mehr  mit mir spricht. Als sie mich fragte, wer geschrieben hätte, antwortete ich 'mein Bruder', was auch stimmte, und verschwieg ihr die Nachricht meines Sohnes (der 46 Jahre ist). Darauf fragte sie am nächsten Tag, ob er nicht auch geschrieben hätte, sie sah es auf dem Handy, ich sagte JA. Warum ich ihr das nicht erzählt hätte??? Ich antwortete, weil du dann ja Theater machst. Somit war der Streit da und sie sagte, dass sie nun alles macht, ohne mich zu informieren. Seitdem ist Funkstille, was mich zermürbt.

Ich halte schon Jahre keinen Kontakt zu meinem Sohn, weil es immer Probleme gibt. Zugegeben sind die bestimmt auch durch mein Verhalten entstanden. Ich liebe ja beide, meine Frau sehr und meinen Sohn aus erster Ehe auch! Wir haben vor vielen Jahren wegen dieses Sohnes eine Paartherapie gemacht, die uns rettete. Ich hatte bestimmt viele Fehler gemacht und ihm heimlich manchmal Geld zugesteckt.

Was kann ich tun, damit sie wieder mit mir redet? Ich habe Angst vor einer weiteren Eskalation. Ich finde es auch nicht ok, mich für mein Verhalten zu entschuldigen, da ich die WhatsApp nur verheimlicht habe, um keine dummen Fragen gestellt zu kriegen. Leider haben wir keine gemeinsamen Kinder. Ich liebe meine Frau wirklich sehr.
Was raten Sie mir zu tun?

Mit freundlichen Grüßen,

Karl-Peter M.


Lieber Karl-Peter M.,

leider sind in vielen Partnerschaften die Kinder des Partners aus einer früheren Verbindung ein großes Reizthema. Allerdings habe ich in Ihrem Fall nicht genau verstanden, warum es wegen Ihres Sohnes so gravierende Probleme zwischen Ihrer Frau und Ihnen gibt. Ihre Frau kennt ihn immerhin schon seit 30 Jahren, und er wohnt doch nicht mehr bei Ihnen – wo liegt genau das Problem? Wissen und verstehen Sie , warum Ihre Frau so empfindlich reagiert, wenn es um den Sohn geht?

Mein Eindruck ist, dass es unter anderem Heimlichkeiten zwischen Ihnen und Ihrem Sohn gab, durch die Ihre Frau sich ausgeschlossen und verletzt gefühlt hat. In einer Paarbeziehung ist Vertrauen das A und O, und idealerweise gibt es eine Mauer des Vertrauens um das Paar herum. Kein Dritter (auch kein Kind, kein Elternteil, keine Freunde) dürfen diese Mauer überwinden und in den geschützten Raum des Paares eindringen, weil das den Partner verletzt und verunsichert. Wenn Sie mit Ihrem Sohn Geheimnisse haben, die Sie vor Ihrer Frau verbergen, dann verlegen Sie die Mauer: Sie mauern sich sozusagen mit Ihrem Sohn ein, um sich vor Ihrer Frau zu schützen.

Wahrscheinlich reagiert sie deshalb so empfindlich, auch wenn es sich in diesem Fall nur um eine Kleinigkeit handelte (die verschwiegene WhatsApp-Nachricht). Das Geheimhalten ist jedoch keine Kleinigkeit, sondern ein Vertrauensbruch, zumal Sie deswegen ja schon eine Paartherapie gemacht haben. Sie haben Ihrer Frau im Vorfeld misstraut und ihr unterstellt, dass Sie wütend wird, dumme Fragen stellt, Streit sucht, wenn sie von der Nachricht Ihres Sohnes erfährt. Ihre Frau reagiert auch auf Ihr Misstrauen (selbst wenn es berechtigt ist!) so verärgert oder im wahrsten Sinne des Wortes: beleidigt. Geschickter und vertrauensbildender wäre es, wenn Sie in Zukunft absolut ehrlich zu Ihrer Frau sind und Ihr zum Beispiel sagen: Ich kann mir vorstellen, dass es dir schwer fällt, das zu hören. Aber ich habe eine Nachricht von meinem Sohn bekommen. Ich zeige sie dir gerne, damit du weißt, was los ist."

Allerdings, und das muss ich an dieser Stelle klar sagen, ist es überhaupt nicht in Ordnung, dass Ihre Frau Sie mit anscheinend tagelanger Funkstille abstraft! Sie ignoriert und missachtet Sie. Das sind schwere Geschosse, die auch als Vorboten einer Trennung interpretiert werden können. Ihre Frau manipuliert Sie und versucht, Macht über Sie zu gewinnen. Bisher hatte sie damit auch schon Erfolg, denn Sie haben den Kontakt zu Ihrem Sohn weitgehend abgebrochen. Es steht Ihrer Frau aber nicht zu, den Kontakt zwischen Ihnen und Ihrem Sohn einzuschränken, sofern es keine gravierenden Gründe (z. B. Gewalttätigkeit Ihres Sohnes) dafür gibt.

Aus Angst, die Druckmittel Ihrer Frau wieder zu spüren, passen Sie sich an und verschweigen Dinge. So ist ein Teufelskreis entstanden, der für Sie beide destruktiv ist. Ich rate Ihnen, dass Sie das nächste Mal, wenn Ihre Frau Sie anschweigt, klar und deutlich sagen, dass Sie mit ihr darüber sprechen möchten. Schlagen Sie ihr vor, dass Sie wieder gemeinsam zu Ihrem Paartherapeuten gehen. Wenn Ihre Frau Sie weiterhin ignoriert, wäre es ratsam, dass Sie ihr sagen, dass Sie ihr Verhalten nicht akzeptieren und sich nicht mehr erpressen lassen. Sagen Sie Ihr, dass Sie für einige Tage ausziehen (und zwar zu einem Freund oder in eine bestimmte Pension, das sollten Sie vorher für den Fall der Fälle planen und offen sagen!). Wenn Ihre Frau gesprächsbereit ist, soll Sie sich bei Ihnen melden, und dann unterhalten Sie sich wie zwei erwachsene Menschen.

Wenn Sie so vorgehen, verliert das Machtspiel Ihrer Frau schnell seinen Reiz. Dennoch wird aus Ihrer Schilderung deutlich, dass Sie beide starke Kommunikationsschwierigkeiten haben. Rückzug, Schweigen, Unterstellungen, Geheimnisse – da kommt einiges zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein 46-jähriger Sohn, der nicht mehr bei Ihnen wohnt, die Ursache dafür ist. Er ist allenfalls der Auslöser.

Deshalb empfehle ich Ihnen dringend, eine weitere lösungsorientierte Paartherapie zu machen, um all das auf den Tisch zu bringen. Ansonsten verstärkt sich der Teufelskreis, und das untergräbt das Vertrauen noch mehr.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano 

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