Gefährliches Spielzeug In der Folterkammer der Kuscheltiere


Ein Teddybär brennt lichterloh, Barbiepuppen werden in Salzsäure gebadet - keine Fantasien von Spielzeugsadisten, sondern Tests, ausgedacht von Experten von Europas größtem Spielzeug-Prüfinstitut. stern.de hat die Kinderschützer besucht.
Von Martin Ochmann, Nürnberg

Sie nennen ihn "Satchmo". Artikelnummer 26403, etwa 30 Zentimeter hoch, grimmiger Blick. Er sitzt auf einem Kühlschrank in der Halle vier des EMV-Zentrums der Landesgewerbeanstalt in Nürnberg. Um ihn herum liegen Rasenmäher, Fitnessgeräte, ein Whirlpool. Ebenso wie diese Geräte wird Plüschhund "Satchmo" hier auf seine elektromagnetische Verträglichkeit geprüft. Drückt man seinen linken Vorderlauf, dann fängt "Satchmo" mit tiefer Stimme an "Wonderful world" zu singen. Am Ende raunt er "Oh yeah". Und fängt mit vibrierender Kinnlade ein jaulendes Hundegeheul an.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Der Spaß hört allerdings auf, wenn das Spielzeug das Leben der lieben Kleinen gefährdet - wenn sich der Nachwuchs mit dem Spielzeug strangulieren, verletzen oder schleichend vergiften kann. Damit es nicht so weit kommt, gibt es die Landesgewerbeanstalt (LGA) in Nürnberg. Dort werden jährlich bis zu 4000 Spielzeuge auf Herz und Nieren geprüft. "Wir sind Europas größtes Spielzeug-Prüfinstitut", sagt LGA- Sprecher Rainer Weiskirchen.

Folterkammer der Kuscheltiere

Überall auf den Gängen und in den Büros stapelt sich Spielzeug. Dreiräder, Holzeisenbahnen, Brettspiele, Cinderellas Traumkutsche. Scheinbar endlos lange Korridore führen in die Abteilung für Spielzeugprüfung, dem Friedhof der Kuscheltiere. In einer Ecke eines Raumes, der aussieht wie die Chemielabore in den Schulen, fristen Teddys mit angekokeltem Hinterteil und Stofftiere mit ausgerissenen Ohren und Augen ihr trauriges Dasein. Auf einer Streckbank ist ein Stoffaffe mit schlenkernden Armen eingespannt. Eine Metallkralle reisst mit 90 Newton am Auge des Tieres. Karlheinz Hieronymus ist der oberste "Folterknecht" in dieser Kammer. Zwei LGA-Kugelschreiber stecken in der Hemdtasche des Ingenieurs, "Toy Testing" steht auf seiner Visitenkarte.

Hieronymus macht den Traumjob von Jungs, die gerne die Barbiepuppen ihrer kleinen Schwester foltern. Aber wenn er über seine Arbeit redet, dann spricht Hieronymus von gesetzlichen Vorschriften, von der DIN, von Normen und Richtlinien. Nein, ein Spielkind sei er keinesfalls, meint Hieronymus. Eher ein Bürokrat. Oder ein Pragmatiker, verbessert er sich. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Rassel, bemalt mit putzigen Pandabären. Die künstlerische Gestaltung gibt einen Hinweis auf die Herkunft: das Gerät ist "Made in China". Hieronymus zieht kräftig an der Rassel. Mit einem "Plopp" löst sich der Griff vom Gehäuse, zum Vorschein kommen spitze, rund fünf Zentimeter lange Drahtenden. Damit ist die Rassel nicht nur für Säuglingshände ungeeignet.

Gift in Kinderspielzeug

Spielzeug aus China ist in Verruf geraten. Auf der Rapex-Liste der EU, einer Warnliste der Mitgliedsländer, ist es mittlerweile am häufigsten vertreten. Millionen Spielsachen musste der Spielzeug-Hersteller "Mattel" in den vergangenen Wochen vom Markt nehmen. Der Grund: Zuviel Blei in der Farbe und verschluckbare Kleinteile. Im jüngsten Fall fanden Tester Blei in Babylätzchen. "Schwermetalle wie Blei sind akut nicht giftig, aber chronisch", weiß Rüdiger Kohlhas, Lebensmittelchemiker bei der LGA. Soll heißen: Die Kinder fallen zwar nicht auf der Stelle tot um. Dafür können sie als Erwachsene gegebenenfalls keine Kinder zeugen.

Kohlhas steht im Chemielabor der LGA, wo er täglich nach Schwermetallen, Weichmachern und Lösungsmittel fahndet. Hinter ihm spielt ein Stoff-Schneemann Saxofon, überall stehen kleine Spielfiguren neben genügsamen Topfpflanzen. Es riecht nach Lösungsmitteln. In Plastikbechern mit Salzsäure schwimmen Farbsplitter von Spielzeug. So simulieren die Forscher was passiert, wenn Kinder das Spielzeug verschlucken. Nach einiger Zeit filtrieren sie die Lösung ab und suchen nach Giften. Kohlhas wird häufig fündig. In rund acht Prozent aller Fälle stoße er auf verbotene Substanzen oder erhöhte Werte. Viele der untersuchten Spielzeuge kämen aus China. "Da gibt es deutliche Qualitätsunterschiede, das ist ganz klar. Es wird nicht so sauber gearbeitet wie bei uns, dafür billig, billig, billig. Das ist Müllproduktion, die bei uns entsorgt werden muss", sagt Kohlhas.

"Wieso geht man nach China? Weil es billig ist."

Fällt chinesisches Spielzeug tatsächlich so häufig unangenehm auf? "Ja", sagt Hieronymus nach eine kurzen Pause. Aber: "Es kommt auch besonders viel aus China ins Land", so der Prüfer weiter. "Das ist zwangsläufig miteinander verbunden." Wer die LGA mit einer Prüfung beauftrage, der will auch wissen, ob sein Produkt etwas taugt. "Zu uns kommen verantwortungsbewusste Importeure die wissen wollen, was in ihrem Spielzeug drin steckt", so Hieronymus.

Händler und Hersteller, die es mit den europäischen Sicherheitsanforderungen nicht so genau nehmen, meiden die LGA hingegen wie der Teufel das Weihwasser. "Aber man kann nicht sagen, dass die Chinesen nur Mist produzieren. Denn dann würde in den Spielwarenläden zu 80 Prozent Mist stehen - und das ist nicht so", meint Hieronymus. Er erinnert an die Rolle der Verbraucher: "Kontrollen kosten Geld. Und wieso geht man nach China? Weil es billig ist. Der Verbraucher verlangt die gleiche Sicherheit, will aber nicht mehr zahlen. Das ist ein Spagat, der nicht lange gut gehen kann."


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