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Finanzmarktkrise: Wenn Banken schlecht beraten

Tausende deutsche Kleinanleger haben ihr Erspartes in Zertifikate der insolventen Investmentbank Lehman-Brothers gesteckt. Die Bank ist pleite, aus Wertpapier wurde Altpapier. stern.de erläutert, wo den Geschädigten geholfen wird - und ob Lehman-Anleger Chancen auf Schadensersatz haben.

Von Massimo Bognanni

Finanzmarktkrise? Insolvente Banken? Alles ganz weit weg. In Amerika. So dachte Rentnerin Sieglinde Krisch - bis die Krise zu ihr nach Hause kam. Der Schock kam per Post, in einem Brief von ihrer Bank, der Citibank Düsseldorf. "Da aktuell keine Kurse festgestellt werden, wird Ihr Zertifikat im Depot bis auf Weiteres als 'unbewertet' oder mit 0 Euro angewiesen", heißt es in dem Schreiben vom 20. September. Seitdem ist die Finanzmarktkrise, die Sieglinde Krisch bis dahin nur aus dem Radio kannte, ihre ganz persönliche Krise.

Vor einem Jahr hatte ein Berater der Citibank in der Düsseldorfer Nordstraße der 65-Jährigen Zertifikate der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers angeboten. "Eine hundertprozentige Anlage, in einem Jahr werden Sie bis zu 700 Euro Gewinn machen", versprach ihr der Bankmitarbeiter. Krisch wollte ihre Witwenrente aufbessern, sie kaufte Zertifikate für 5000 Euro. Das Geld hatte die ehemalige Verkäuferin über die Jahre angespart. Jetzt ist es weg.

Hilfe bekommen die Bürger über Internetforen und Infohotlines

Wie Krisch geht es 60.000 Bundesbürgern, schätzt das Deutsche Institut für Anlegerschutz (DIAS). Hilfe erhalten die Betroffenen von verschiedenen Institutionen:

So hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz eine Info-Hotline für Lehman-Geschädigte eingerichtet (

0211/669702

). Über 1000 Anleger haben sich bereits gemeldet. Rat können Geschädigte hier auch via E-Mail einholen: dagmar.lutter@dsw-info.de. Die DSW schickt den Betroffenen ein Informationsschreiben zu, rechtliche Hilfe bietet die Vereinigung aber nur ihren Mitgliedern an.

Ebenfalls nur für Mitglieder ist der juristische Beistand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Eine Mitgliedschaft kostet 70 Euro im Jahr.

Bei den Verbraucherzentralen häufen sich die Anfragen von besorgten oder geschädigten Anlegern. Rechtsberater prüfen hier die Investitionen der Bürger und untersuchen, ob das Geld der Verbraucher sicher ist. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat wegen des großen Beratungsbedarfs zwei Telefonleitungen geschaltet. Von Montag bis Donnerstag, zwischen 10 und 18 Uhr erreichen Verbraucher Finanzexperten unter der

0900/17 75 - 442

. Das Telefonat kostet 1,50 Euro pro Minute, durchschnittlich dauern die Beratungsgespräche acht bis zehn Minuten.

Geschädigte organisieren sich selbst

Zahlreiche Sparer und Kleinanleger, die in Lehman-Zertifikate investiert haben, organisieren ihren Widerstand selbst, in einem Internetforum. Die Homepage wurde nach wenigen Tagen bereits 17.000 Mal aufgerufen. Hier tauschen sich geschädigte Bankkunden aus ganz Deutschland aus und formieren Widerstand gegen die aus ihrer Sicht schlechte Beratung der Bankmitarbeiter. Ein Verein soll gegründet werden, Sammelklagen werden vorbereitet.

Solche Klagen sind nicht aussichtslos. Zwar komme es immer auf den Einzelfall an, jedoch hätten unzureichend beratene Anleger von Lehman-Zertifikaten durchaus Chancen, einen Schadensersatzanspruch gegen den Berater geltend zu machen, sagt die Berliner Rechtsanwältin Birgit Müller. "In mir bekannten Fällen wurden Anleger weder auf das Insolvenzrisiko hingewiesen, noch wurde ihnen erklärt, was genau eine Inhaberschuldverschreibung ist. Diese Fehler sind neben anderen Faktoren Ansatzpunkte für die Haftung gegenüber den Anlegern", sagt Müller.

Besonders ältere Menschen haben Chancen vor Gericht

Vor allem ältere Menschen, die auf dem Finanzmarkt kaum aktiv sind und lediglich eine sichere Altersvorsorge erwerben wollten, könnten Gerichte überzeugen, meint Müller. Volker Pietsch, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Anlegerschutz, stimmt ihr zu: "Nach unseren Erkenntnissen verdichtet es sich immer mehr, dass Anlageberater der involvierten Banken ihre gesetzlichen Aufklärungspflichten über das tatsächliche Risiko der Anlageform 'Zertifikate' im großen Stil vernachlässigt haben."

Auch Anlegerin Sieglinde Krisch wurde schlecht beraten. "Über die ganzen Risiken wurde ich nicht aufgeklärt, sonst hätte ich das doch gar nicht gemacht", sagt Krisch heute. Die Citibank Düsseldorf betont dagegen in einer Stellungnahme, dass "jeder Kunde beim Kauf auf die Risiken hingewiesen wird, die mit dem Investment verbunden sind." Sieglinde Krisch und zahlreiche weitere geschädigte Citibank-Kunden widersprechen dem heftig.

Heute sitzt Krisch auf der dunklen Ledercouch in ihrer Düsseldorfer Drei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock. Sie ist wütend und enttäuscht. Das Geld aus den Zertifikaten hatte sie fest eingeplant. Die Rentnerin wollte die Summe im November abheben, für eine neue Küche. 5000 Euro fehlen jetzt in ihrer Planung. Das Vertrauen in die Banken ebenfalls.

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  • Massimo Bognanni