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"Be Hers Be Mine": "Unsere Leihmutter hat mir das größte Geschenk gemacht, das man mir hätte machen können"

Acht Jahre lang haben Jasmin und Andreas versucht, ein Baby zu bekommen. Doch nicht einmal Hormonbehandlungen brachten das ersehnte Kind, auch eine Adoption klappte nicht. Den Schweizern blieb nur eine Option: eine Leihmutter in den USA.

Jasmin und Andreas sitzen zusammen mit Sohn Levi und den Leiheltern Beth und Trevor im Hotel in Appleton, Wisconsin

Jasmin und Andreas (beide rechts) sitzen zusammen mit Sohn Levi und den Leiheltern Beth und Trevor im Hotel in Appleton, Wisconsin

"Wir wollten schon recht früh eine Familie gründen, eigentlich", erzählt Jasmin, 36, die ihren richtigen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. Sie war 28, als das Paar beschlossen hat, ein Kind zu kriegen. Doch ein Beschluss reicht dafür manchmal nicht aus. Eigentlich ziemlich oft nicht, wenn man in die Statistik der European Society of Human Reproduction and Embryology schaut: Weltweit versucht jedes sechste Paar vergeblich, schwanger zu werden, in der Schweiz sogar jedes fünfte. Jasmin und ihr Mann Andreas (auch er heißt eigentlich anders) leben in Zürich.

Ihre Unfruchtbarkeit war belastend, so sehr, dass sie niemandem davon erzählten. "Dann haben wir versucht, mit künstlicher Befruchtung nachzuhelfen, aber auch das hat nicht geklappt", sagt Jasmin. Die Ärzte konnten nicht herausfinden, woran es lag. Sie rieten dem Paar, einen weiteren Versuch im Ausland zu wagen. "Wir sollten nach Spanien gehen, weil es dort mehr Möglichkeiten in der Präimplantationsdiagnostik gibt. In Spanien hat man uns gesagt, wenn man das testet und die Embryonen gut sind, würde ich garantiert schwanger. Das haben wir probiert, die Embryonen wurden getestet und waren ganz normal, ich bin aber weiterhin nicht schwanger geworden." Die spanische Frauenärztin vermutete, "es müsse etwas Immunologisches sein, dass mein Körper die Embryonen nicht annehmen kann", berichtet Jasmin.

Mit Mundschutz und Plastikhaube auf dem Kopf betrachten die genetischen Eltern fasziniert die Geburt ihres Kindes

Die genetischen Eltern Andreas und Jasmin begleiten die Geburt ihres Sohnes, der von einer Leihmutter zur Welt gebracht wird. In der Schweiz ist es verboten, eine Leihmutter zu engagieren, das Kind kommt in den USA zur Welt.

"Alle Arten von Leihmutterschaft sind unzulässig", heißt es in der Schweizer Bundesverfassung (Art. 119 Abs. 2 Best. d. BV). Laut Artikel 252 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches ist die Mutter eines Kindes die Frau, die das Kind geboren hat. "Es gibt aber ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, das besagt, wenn das Kind genetisch verwandt ist, muss die Elternschaft anerkannt werden – zumindest des Elternteils, der genetisch verwandt ist. Danach muss sich auch die Schweiz richten", weiß Jasmin. Ihr Sohn hat mittlerweile auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Adoption? In der Schweiz extrem schwierig

Als Laie glaubt man, dass sich Behörden über nichts mehr freuen würden als über ein Paar, das ein Kind adoptieren möchte. Doch leider sieht die Realität anders aus, wie Jasmin und Andreas feststellen mussten, nachdem sie ein Adoptionsverfahren gestartet hatten: "Wir haben mehrere Jahre auf einen Kindervorschlag gewartet, der ist aber nicht gekommen. In der Schweiz ist es extrem schwierig, überhaupt einen Kindervorschlag zu kriegen – obwohl wir unseren Wunsch weit gefasst hatten: Wir haben gesagt, wir würden auch ein Kind mit einer Behinderung nehmen oder eins, das HIV-positiv ist." Das Paar wollte unbedingt zu einer Familie heranwachsen und hatte keine Angst, dabei auch Schwierigkeiten bewältigen zu müssen. Doch selbst dieser aufgeschlossene Ansatz zeigte keinen Erfolg.

Den beiden wurde geraten, "das Land zu ändern", also ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren. Sie wandten sich an verschiedene Agenturen, wurden jedoch nicht angenommen, weil diese keine weiteren Adoptionsbewerber aufnehmen wollten. "Und so bleibt dann nur noch die Privatadoption", sagt Jasmin, "aber da weiß man nie, ob das alles legal abläuft. Man will ja nicht sein Glück auf dem Unglück einer anderen Frau aufbauen bzw. man will ja niemandem sein Kind wegnehmen. Deswegen kam das für uns nicht infrage." Die Angst, ungewollt an Kinderhändler zu geraten, hielt die beiden von dieser Möglichkeit ab.

Die Leihmutter: Jasmin spricht im Interview über ihren Fall

"Die spanische Ärztin hatte uns geraten, eine Leihmutterschaft in Betracht zu ziehen, wenn wir noch Kinder haben möchten" , erzählt Jasmin. Nach all den missglückten anderen Versuchen schien dieser Weg dem Paar der letzte Ausweg zu sein. Der stern hat Jasmin interviewt, um zu erfahren, wie die Leihmutterschaft in ihrem Fall verlaufen ist.

Wie haben Sie Ihre Leihmutter gefunden?
Wir sind über eine Agentur gegangen. Man bekommt irgendwann eine Art Exposé über sie und sie bekommt parallel eins über das Paar. Beide Parteien haben 24 Stunden Zeit, sich das anzuschauen und sich zu überlegen, ob man miteinander sprechen will. Wir haben beide ja gesagt und dann haben wir geskypt. Anschließemd muss man sich entscheiden, ob das klappen könnte, menschlich. Das haben wir aber recht schnell gemerkt, es hat gefunkt. Und dann machen Anwälte die Verträge.

Ist die Leihmutter auch in einer Beziehung?
In den USA ist das recht gut geregelt. Leihmütter dürfen nicht in Armut leben, damit sie das nicht aus Geldnot machen. Sie müssen auch schon eigene Kinder haben und sollten in einer Beziehung leben bzw. ein gefestigtes Leben führen. Unsere Leihmutter lebt in einer festen Partnerschaft und hat ein Kind und er hat auch schon drei Kinder, zusammen haben sie also vier. Eine Patchworkfamilie.

Beth und Trevor, die Leiheltern aus Winsconsin, vor ihrem Haus

Beth und Trevor, die Leiheltern aus Winsconsin, vor ihrem Haus. Für Beth ist es ihr Glaube, der sie motiviert, Kinder für andere auszutragen.

Wie alt ist Ihr Baby jetzt?
Acht Monate.

Und seit wann haben Sie es in der Schweiz?
Vier Wochen nach der Geburt sind wir in die Schweiz geflogen.

Dann hat die Leihmutter schnell abgestillt und Sie haben Fläschchen gegeben?
Nein, ich habe auch gestillt. Man kann als Wunschmutter, sag ich mal, auch stillen. Das geht. Und sie hat weiterhin abgepumpt, tut das auch jetzt noch und spendet ihre Milch an Kinder, die sie brauchen.

Wie kann man als Mutter, die nicht schwanger war, stillen?
Das ist gar nicht so kompliziert. Man kombiniert die Pille mit Motilium, einem Medikament für die Verdauung. Und wenn man das überdosiert und dann die Pille absetzt, produziert man Milch. Ich konnte also relativ problemlos stillen.

Haben Sie noch regelmäßigen Kontakt zur Leihmutter?
Ja, sie ist die Taufpatin unseres Sohnes. Sie waren auch bei uns in der Schweiz und haben uns besucht. Wir haben mehrmals pro Woche Kontakt.

Müssen Sie sich Sorgen machen, dass die Leihmutter irgendwann Ansprüche auf das Kind erhebt?
Das ist vertraglich geregelt, aber man kennt die Frau ja auch sehr, sehr gut. Und die Familie. Wir haben bei ihnen übernachtet und gelebt. Das steht außer Frage. Sie ist wie eine Tante. Ich habe das Gefühl, sie ist meine Schwester geworden. Sie hat mir aus einer extrem großen Notlage geholfen und mir das größte Geschenk gemacht, das man mir hätte machen können. Für mich ist ganz selbstverständlich, dass sie ein Teil meiner Familie ist und umgekehrt. Das ist also unvorstellbar.

Hat die Leihmutter Geld bekommen?
Man zahlt Geld an die Agentur, das kostet recht viel. Die Agentur verteilt das Geld an Anwälte und alle anderen Beteiligten, damit das geregelt abläuft. Es ist vertraglich festgelegt, dass die Leihmutter Geld bekommt, wenn sie zum Beispiel während der Schwangerschaft bettlägerig wird. Wir hätten in dem Fall die Haushaltshilfe bezahlt und so weiter. Oder wenn sie einen Lohnausfall hat, weil sie mit unserem Kind schwanger ist, dann kommen wir dafür auf. Es gibt auch eine Aufwandsentschädigung, die gilt aber nicht als Bezahlung. Es ist aber nicht so viel, dass man sagen könnte, dass sie wegen des Geldes Leihmutter würde. Diese Frau ist sehr gläubig, sie macht das aus Überzeugung. Sie hat das schon einmal für ein Paar aus den USA gemacht und fand es erfüllend, so etwas Schönes zu tun. Sie hat gesehen, welches Glück sie bewirken kann. Und sie wird es auch wieder machen.

Welcher Glaubensrichtung gehört die Leihmutter an?
Sie ist christlich.

So etwas lässt sich hier nur schwer vorstellen.
Am Anfang habe ich mir viele Gedanken über die Motivation einer Leihmutter gemacht, warum eine Frau das macht. Im Vertrag hieß es, wir müssten einmal pro Woche mit ihr per Skype Kontakt haben. Ich fand das extrem irritierend, ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich wollte diesen engen Kontakt eigentlich gar nicht. Aber wir haben uns darauf eingelassen und es war wie eine Erleuchtung zu sehen, dass es Leute gibt auf der Welt, die wirklich noch etwas bewirken wollen. Sie hat das aus Überzeugung gemacht und das hat mich wahnsinnig tief berührt. Ich habe gemerkt, dass wir uns in Europa teilweise gar nicht mehr vorstellen können, dass man so etwas für jemand anderen tun könnte. Ich habe erfahren, was für ein Gewinn es ist, wenn man sich auf so etwas einlässt. Es hat mich mit Demut erfüllt, das zu sehen.

Wollen Sie Ihrem Sohn später davon erzählen?
Auf jeden Fall. Wie gesagt, vom Gefühl her ist sie wie eine Schwester geworden und sie wird immer Teil der Familie sein. Wir werden sie besuchen und natürlich werden wir unserem Sohn auch erzählen, wer sie ist und was sie für uns gemacht hat. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, wenn man das in gegenseitigem Respekt macht, wenn man darauf achtet, dass niemand ausgenutzt wird, dann ist das etwas sehr Schönes. Wir haben nicht nur ein Kind bekommen, sondern eine ganze, neue Familie dazu. Sie sind Teil der Geschichte und das würde ich auf keinen Fall verschweigen.

Das klingt sehr rührend.
Es war für uns extrem bewegend, ja. Diese Frau verdient den größten Respekt. Es gibt bestimmt Orte oder Länder, wo das anders ist, in Indien beispielsweise, aber wir haben es nicht so erlebt.

Die genetischen Eltern mit ihren Baby

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Djamila Grossman und Tom Licht haben Jasmin und Andreas zur Geburt ihres Kindes in die USA begleitet. Ihnen ist es ein Anliegen zu zeigen, wie ernsthaft und auch beklommen das Thema Leihmutterschaft in der Schweiz wahrgenommen und wie kontrovers es diskutiert wird. Aus den Fotos, die sie während der Zeit in den USA gemacht haben, von den genetischen sowie von den Leiheltern, von einsamen Orten und verschneiten Landschaften, soll ein Buch entstehen, das den Titel "Be Hers Be Mine" trägt. Es soll nicht nur von diesen beiden Paaren und dem glücklichen Ausgang ihrer Geschichte erzählen, sondern auch zum Nachdenken anregen – über Medizin, Ethik, Wissenschaft, Glaube, Philosophie und vieles mehr. Es soll ebenfalls von dem Leidensdruck erzählen, den Paare verspüren, die nicht schwanger werden können. Zur Finanzierung des Buches haben die beiden Fotografen eine Kickstarter-Kampagne angelegt, mit der man sie unter diesem Link unterstützen kann.

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