Grenzenloses Lernen Europaschulen bringen Fremde zusammen


Europa "weit weg" und anonym - für schleswig-holsteinische "Europaschüler" ist das kein Thema mehr. Wechselseitige Besuche und Projekte zwischen Portugal und Polen sind für sie längst Alltag.

Der Ertrag ist enorm, über Sprachfertigkeiten und einen erweiterten Horizont hinaus. "Nicht wenige Schüler haben Freunde fürs Leben gefunden", sagt Englischlehrer Rainer Löffler von der Kieler Hebbelschule. Sie ist eine von 25 Europaschulen in Schleswig-Holstein, an denen Europa nicht nur vor der Europawahl an diesem Sonntag ein Hauptthema ist.

Mehr Sprachen, enge Kontakte, gemeinsam lernen, Europa-Bezüge bei möglichst vielen Themen - das sind wesentliche Bestandteile des Konzepts für Europaschulen, das seit 1996 verfolgt wird. EU-Gelder helfen dabei. "Es bringt unglaublich viel, durch die Dichte von Austausch und Kontakten entstehen ein ganz anderes Bild und ein anderes Verhalten", erzählt Löffler. Seine Schule ist übrigens auch sonst ganz international: Die 678 Schüler vertreten 15 Nationen.

Sprachen sind an Europaschulen naturgemäß ganz wichtig

Englisch, Französisch, Latein und bald Spanisch stehen an der Hebbelschule im Lehrplan. Crash-Kurse vor einem Austausch kommen hinzu: Polnisch, Finnisch und Italienisch sind dabei im Angebot des Gymnasiums, das auch mit Schulen in England, Frankreich, Spanien, den USA und Portugal verbunden ist. Mit Schulen in Opole (Polen), Venedig und Lissabon beteiligt sich die Hebbelschule seit drei Jahren am EU-Programm "Comenius". Ein gemeinsam erstelltes Lehrbuch auf Englisch gehört zu den Ergebnissen, Konversation ohne Scheu in der Fremdsprache ebenso: "Es kommt darauf an, dass die Kinder sich verständigen, nicht auf absolute Sprachrichtigkeit", sagt "Comenius"- Koordinator Löffler.

Die verlorene Angst vor sprachlichen Hürden trug auch dazu bei, dass - Ferienkurse ausgenommen - von 22 Schülern der Untersekunda immerhin 5 für ein Jahr ins englischsprachige Ausland gehen. "Das boomt", sagt Rektor Helmut Siegmon. Wenn die Schüler zurückkommen, müssen sie nicht unbedingt ein Jahr "dranhängen", obwohl das Auslandsjahr eigentlich nicht angerechnet wird. Siegmon: "Wenn sie ein halbwegs gutes Zeugnis haben, lassen wir sie 'springen'."

"Erst ist Skepsis da und dann Begeisterung"

Nicht notwendig ist das eine Autostunde weiter nördlich: Seit vorigem August "büffeln" sich je 14 Deutsche und Dänen aus dem 11. Jahrgang gemeinsam dem Abitur entgegen. Sie kommen aus Niebüll und Tondern, bilden in einer lange von Misstrauen belasteten Region eine einmalige "Europaklasse" und lernen jeweils ein halbes Jahr lang im Wechsel an beiden Schulen. Das kostet lange Schulwege und bringt außer sprachlichen Fertigkeiten und Hochschulreife für beide Länder ein anders kaum erwerbbares Maß an Verständnis für die Nachbarn.

Nach Überzeugung der Pädagogen führen derartige Kontakte dazu, Vorbehalte abzubauen. Beispiel Polen: "Erst ist Skepsis da und dann Begeisterung" sagt die Fachleiterin für Wirtschaft und Politik an der Kieler Hebbelschule, Wolfgard Bock. "Wenn die Schüler die polnische Gastfreundlichkeit kennen gelernt haben, kommen sie schwärmend zurück - dass man zu zweit im Bett schlafen muss, ist dann egal", ergänzt Löffler.

Wolfgang Schmidt, dpa


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