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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Was du so erlebst, wenn du hauptberuflich über Sex schreibst

Seit Carrie Bradshaw und "Sex and the City" ist die Berufsbezeichnung Sex-Kolumnistin eine geläufige und wohl auch anerkannte. Henriette Hell erlebt aber auch, was dieser Beruf auf Partys auslöst. 

Sarah Jessica Parker hat als Carrie Bradshaw (2. v. l.) in "Sex and the City" gezeigt, was das Leben als Sex-Kolumnistin so mit sich bringt

Sarah Jessica Parker hat als Carrie Bradshaw (2. v. l.) in "Sex and the City" gezeigt, was das Leben als Sex-Kolumnistin so mit sich bringt

Seit gut zwei Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit unterhaltsamen Kolumnen und Büchern rund ums Thema Sex. Ich kann mir im Moment nichts Besseres vorstellen, weil es nicht nur großen Spaß macht, sondern auch überaus lehrreich ist. Dadurch, dass ich jeden Tag die neuesten Nachrichten dazu lese, habe ich eine Menge darüber gelernt, wie unsere Gesellschaft tickt. Ich meine, mal ehrlich, Leute: Was ist schon weltbewegender als die menschliche Sexualität?!

Lustigerweise halten mich viele Leute für deutlich versauter, umtriebiger und durchgeknallter als ich eigentlich bin. Sie vermuten, dass ich ständig auf Fetischpartys abhänge, zehn Liebhaber gleichzeitig habe (zu Forschungszwecken) und mein Schlafzimmer einem BDSM-Studio gleicht. Was kein Kunststück wäre, weil man als "Sexpertin" ständig Werbegeschenke von Sexspielzeugherstellern bekommt. Aber bloß, weil ich eine Sex-Kolumne habe, heißt das noch lange nicht, dass ich häufiger ans Bumsen denke als ihr. Vermutlich ist sogar das Gegenteil zutreffend, ihr kleinen Lustmolche!

Über Sex zu schreiben, ist auch nur ein Job

Was man den meisten Leuten jedenfalls erstmal klarmachen muss: Über Sex zu schreiben, ist auch nur ein (ziemlich unterhaltsamer) Job, der lediglich eine gewisse Stundenzahl beansprucht und klare Strukturen hat. So wie Ärzte morgens ihren OP-Plan durchgehen oder Bäcker ihre Brötchen in den Ofen schieben, checke ich im Netz alle neuen Studien und Trends, die das Thema "Fortpflanzung" tangieren: Wann kommt die Pille für den Mann auf den Markt? Wie viel Prozent der Deutschen gehen fremd und warum? Wie beliebt ist mittlerweile Social Freezing? Das sind alles Fragen, die unsere unmittelbare Zukunft mitbestimmen. Voll mein Ding! Sobald eine Unterhaltung auf das Thema Sex zusteuert, drehe ich deshalb auch total auf, weil ich mich einfach verdammt gut auskenne – egal, ob es um den Dresscode im KitKatClub an einem Freitag oder Reproduktionsgenetik geht.

Es ist aufregend, Dinge aufzuschreiben, die andere nicht mal gegenüber ihrem Partner oder der besten Freundin ansprechen würden, und Tabus zu brechen. Natürlich kann man es nicht jedem recht machen. Deshalb lautet die wichtige Regel für alle Sex-Kolumnisten und sowieso jeden Redakteur, dessen Texte online veröffentlicht werden: Lies niemals die Kommentare unter deinen Artikeln! Denn wir alle wissen ja, dass es sich in 99 Prozent der Fälle um frustrierte Hohlbirnen handelt (was man an den Rechtschreibfehlern und der inhaltlichen Leere schnell erkennt), die nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als Hass zu verbreiten.

Du hast einen (inneren) Auftrag

Was entscheidend ist: Es interessiert dich nicht, was andere von deinem Beruf halten. Du machst dein Ding. Weil du gut darin bist. Dein Ziel ist es, deine Leser dazu zu bringen, locker und entspannt mit dem Thema Sex umzugehen, Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und Flops mit dem anderen Geschlecht nicht allzu ernst zu nehmen.

Nebenbei häuft man jede Menge unnützes Wissen an, mit dem man auf Partys DER Knaller ist ("Wusstet ihr, dass es Männer gibt, die darauf stehen, wenn eine Frau ein Ei in ihrem Hintern zum Platzen bringt und 80 Prozent aller Mathematiker und Biochemiker noch Jungfrau sind?!").

Manche Partygäste haben offenbar auch einen

Womit du auf Partys ständig rechnen musst: Völlig fremde Männer werden sich, meist im betrunkenen Zustand, das Recht herausnehmen, dir unverschämte Fragen zu stellen. Viele deiner Freunde und Bekannten, aber auch völlig Fremde sehen dich als einen Art "Dr. Sommer" und erzählen dir jedes Mal, wenn ihr euch seht, brühwarm jedes Detail ihrer letzten Bettgeschichte/Pleite. Danach fordern sie deinen klugen Rat ein. Was für dich natürlich kein Problem ist. Andere glauben, dass sie sich dich mit wilden Geschichten erfreuen können, da du ja nonstop auf der Suche nach Inspiration bist. Stimmt auch. Manchmal wirst du auch vorgeführt wie ein Zirkusäffchen, zum Beispiel, wenn dich einer deiner Freunde jemandem vorstellt und ihm auch gleich noch aufs Brot schmiert, was du beruflich machst: "Das hier ist Henriette – die schreibt Kolumnen über Sex, sieht also nur so unschuldig aus. Hihihi!"

In jedem Fall solltest du dir einen coolen, selbstbewussten Freund suchen, der grundsätzlich über den Dingen steht und deine textlichen Ausführungen nicht allzu ernst nimmt. Denn hin und wieder wird auch er eine Rolle darin spielen … Zum Ausgleich überraschst du ihn regelmäßig mit neuen Skills, denn durch deine Recherchen bist du ja ständig auf dem neusten, äh, Stand.

Fazit: Dein Sexleben wird sich durch deinen Job auf jeden Fall verbessern. Und genau das ist es ja auch, was du dir für deine Leserinnen und Leser wünschst: einfach besseren Sex. 

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