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Bildungsbericht: Wenig Lob für Deutschland

Der jüngste OECD-Bildungsbericht enthält keine schmeichelhaften Botschaften für das föderale Bildungssystem der Bundesrepublik. Aus OECD-Sicht führt an einer höheren Bildungsbeteiligung kein Weg vorbei, wenn Deutschland nicht direkt in einen Fachkräftemangel schlittern will.

Der internationale Bildungsfachmann Andreas Schleicher gab sich diplomatisch. »Bei der OECD in Paris denken wir in längeren Zeiträumen«, antwortete er zurückhaltend auf die Frage, wie er denn die Folgerungen der deutschen Länderkultusminister nach dem miserablen Abschneiden der Bundesrepublik beim weltweiten PISA-Schulleistungstest beurteile. In Mexiko, beim PISA-Schlusslicht, gebe es jetzt allerdings im Parlament einen parteiübergreifenden Konsens für eine Qualitätsoffensive und eine nationale Überprüfungsagentur für die Schulleistungen, gab Schleicher höflich zu bedenken.

Zehn Monate nach Veröffentlichung der für die Bundesrepublik niederschmetterten PISA-Schulleistungsergebnisse seiner 14- bis 15-jährigen Schüler wird in Deutschland dagegen immer noch darüber gestritten, ob denn die angestrebten nationalen Bildungsstandards nun allein von den Ländern oder gemeinsam mit dem Bund entwickelt werden sollen. Auch nach dem jüngsten Treffen der Kultusministerkonferenz (KMK) ist weiter offen, was in Zukunft geschehen soll, wenn ein Bundesland die verabredeten Qualitätsstandards nicht einhält.

Nicht ausgestanden scheint zugleich auch das kaum noch nachzuvollziehende Bund-Länder-Kompetenz-Gerangel über den geplanten regelmäßigen nationalen Bildungsbericht. Eine mühsam abgestimmte Erklärung von Bund und Ländern wurde Anfang der Woche überraschend von der KMK-Vize-Präsidentin Karin Wolff (Hessen/CDU) wieder als interpretationsfähig bezeichnet.

Mit Argwohn beobachten dabei die unions- wie SPD-geführten Bundesländer, wie Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) das PISA-Debakel als »nationale Herausforderung« annehmen will. Die vom Bund den Ländern angebotene vier Milliarden-Euro-Hilfe zum Ausbau von 10.000 Ganztagsschulen möchten die Kultusminister zwar gern annehmen, ansonsten aber in ihrer Schulpolitik nach eigenem Gusto weiter machen wie bisher.

Andere Länder, andere Sitten

Dabei enthält auch der jüngste OECD-Bildungsbericht keine schmeichelhaften Botschaft für das föderale Bildungssystem der Bundesrepublik. Nach den miserablen Leistungsergebnissen wird Schulen und Hochschulen erneut bescheinigt, gemessen am internationalen Standard viel zu wenig Abiturienten und Akademiker auszubilden. Während in der Bundesrepublik 37 Prozent eines Jahrgangs das Abitur oder eine andere Studienberechtigung erwerben, sind dies im OECD-Schnitt 64 Prozent.

Länder mit besonders guten PISA-Leistungsergebnissen und extrem hohen Abiturientenquoten, wie Finnland und Schweden, schaffen es zudem, auch Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten zu einem qualifizierten Schulabschluss zu führen. In diesem Punkt versagt nach Expertenaussage das deutsche Bildungssystem auf der ganzen Linie.

Kaum ein Bundesland denkt derzeit daran, die Zahl seiner Abiturienten und Absolventen mit qualifizierter Mittlerer Reife deutlich zu erhöhen. Die Ausnahme bildet allenfalls Rheinland-Pfalz, in dem jetzt besonders engagiert der Ausbau der Ganztagsschule vorangetrieben wird. Die Green-Card-Debatte über die fehlenden Informatiker, der neue Ärztemangel und auch die Klagen über fehlende Lehrer und Ingenieure zeigen bei den Kultusministern offensichtlich wenig Wirkung.

Aus OECD-Sicht führt an einer höheren Bildungsbeteiligung kein Weg vorbei, wenn Deutschland nicht direkt in einen Fachkräftemangel schlittern will. Nicht wenige Wirtschaftsexperten sehen Deutschlands Stellung im internationalem Wettbewerb der Industrienationen bereits in Gefahr. Doch das Abiturientenpotenzial zur Gewinnung von mehr Studenten ist nach der Bafög-Reform und dem damit verbundenen Wiederanstieg der Studienneigung nahezu ausgeschöpft. Der Geburtenrückgang und die dadurch sinkenden Schülerzahlen werden in den nächsten Jahren dieses Problem noch verschärfen.

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