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Interview zu "Social Bettwork": "Ich habe Angst, meinen Eltern zu erzählen, was ich gemacht habe"

Auf deutsche Großstädte folgte eine Tour durch die Welt, von Paris bis Tel Aviv. Ingo Wohlfeil hat sein Schicksal in die Hände der Dating-App Tinder gelegt und seine Tage von Matches bestimmen lassen. Seine Erlebnisse reichten für ein Buch.

Von Susanne Baller

Brandenburger Tor, Eiffelturm, Hagia Sofia

Mit Tinder durch Europa - und ein bisschen darüber hinaus: In "Social Bettwork" schildert Ingo Wohlfeil, was er auf seinem Dating-Trip erlebte

Er ist durch die Welt geflogen, hat rund 60 Frauen gedatet und dafür nicht nur Gehalt bekommen, sondern auch noch ein Budget für Restaurants und Bars. Ist eine Dating-Reise der Traum eines jeden Singles? Nicht unbedingt, denn "Bild"-Reporter Ingo Wohlfeil hat auch ziemlich schräge Geschichten erlebt. Er war zunächst für seine Zeitung unterwegs, um über erste Dates zu schreiben, dann meldete ein Verlag Interesse an seinen Erlebnissen. Im munteren Plauderton berichtet der Autor daher nun in seinem ersten Buch, "Social Bettwork", das er unter Psyeudonym schrieb, wie er sich verknallt hat, überraschend seine erste Kiefermassage bekam oder unvermittelt angegiftet wurde: "Du glaubst wohl, weil du aus Deutschland kommst, kannst du dir alles erlauben?" Letzteres nach einem eigentlich sehr netten Abend in Istanbul mit einer Frau, die sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern konnte. Der stern hat Ingo Wohlfeil ein paar Fragen zu seinem schrägen Auftrag gestellt.

Alkohol war eigentlich immer im Spiel, oder Herr Wohlfeil? Muss man sich beim ersten Date den anderen schön trinken?
Nein, man muss sich locker trinken. Ich hab schon ganz schön viel gesoffen auf meiner Reise. Aber das war eher förderlich, gerade beim ersten Kennenlernen ist das gut. Wenn man sich mit einem Abstinenzler trifft, ist das schon schwierig.

Es geht in jeder Stadt mehr um Alkohol als um Sex.
Wohl wahr, sogar in der Türkei. Aber der Sex war mir auch gar nicht so wichtig. Es ging für mich primär darum, die Geschichten der Dates zu erzählen, sonst hätte ich viele Treffen abgebrochen und nach ein paar Minuten "Auf Wiedersehen" gesagt. So habe ich die Geschichten auch durchgezogen, wenn mir von vornherein klar war, mit der will ich gar keinen Sex haben. Oder, etwas arroganter, es hat mir schon gereicht zu wissen, dass ich es könnte.

Was haben Sie mit Ihren Gefühlen gemacht, wenn Sie sich verknallt haben und wussten, in drei Stunden habe ich das nächste Date?
Das ist schwierig. Da plagt dich relativ schnell das schlechte Gewissen, gerade bei Leuten, bei denen du merkst, die können wichtig werden für dich. Nicht unbedingt als Sexualpartner, sondern weil sie dein Leben bereichern. Solche Menschen anzulügen, ist unangenehm. Unter dem Lügen habe ich ziemlich gelitten, habe ihnen das aber in der Regel auch hinterher erzählt. Die meisten haben Gott sei Dank darüber gelacht und wollten wissen, mit wie vielen Frauen ich schon geschlafen habe. Und da musste ich ja nicht mal lügen.

Zum Sex kam es tatsächlich nur ein Mal, oder?
Ja, genau. Ich habe mich in Europa zurückgehalten, weil ich das Gefühl hatte, ich repräsentiere mein Land und auch meine Zeitung. Deswegen habe ich versucht, niemals im sexuellen Sinn die Initiative zu ergreifen. Außer, glaube ich, einmal in der Türkei. Aber ansonsten ging das alles von den Frauen aus, wenn überhaupt. Es gab zwar ein paar Knutschsituationen, aber Sex hatte ich tatsächlich erst am Ende der Reise, als ich schon dachte, wie bringe ich bloß mein Buch zu Ende? Und genau dann ist es passiert.

Hatten Sie mal Selbstzweifel, weil so viele Dates unbefriedigend ausgegangen sind?
Selbstzweifel? An mir? Das mag jetzt sehr eitel klingen, aber: nicht im Ansatz. Bei der 18-Jährigen in Stockholm, die wirklich unfassbar hübsch war, dachte ich: Wieso bricht die das jetzt ab? Es ist doch eigentlich ganz nett. Aber letztendlich war's auch der Altersunterschied. Ich bin doppelt so alt wie sie gewesen und die Gespräche sind dann in der Regel auch begrenzt. Aber ich habe auch furchtbar intellektuelle Frauen getroffen, mit denen ich einen Heidenspaß hatte. Ich habe übrigens das Gefühl, dass die meisten Frauen bei Tinder sehr wohl gebildet sind. Gut ausgebildet, weltoffen und tolerant.

Am Ende des Buches heißt es "Endlich rede ich mal wieder mit einem Mann". Was haben Sie sonst noch vermisst?
Du fühlst dich ganz schön schnell einsam. Du sitzt alleine in deinem Hotelzimmer, tinderst, führst Buch und merkst "Oh, Mist, aus diesem Abend wird nichts". Dann ziehst du alleine um die Häuser und das wie in dem wunderbaren Titel "Allein in einer fremden Stadt, allein in Amsterdam". Vermisst habe ich vielleicht mal einen Gesprächspartner, mit dem ich mich hätte austauschen können, abends beim Bier. Ich habe ja 60 Frauen getroffen oder so und da beginnt das Problem. Der Einstieg ist immer ähnlich. Das ist immer wieder die gleiche Leier, das ging mir schon auf den Keks. Aber danach änderten sich die Gespräche meistens und dann wurde jedes Date auf seine Art und Weise spannend.

Hatten Sie nie das Gefühl, für Geld durch die Welt geschickt zu werden, um Sex zu haben?
Nee. Mal ehrlich? Ich bin dafür total dankbar. Stell dir mal vor, du hast einen Arbeitgeber, der schickt dich los und sagt: "Komm, du trinkst jetzt auf Buchhaltungskosten." Das ist schon in Ordnung!

Warum haben Sie das Buch nicht unter Ihrem Namen geschrieben?
Der Grund für das Pseudonym ist tatsächlich, dass ich total Angst habe, meinen Eltern zu erzählen, was ich gemacht habe. Gott sei Dank gucken meine Eltern nicht auf stern.de oder bild.de, sondern immer nur spiegel.de. Von daher sind die Chancen, dass sie es niemals herausfinden, relativ hoch.

Wieso haben Sie noch Angst vor Ihren Eltern?
Geile Frage! Ich möchte einfach eine allzu große Enttäuschung bei ihnen vermeiden. Und ich glaube, das würde sie schon sehr enttäuschen.

Sind sie sehr konservativ?
Nee, meine Eltern sind nur wahnsinnig bodenständig, die können das mit dem Online-Dating nicht nachvollziehen. Und wenn sie lesen, dass ich mit der und der Frau geschlafen habe, ist mir das einfach unangenehm. Beim Rest ist es mir wurscht.

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