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Energiepreise: Das teure Öl und die Folgen

Der hohe Ölpreis beschäftigt die Menschen weltweit: Der Krisengipfel in Saudi-Arabien brachte zudem nicht das erhoffte Ergebnis - im Gegenteil: Der Preis hat weiter angezogen. Was sind die Ursachen der Entwicklung und was kann dagegen getan werden? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Marcus Gatzke

An den internationalen Ölmärkten ist die Ankündigung mehrer Ölförderstaaten, die Produktion auszuweiten und so zu versuchen, den Anstieg des Ölpreises zu bremsen, geradezu verpufft. Die Preise zogen am Montagvormittag sogar noch an.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die die Verbraucher schon seit Monaten bei jedem Besuch an der Tankstelle aufstöhnen lässt. Die Preise an den Zapfsäulen erreichen im Wochenrhythmus neue Rekordstände und belasten damit das Portemonnaie der Bürger massiv. Zusammen mit den deutlich gestiegenen Preisen für Lebensmittel bleibt dadurch bei den Arbeitnehmern von dem Lohn- und Gehaltssteigerungen im laufenden Jahr erneut nicht viel übrig. Die Inflationsrate erreichte im Mai mit rund drei Prozent wieder ungeahnte Höhen.

Beim Thema Öl spielt aber nicht nur der Preis für den Liter Benzin eine Rolle. Öl gilt als Schmierstoff der Wirtschaft, auch wenn sich die Abhängigkeit von dem Rohstoff in den vergangenen Jahrzehnten erheblich reduziert hat. Zudem sind die weltweiten Ölvorräte endlich, ein Umsteuern auf andere Energieformen ist zwingend notwendig.

Was hat zu der Preisentwicklung geführt? Wie stark ist der Einfluss der Spekulanten? Was kann jeder Einzelne tun, um die Belastung für den eigenen Geldbeutel zu reduzieren? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um das Thema Öl- und Benzinpreis.

Was bringt die höhere Fördermenge?

Mehrere arabische Golfstaaten hatten am Wochenende bei einem Öl-Krisengipfel in Saudi-Arabien ihre Bereitschaft signalisiert, noch mehr Öl zu fördern als bisher.

Allerdings sind sich die meisten Experten einig, dass dieser Schritt nicht viel bewirken wird und die Entwicklung an den internationalen Rohstoffmärkten bestätigt diese Einschätzung. Am Montagvormittag stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) Öl an der Warenterminbörse in New York um mehr als einen Dollar auf über 136 Dollar.

"Mit der Ausweitung sollten die hohen Preissprünge nach oben verhindert werden - aber das ist nicht passiert", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Auch wenn die Nachfrage in den Industrieländern angesichts der steigenden Preise leicht zurückgeht, wird das Signal vom Ölgipfel verpuffen." Kemfert spricht sich dafür aus, die Fördermenge von derzeit 87 Millionen Barrel pro Tag um mindestens zwei Millionen zu erhöhen, um die Preissprünge wie in der jüngsten Vergangenheit zu verhindern.

Wie hoch ist der Anteil der Energiepreise an der Inflation?

Aktuell sind die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise die stärksten Preistreiber in Deutschland. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Verbraucherpreise im Mai 2008 um 3,0 Prozent. Die Inflationsrate lag damit nur knapp unter dem im März erreichten Jahreshoch von 3,1 Prozent. Im April lag sie noch bei 2,4 Prozent abgeschwächt.

Besonders stark stiegen die Preise für Diesel und Heizöl. Damit machte sich der Ölpreis von zeitweise mehr als 135 Dollar je Fass bemerkbar. Je Liter Benzin oder Diesel mussten die Autofahrer zeitweise mehr als 1,50 Euro bezahlen. Diesel verteuerte sich binnen Jahresfrist um 26,4 Prozent. Damit sei die Preisschere zwischen Normal, Super und Diesel weitgehend aufgehoben, hieß es. Leichtes Heizöl wies mit 57,4 Prozent sogar die höchste Jahresteuerungsrate seit Oktober 2000 auf. Ohne Energie hätte die Teuerungsrate nur 1,9 Prozent betragen.

Wie lange reichen die weltweiten Ölvorräte noch?

Der so genannten Peak Oil misst den Punkt, an dem die Ölproduktion ihren absoluten Höhepunkt erreicht und dann nur noch sinkt. Unter Experten wird seit Jahren gestritten, wann dieser Punkt erreicht wird. Der höhere Preis und auch neuere Entwicklungen in der Bohrtechnologie lassen mittlerweile auch Ölquellen rentabel werden, bei denen eine Ausbeute zuvor aus wirtschaftlichen Gründen abgelehnt wurde. Trotzdem ist klar: Öl ist ein endlicher Rohstoff, irgendwann sind die natürlichen Vorkommen verbraucht.

Bislang ist geplant, die Fördermenge bis zum Jahr 2020 auf 100 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen - derzeit sind es 87 Millionen. "Das ist physisch und technisch auch möglich", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Allerdings muss dafür massiv investiert werden - teilweise in politisch instabile Länder." Der Gipfel habe auf diese Fragen keine Antworten gegeben, das Problem sei lediglich vertagt worden.

Was könnten die Verbraucher tun?

Schon jetzt zwingt der hohe Energiepreis viele Bürger in Deutschland zum Umdenken. Im März, April und Mai ging der Benzinabsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat jeweils um knapp acht Prozent zurück. "Noch sind es aber nur die einfachen Dinge, wie mal eine Fahrgemeinschaft gründen oder eine Strecke mit dem Fahrrad fahren", sagt Energieexperte Holger Krawinkel vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Inwieweit dies nachhaltig ist, bleibt abzuwarten. Denn oft fallen Verbraucher in alte Verhaltensmuster zurück, wenn sie sich erst an den hohen Preis gewöhnt hat.

Die Verbraucher müssten aber stattdessen mit viel mehr Routinen brechen: "Das Leben rund um das Auto zu organisieren, wird für viele Haushalte kaum noch möglich sein", ist Krawinkel überzeugt, denn der ökonomische Druck werde weiter zunehmen- wegen der steigenden Energiepreise.

"Es geht auch ohne Auto", argumentiert der Verbraucherschützer. Nach Ansicht von Krawinkel könnten viele Verbraucher in großen Städten problemlos auf den Öffentlichen Nahverkehr umsteigen. Noch sei jedoch die Schmerzgrenze nicht erreicht, bei der die Bürger ihre Lebensgewohnheiten wirklich komplett umstellen würden. "Dazu muss der Benzinpreis schon auf mindestens zwei Euro steigen", sagt er.

Was kann die Politik tun?

Nach Ansicht von Holger Krawinkel, Energieexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), muss der Öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut werden. "In Westdeutschland sind viele Straßenbahn-Strecken in den 70er Jahren errichtet worden, die müssen jetzt modernisiert werden", sagt er. Darüber hinaus müsse viel mehr Geld in Bus und Bahn gesteckt werden. "Die Verkehrspolitik muss komplett umgestellt werden", fordert er.

Ähnlich argumentiert auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für wirtschaftsforschung (DIW): "Wir brauchen nachhaltige Mobilitätskonzepte und alternative Kraftstoffe", sagt sie. Die Politik müsse hier Lösungsvorschläge machen, bislang sei aber noch nichts in Sicht.

Sollten die Steuern gesenkt werden?

Nicht wirklich. Zwar sind es vor allem die Verbraucher, die unter dem hohen Benzinpreis zu leiden haben. Die Preisexplosion wird in diesem Jahr dazu führen, dass von den Lohn- und Gehaltssteigerungen nicht viel übrig bleiben wird. Im Gegenteil: Es ist wahrscheinlich, dass die Realeinkommen erneut sinken.

Jetzt die Mineralölsteuern zu senken, würde zwar kurzfristig zu Entlastung führen, aber das eigentliche Problem nicht lösen: "Es wird nur auf der Zeitachse verschoben", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Forderung nach Steuersenkungen sei "rein populistisch". Und es ist wahrscheinlich, dass sich der Staat die fehlenden Einnahmen an anderer Stelle wiederholt.

Es ist auch falsch, dass der Staat durch die gestiegenen Preise mehr einnimmt. Die Mineralölsteuer wird pro Liter berechnet, der Preis an der Zapfsäule ist nicht von Relevanz. Allein die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer nehmen bei einem steigenden Benzinpreis zu. Inwieweit dies aber durch den sinkenden Absatz - allein in den vergangenen drei Monaten ging der Verkauf von Kraftstoffen um jeweils acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück - überkompensiert wird, ist unklar.

"Wir brauchen stattdessen Alternativen zum Öl", ist Expertin Kemfert überzeugt. "Es muss ein Konzept her, das die Verkehrspolitik grundlegend umbaut." Die Politik müsse hierzu Vorschläge machen. "Davon ist aber bislang nichts zu sehen", kritisiert sie.

Viele geben Spekulanten die Schuld. Stimmt das?

Natürlich gibt es auch an den internationalen Ölmärkten, wie an jeder anderen Börse auch, Spekulationen. "Die Spekulanten werden immer stärker davon überzeugt, dass Rohöl eine endliche Ressource ist und setzen weiterhin auf ein knappes Angebot", sagt Klaus Matthies, Rohstoffexperte des Hamburgischen Weltwirtschafts Instituts (HWWI).

Den Spekulanten den Schwarzen Peter für die Preisentwicklung zuzuschieben, wäre jedoch zu einfach: "Die Spekulationen sind nicht die treibende Kraft für den Preisschub", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Die Fundamentaldaten, wie die hohe Nachfrage aus Asien, sind vielmehr die entscheidende Ursache für die steigenden Preise."

Was kann gegen Spekulationen getan werden?

Nicht viel, wenn nicht die Funktionsweise der Märkte beeinträchtig werden soll. "Mehr Transparenz ist immer wichtig und richtig", sagt Claudia Kemfert vom DIW. Als letztes Mittel bliebe eine Spekulationssteuer, um den Anreiz für solche Geschäfte zu reduzieren. "Ganz aushebeln wird man die Spekulation aber trotzdem nicht, dann müsste man die Börse komplett weglassen."

Wie stark ist die Konjunktur gefährdet?

Die Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland und auch weltweit sind bislang noch nicht wirklich abschätzbar. Die Deutsche Bundesbank rechnet trotz des hohen Ölpreises und des starken Euro mit einem anhaltenden Wachstum. Im laufenden Jahr dürfte die deutsche Wirtschaft preisbereinigt um 2,3 Prozent wachsen, heißt es in dem in Frankfurt veröffentlichten Monatsbericht für Juni. Für 2009 wird ein Wachstum von 1,4 Prozent veranschlagt. Angesichts des unerwartet starken Wachstums zu Beginn dieses Jahres spreche einiges dafür, dass "die Eigendynamik beziehungsweise Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bislang unterschätzt wurde."

Auch Energie-Expertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor einer Panik: "Die deutsche Wirtschaft ist deutlich weniger vom Öl abhängig, als noch in den 70er Jahren." Zudem helfe der schwache Dollar, die negativen Folgen etwas abzumildern. Öl wird in Dollar abgerechnet, je schwächer die Währung zum Euro steht, desto billiger ist Öl für den deutschen Verbraucher.

Trotzdem ist die Stimmung unter den Unternehmen gedrückt: Der vom Münchener Ifo-Institut erhobene Geschäftsklimaindex war im Juni so niedrig wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. "Die stark gestiegenen Ölpreise belasten offensichtlich zunehmend die deutsche Wirtschaft", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Auch der Export verliere an Kraft. Der Industrieverband BDI fordert deshalb Steuersenkungen, um die Binnennachfrage zu stärken.

Wird der Öl- und Benzinpreis wieder sinken?

Die Zeit des ganz billigen Öl ist vorbei. Dass sich der Preis von seinen derzeitigen Höchstständen wieder entfernt, ist nicht auszuschließen. "Wenn die Fördermenge deutlich ausgeweitet wird und in die Industrieländern Konzepte für alternative Kraftstoffe umgesetzt werden, kann der Preis pro Fass auch wieder sinken", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Vielleicht ist die derzeitige Entwicklung ja der Warnschuss, der zum Umdenken zwingt und letztlich die Wende in der Energie und Verkehrspolitik bringt."

Andere Experten rechnen dagegen mit einem weiter massiv steigendem Preis: RWE-Manager Fritz Vahrenholt sagte. beim nächsten Aufschwung werde der Preis auf 250 Dollar steigen und der Benzinpreis in Deutschland dann 2,50 Euro pro Liter erreichen. Die Ölfördermenge sei praktisch nicht mehr zu steigern: "Wir wissen, dass alle Staaten der Ölförderländer am Anschlag produzieren", sagte er.

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