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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Knutschen mit Kraken - warum die Berliner Sexclubs so großartig sind

Die #metoo-Debatte hält Menschen in Berlin nicht davon ab, am Wochenende auf angesagten Sexpartys alles zu zeigen und sich hemmungslos auszuleben. Ausgerechnet dort klappt es nämlich prima mit dem gegenseitigen Respekt. 

Sexclubs in Berlin

#metoo? In Berlins wilden Fetisch-Clubs ist das gar kein Thema

Wenn du an einem Samstagabend neben einem Kraken, einer als Pferd verkleideten Frau inklusive Hufen, Schweif und Maske sitzt, du selbst kaum mehr als eine Netzstrumpfhose trägst und dir eine Kellnerin mit umgeschnürten Lederriemen und gut sichtbarem Intimpiercing freundlich einen Gin Tonic serviert, dann bist du vermutlich auf einer hippen Berliner Sexpartys gelandet. Im legendären „KitKat“-Club zum Beispiel. In der „Wilden Renate“. Oder im Fabrikkomplex „Alte Münze“. Wer macht sowas? Nunja, in - fast alle. Geknutscht oder gefummelt haben die meisten von uns wahrscheinlich alle schonmal in einer öffentlichen Bar (oder deren WC). Das gehört halt dazu, wenn man jemanden richtig scharf findet. In unserer Hauptstadt wird das Ganze regelmäßig auf die Spitze getrieben.

Knutschende Kraken

Wir Deutschen haben ja das Glück, dass es in Europa – vielleicht sogar weltweit?! – keine andere Stadt gibt, in der die Menschen so offen, selbstbewusst, kreativ und frei ihre Sexualität feiern und leben wie in Berlin. Im „KitKat“ und Co. legst man seine Hemmungen, Selbstzweifel und schlechte Laune an der Garderobe zusammen mit seinem Wintermantel ab und fühlt sich bestenfalls von Sekunde eins an richtig wohl damit. Weil praktisch alles passieren kann. Oder eben nicht. Erstmal ist alles eher so wie in der Sauna. Alle sind nackt, aber es ist einem relativ egal. Der Dresscode ist allerdings klar definiert: Entweder man kommt nackt, in Dessous oder in einem verrückten Kostüm. Viele Frauen tragen enge Latexkleider, Highheels und Korsagen. Wirklich sexy! Zumindest, wenn sie die nötige Attitüde mitbringen und nicht bloß kichernd mit ihrer „BFF“ in der Ecke stehen. Männer haben es da schon deutlich schwerer. Gibt ja in dem Sinne keine Reizwäsche für Typen. Einige versuchen es mit Lederriemen. Andere ziehen „FC Bayern München“-Badehosen an, dazu Bolzer und Strümpfe. 

Aber, ich schwöre es: Die richtig heißen Menschen sind definitiv in der Überzahl. Und außerdem spielt es eh keine Rolle wie sexy oder hässlich jemand aussieht. Denn das ist das Tolle an den Berliner Techno-/ ist, dass du ganz du selbst sein kannst oder eben so wie du schon immer sein wolltest. Keiner, wirklich KEINER wird dich wegen irgendetwas schräg angegucken. Bodyshaming? Fehlanzeige! #metoo? Überflüssig. Wer bisher mit sich haderte, kann sich hier entspannt zurücklehnen (und genießen). Alle sind eine große Familie. Diversität ist „in“. Wie gesagt: Sogar Kraken (WTF?!) sind willkommen. Und Pferde. Hier und da schleicht mal ein nackter Opi an einem vorbei, der verzweifelt und ganz allein gegen seine erektile Dysfunktion ankämpft. Das ist schon etwas, äh, verstörend. Aber das Mitleid überwiegt dann doch.

Eigentlich ist es im „KitKat“ wie ein Kino. Man setzt sich hin, schlürft einen Drink und freut sich über das, was sich vor einem abspielt: freie Liebe, Toleranz, Respekt. Danke, Berlin.  

Das Brandzeichen von Sarah Edmondson.

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