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Drei Jahre Pisa: Zähe Reform eines Tabu-Systems

Zu wenige Studenten, schlechte Bildungsaussichten für Arbeiterkinder - drei Jahre nach der Pisa-Studie sind zwar erste Reformen auf den Weg gebracht, aber Erfolge werden noch auf sich warten lassen.

Drei Jahre nach dem miserablen deutschen Abschneiden beim ersten weltweiten Pisa-Schultest haben die Kultusminister am Donnerstag in Berlin Reform-Bilanz gezogen: Elf bundesweite Bildungsstandards, die in den wichtigsten Fächern die bisher eher unverbindlichen und verschiedenartigen Lehrpläne von 16 Bundesländern ablösen, sind bis Jahresende unter Dach und Fach. Einig ist man sich über frühkindliches Lernen im Kindergarten, über mehr Leseförderung ebenso wie über Sprachkurse und Einschulungstests für Migrantenkinder.

Pisa II kommt Anfang Dezember

Die Veröffentlichung von Pisa II steht Anfang Dezember an. Und vorsorglich beteuern unisono alle Minister, dass ihre Reformen so schnell in den Schulen nicht wirken konnten. Offenbar haben sie schon ein neues Desaster vor Augen.

Doch Pisa hatten den Deutschen nicht nur in Sachen Schulleistung unterstes Mittelmaß bescheinigt. Im Vergleich der 31 Industriestaaten versagt kein anderes Bildungssystem bei der schulischen Förderung von Kindern aus dem unteren sozialen Milieu so sehr wie das deutsche. Das gilt nicht nur für Migrantenkinder mit Sprachproblemen. Das gilt für deutsche Arbeiterkinder gleichermaßen.

Selbst bei gleicher Intelligenz und Lesevermögen hat ein Zehnjähriger aus einem Akademikerhaushalt bundesweit eine drei Mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen als ein Facharbeiterkind. In Bayern ist die Chance für das Arbeiterkind sogar sechs Mal niedriger. Herkunftsbedingte Nachteile werden im Laufe der Schulzeit nicht abgebaut, sondern weiter verschärft. Setzt man beim Schulstart die gleiche Intelligenz voraus, so ist bei einem 15-jährigen Gymnasiasten die individuelle Schulleistung um 49 Pisa-Punkte höher als bei einem Hauptschüler. 49 Punkte entsprechen einem Lernrückstand von 1,5 Schuljahren.

Etwa 40 Prozent der 15-jährigen deutschen Arbeiterkinder verlassen die Schule mit unzureichendem Vermögen in Lesen und Textverständnis. Sie zählen damit zur Risikogruppe auf dem Arbeitsmarkt. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler und Pisa-Forscher Klaus-Jürgen Tillmann fordert dazu eine Neu-Definition von Bildungsstandards. "Zur Pflichtaufgabe" jeder Schule müsse gehören, auch diesen Kindern eine vernünftige Schulbildung zu vermitteln.

Schieflage im Bildungssystem schon vor Pisa bekannt gewesen

Die soziale Schieflage im deutschen Bildungssystem ist nicht erst seit Pisa bekannt. Der Dortmunder Schulforscher Hans Günter Rolff: "Seit Mitte der 60er Jahre gibt es dafür robuste empirische Belege." Für die Gesellschaft, ja insbesondere für Bildungspolitiker wie für Lehrer, sei dies offensichtlich "ein Ärgernis, das lieber verdrängt wird".

Gleich, ob man dabei frühere Mikrozensus-Auswertungen (kleine Volkszählungen) zu Grunde legt oder die regelmäßigen Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerkes - die Tendenz ist übereinstimmend: Jedes fünfte Kind von Vätern mit Hauptschulzeugnis besucht eine Universität. Dagegen nehmen 84 Prozent der Kinder von Vätern mit Abitur ein Studium auf.

"Verschleuderung von Humanressourcen

Angesichts der im internationalen Vergleich zu geringen deutschen Abiturienten- und Akademikerzahlen sprechen Bildungsforscher von einer "Verschleuderung von Humanressourcen". Die Autoren der Pisa-Studie machen für diese Probleme auch die deutsche Schulstruktur mit ihrer frühen Aufteilung der Kinder auf Haupt-, Realschule und Gymnasium verantwortlich - weltweit inzwischen einmalig. Der deutsche Pisa-Chef-Forscher Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut gilt wahrlich nicht als Freund der Gesamtschule. Gleichwohl spricht Baumert hier von einer "Ungerechtigkeit", die beseitigt werden müsse.

Doch bei den Kultusministern herrscht Achselzucken. Die deutsche Schulstruktur ist tabu. Einzig Schleswig-Holsteins Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) will die soziale Frage jetzt auch auf die Agenda der Kultusministerkonferenz setzen.

Karl-Heinz Reith/DPA / DPA

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