HOME

Großbritannien: Burger Prince

Andere Länder, gleiche Probleme? Bernd Dörler über den Kinderalltag in Großbritannien.

Offiziell ist das britische Klassensystem längst abgeschafft. Nehmen wir Prinz Harry, der mit 19 kifft, flucht und säuft wie ein Vorstadtproll. Zudem beweist er gerade, dass auch die Bildungsschranken zwischen höheren und niederen Ständen gefallen sind. Der fidele Prinz, vom Verstand beiden Elternteilen ähnlich, hat das Eliteinternat Eton als schlechtester Schüler des gesamten Jahrgangs absolviert. Schlimmer noch, und das gilt in den besseren Kreisen Britanniens als "absolutely disgusting": Der Queen-Enkel mampft gern Burger und Fritten, wie die meisten der Untertanen. Denn gerade in Ernährungsfragen ihrer Kids funktioniert die Klassenteilung im Vereinten Königreich noch rigide wie im viktorianischen Zeitalter. Kinder der britischen Elite werden gnadenlos gesund ernährt, vor allem in der Öffentlichkeit. In den grotesk überteuerten Londoner In-Restaurants sitzen tagtäglich gelangweilte Kids mit ihren Eltern am Tisch, trinken Perrier und stochern im Bio-Ruccolasalat mit Pecorino-Flocken. Dann gibt es organische Hühnchen, natürlich freigelaufene. Jane, Gattin eines erfolgreichen Citybankers, über die Verzehrgewohnheiten ihrer beiden Sprösslinge: "Wenn sie nach McDonald's oder einer Cola fragen würden, hätte ich als Mutter versagt."

Dagegen die breite Basis, nach wie vor "working class" genannt: Bereits 8,5 Prozent aller Sechsjährigen im Vereinten Königreich leiden unter drastischem Übergewicht. Ihr Alltagsmenü besteht traditionell aus Softdrinks, Fritten und "Crisps" - jenen Kartoffelchips mit Essiggeschmack, deren leere Tüten Straßen, Busse und U-Bahnen Londons zumüllen. Lehrer berichten, dass viele Eltern den Kleinen statt Pausenbrot Schokoriegel in den Ranzen stopfen. Ist ja auch einfacher, als Stullen zu schmieren. Schulmilch hatte schon Margaret Thatcher, die Domina der Neoliberalen, aus Kostengründen abgeschafft. Dafür stehen in vielen Schulen bis heute Cola-Automaten. Jetzt, zum Schulbeginn, registrierte die Grundschuldirektorin Monica Galt aus Manchester ein beschämendes Phänomen: Erstklässler, die nicht mit Messer und Gabel umgehen können, weil sie zu Hause auf der Fernsehcouch immer mit den Fingern essen dürfen. Wenigstens mit Besteck kann Prinz Harry oberklasse hantieren.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity