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stern-Reportage

Bremerhaven: Die Kinder vom Pausenhof

Bremerhavens Goetheviertel ist eines der ärmsten Quartiere Deutschlands. Seine Kinder wachsen in Elend und Unsicherheit auf – und ohne Vertrauen in eine bessere Zukunft. Doch es gibt eine Frau, die dagegenhält.

Von Katharina Kluin (Text) und Sonja Och (Fotos)

Sylvana Börger mit ihrem Sohn Jayden, 6, rechts von ihr. Ihrem Blick entgeht hier nichts.

Sylvana Börger mit ihrem Sohn Jayden, 6, rechts von ihr. Ihrem Blick entgeht hier nichts.

"Schon immer wollte ich viele . Richtig viele."

"Schon immer, Sylvana?"

"Ja. Als ich klein war, dachte ich, dass von all den Kindern, die irgendwann auf die Welt kommen, möglichst viele bei mir landen sollten."

"Warum?"

"Weil ich nicht wollte, dass sie bei den Falschen landen. Bei solchen wie meinem Vater."

Sylvana steht vor dem Spielplatz und zündet sich eine an. Auf dem Platz ist Rauchen strikt verboten, und Sylvana ist diejenige, die das kontrolliert. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss gehen. Aber die meisten halten sich daran, denn Ärger mit Sylvana will keiner.

Sie hat tatsächlich viele Kinder bekommen, richtig viele. Fünf eigene, einen Patchworksohn – und einen ganzen Spielplatz voll.

Sylvana Börger, 42, verkauft Slush-Eis und Pommes und Haribo in Bremerhaven. Ihre alte Jahrmarktbude steht auf dem Spielplatz "Pausenhof Lehe", einem ehemaligen Schulhof im Herzen des Ortsteils Goethestraße. Mehr als ein Drittel der erwerbsfähigen Menschen leben hier von Hartz IV, 56 Prozent aller Kinder. Bundesweit lebt jedes siebte Kind in einer Hartz-Familie, warnten vor Kurzem Linkspartei und Sozialverbände. Im Bundesland Bremen ist es fast jedes dritte – in Goetheviertel mehr als jedes zweite.

Feste Regeln und ein Ort, an dem es für die Kinder noch Verlässlichkeit gibt

In diesem Viertel kann man sehen, welche Probleme ein Deutschland bekommt, das ganzen Stadtteilen voller Kinder keine Hoffnung auf eine gute Zukunft verspricht. " ärmster Stadtteil!", hat die "Bild" über Bremerhaven-Lehe geschrieben, in dem das Goetheviertel liegt. Genauso wiederholen es auch seine Bewohner. Mit Ausrufezeichen. Manche sagen es mit Stolz in der Stimme: "Schau, was wir aushalten können." Und viele mit Groll: "Schau, wie sehr man uns alleingelassen hat."

Sylvana Börger gehört zu denen, die stolz auf das sind, was sie hier schaffen, auch wenn Groll ihr nicht fremd ist. Sie kommt selbst in den Statistiken vor, das Amt stockt ihr spärliches Einkommen aufs Existenzminimum auf. Dabei arbeitet sie morgens in einer Kneipe und ab Mittag im Kiosk – und ehrenamtlich für den Bürgerverein, der den Spielplatz betreibt. Dieser dritte Job ist eigentlich ihr wichtigster: Sylvana Börger macht den Pausenhof zu einem Ort, an dem es für die Kinder des Quartiers noch einen Rest von Verlässlichkeit gibt. Aufmerksamkeit und Respekt und die gleichen Regeln für alle. Wer weint, wird in den Arm genommen. Wer Mist baut, der entschuldigt sich. Wir schmeißen nicht mit Stühlen, wir schlagen uns nicht. Und zwar erst recht nicht, wenn wir die Älteren sind. Oder die Eltern.

Sylvana Börger mit ihrer Tochter Lotti, 4, dem jüngsten ihrer sechs Kinder 

Sylvana Börger mit ihrer Tochter Lotti, 4, dem jüngsten ihrer sechs Kinder 


Jedes Kind hat seine Geschichte

Zu fast jedem der Kinder auf dem Platz kann Sylvana Börger eine Geschichte erzählen. Es sind selten gute Geschichten. Der Rotblonde, eigentlich ein feiner Kerl, aber aggressiv, sein Vater sitzt im Knast. Der Dünne, so lieb, aber er wird nicht satt an Aufmerksamkeit, seine Mutter hat es schwer gehabt, sie wurde als Kind vergewaltigt. Der Kleine hier hat meist Hunger. Sein Vater verkauft abends Rosen, oder eben keine. Und der mit den schönen braunen Augen, er wäre so gern ein Mädchen. Seine Mutter wollte, dass er eins geworden wäre, am Ende wollte sie ihn dann gar nicht mehr, er hat sie drei Jahre nicht gesehen.

Es sind so viele Geschichten, und es sind so viele Klischees, die Sylvana Börger mit ihnen bestätigt, es fiele schwer, ihr zu glauben, erzählten nicht alle ganz Ähnliches. Auch die Kinder selbst. "Ich war in der Therapie." – "Meine Schwester ist im Heim." – "Ja, ich rede immer in dem Ton, nur nicht mit meinen Eltern, sonst schlagen die mich tot." – "Nein, meine Mutter brauchst du nicht fragen, ob ihr mich fotografieren dürft, die hat nichts mehr zu sagen, das macht mein Vormund vom Jugendamt."

Ums Geld geht es hier schon lange nicht mehr. Nicht um Schulausflüge oder um leere Pausenbrotdosen, so wie in anderen armen Teilen Deutschlands. Im Goetheviertel geht es nicht um Fußballschuhe, nicht um Deichmann oder Adidas – es geht um das Elend, das aus der Armut erwächst, wenn sie zu lange dauert. Weil Armut die Hoffnung nimmt und Enttäuschung Menschen hart werden lässt. Auch gegen ihre eigenen Kinder.

Im Goetheviertel dauert die Armut viel zu lange. In den 70er Jahren verschwand die Fischerei, in den Achtzigern und Neunzigern der Schiffbau und die US-Armee. Die Stadt verlor allein zwischen 1995 und 2005 20 Prozent der Jobs. Wer neue Arbeit fand, zog weg, wer keine fand, blieb. Und kaum jemand bildete die Bleibenden noch aus. Die Eltern der Kinder vom Pausenhof sind oft die dritte Generation, die von staatlicher Hilfe lebt. Oder Neue, die, weil sie auch nichts haben, auf der Suche nach billigem Wohnraum hier gelandet sind.

Sylvana Börger kam aus Rostock, vor gut 20 Jahren. Mit Stationen in Sankt Peter-Ording, Travemünde und dem Scheitern ihrer ersten Ehe. Das Goetheviertel ist hübsch, eigentlich. Ein buntes Altbauviertel, in dem einst Arbeiter lebten. Man sieht ihm die Armut nicht gleich an. Nicht so wie den Hochhausquartieren der Schwesterstadt Bremen, wo sie Netze über manche Hauseingänge spannen, um die Leute unten vor denen zu schützen, die von oben herunterspringen. In der Goethestraße in Bremerhaven stehen Villen aus der Gründerzeit zwischen Mietshäusern im Jugendstil. Möwen kreischen. In kleinen Vorgärten wachsen Blumen hinter schmiedeeisernen Zäunen. Sylvana Börger wusste gleich, dass sie bleiben wollte.

"Was machen deine Kinder bei Regen, Sylvana?" "Dann sind sie oft bei der AWO, im Jugendhaus." "Liegt der Nachmittagstreff von 'Rückenwind' nicht viel näher?" "Ja, fast nebenan, aber da gehen ja nur die Armen hin."

Lotti auf dem Spielplatz. Aufgrund des schönen Wetters ist heute besonders viel los.

Lotti auf dem Spielplatz. Aufgrund des schönen Wetters ist heute besonders viel los.


Eine eigene Definition von Armut

Das sagt die Frau mit sechs Kindern und zwei Jobs und einem Einkommen auf Hartz-IV-Niveau. Sie meint es absolut ernst. Sie würde sich nie als arm bezeichnen. Arm, das war ihre Kindheit in Rostock. Eine Kindheit in der DDR, in der es angeblich keine Armut gab. In der sie sich aber nicht zu essen und zu trinken nehmen durfte, wann sie es brauchte. In der ihre Mutter die Familie verließ. In der die Stiefmutter ihren Vater gegen sie und die Geschwister aufhetzte. Er trank und schlug, sagt sie. Sylvana ging mit zwölfeinhalb Jahren freiwillig in die Lehre bei der DDR-Post. Raus, nur raus und schnell das eigene Geld verdienen.

Das heißt "arm" für sie.

Die Aktion "Rückenwind für Leher Kinder" liegt keine 150 Meter vom Pausenhof entfernt. Es gibt einen Kicker, eine Fahrradwerkstatt, Selbstverteidigung für Mädchen, Buntstifte, Gesellschaftsspiele. Und Essen. Der Treff macht um 15 Uhr auf. Aber die Armen, die Sylvana Börger meint, stehen oft schon eine Stunde früher an der Tür.

Es gibt Kinder im Viertel, die werden morgens auf die Straße geschickt und dürfen erst zum Schlafen wieder nach Hause kommen. "Rückenwind" stellt ihnen jeden Nachmittag Wasser, Apfelschnitze und gespendetes Brot auf den Tisch, manchmal auch Kuchen. Essen und Trinken bekommt morgens keines dieser Kinder mit in den Tag.

Zwar werden sie zur Schulzeit vor die Tür gesetzt, aber sehr oft kommen sie nicht im Unterricht an und auch nicht in der Mensa. Das Obst bei "Rückenwind" ist für manche die erste Mahlzeit des Tages. Spätestens zum Abendessen sind dann 50 Kinder da, im Winter fast doppelt so viele. Die Mitarbeiter sagen, es sei oft schwer zu unterscheiden, ob die Eltern ihrer Stammgäste wirklich kein Geld für das Essen haben oder ob sie es lieber für anderes ausgeben. Oder ob ihre Kinder lieber bei "Rückenwind" als zu Hause sind.

Graffito an der Wand: Wir lieben die Sonne, aber wir achten den Regen. Sylvana Börger ist selbst oft erstaunt, wie tapfer die Kinder ihr Leben nehmen.

Graffito an der Wand: Wir lieben die Sonne, aber wir achten den Regen. Sylvana Börger ist selbst oft erstaunt, wie tapfer die Kinder ihr Leben nehmen.


Hunger macht sie alle betroffen

Jetzt, im Sommer, sind die Ärmsten oft auch auf dem Pausenhof. Sylvana Börger erkennt die Hungrigen meist daran, dass sie eben nicht "Ich auch!" rufen, wenn jemand Pommes bei ihr kauft, sondern verdruckst um die Tische herumschleichen, an denen gegessen wird. Sie stellt dann eine Extraportion Fritten dazu. Alle wissen, dass sie es nur bei denen tut, die wirklich nichts haben. Jedenfalls hat es noch keinen Streit darüber gegeben, wer seine Pommes bezahlen muss und wer nicht. Hunger macht auch die Menschen im Goetheviertel noch betroffen.

Man fragt sich, wie es sein kann, dass in Deutschland Kinder hungern und viele so regelmäßig nicht in der Schule erscheinen. Und warum so oft Ehrenamtler und Spenden dafür sorgen, dass sie etwas zu essen bekommen.

Die Beamten der Seestadt haben keine Lust, darüber mit der Presse zu reden, nach den vielen Jahren der Berichterstattung über die Armut, die der Strukturbruch in Bremerhaven hinterließ. Der Stadtrat für Soziales reagiert nicht auf die stern-Anfragen zum Interview, und seine Behörden geben nur schmallippig Auskunft. "Ich kann es nicht mehr hören", sagte eine Beamtin im Jugendamt, "gibt es denn keine andere arme Stadt in Deutschland außer Bremerhaven?" 

Doch, die gibt es. Allerdings hat kaum eine so mutig und sogar erfolgreich in die Zukunft investiert wie Bremerhaven. In Containerterminals, in Offshore-Windparks und Tourismus. Etwa 8000 neue Arbeitsplätze hat das gebracht. Viele denken bei Bremerhaven heute nicht mehr zuerst ans Armen-, sondern an das Klimahaus. Die Stadt hat im Goetheviertel die Schulen und den Jugendtreff modernisiert, hat Hebammen und Familienhelfer geschickt.

Nur am Elend im Quartier hat das wenig geändert.

Und so zeigt Bremerhaven eben doch ein bisschen mehr als andere, wie mühsam es ist, diejenigen wieder zurück in die Gemeinschaft zu holen, die schon zu lange von ihr abgekoppelt sind.

Auf dem Pausenhof gibt es Streit.

Ein Junge zieht einem Jüngeren kräftig eins über den Schädel. Sylvana Börger prescht sofort los. "Hier wird nicht geschlagen, Akson! Das weißt du genau!" – "Ich weiß, aber das hier ist ja mein Bruder!", ruft Akson zurück. Der Platz hat feste Regeln, Aksons Familie hat ihre eigenen – und außerhalb des Pausenhofs gelten manchmal gar keine mehr.

Batoh schreibt seinen Namen mit Kreide auf die Straße

Batoh schreibt seinen Namen mit Kreide auf die Straße


Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, stolpert auf der Ecke zur Goethestraße aus einem der Häuser. Seine Mutter setzt ihm nach, sie schubst ihn aus dem Hauseingang, "... das letzte Mal, dass du mitkommst ...", eilt ihm voraus, fährt herum, schlägt ihm ihre Wut links und rechts um Hals und Ohren und Schultern. Und ihr Freund, der nebenhergeht, bleibt vor dem Kind stehen und feixt. Er lacht den weinenden Jungen aus.

Zwei Straßen weiter. Ein anderer Junge, vielleicht acht Jahre alt, schlappt den Bürgersteig der Potsdamer Straße entlang. Er grinst, aber er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. "Ich sag's dir noch mal", brüllt seine Mutter. "Du hast deine Mama nicht zu schlagen!" Das scheele Lächeln ihres Sohnes macht ihren Zorn noch schlimmer: "Das geht nicht! Das geht gar nicht!", tobt sie. "Ich schmeiß dich aus dem Fenster!"

Die Organsiation "Rückenwind" gibt Kindern in Not ein Abendessen. An warmen Tagen laufen die Ehrenamtlichen mit den Kindern 40 Minuten zum Schrebergarten, wo sie frei spielen können und gegrillt wird.

Die Organsiation "Rückenwind" gibt Kindern in Not ein Abendessen. An warmen Tagen laufen die Ehrenamtlichen mit den Kindern 40 Minuten zum Schrebergarten, wo sie frei spielen können und gegrillt wird.


Stete Unsicherheit

Prekariat. Soziologen und Politiker verwenden den Begriff lieber als das Wort Unterschicht. Dieses "Prekariat" klingt irgendwie immer nach spitzen Fingern. Dabei beschreibt es sehr genau, worum es geht. "Précaire" bedeutet "heikel", "unsicher", "widerruflich". Und genau so ist das Leben der Kinder im Goetheviertel: Sie wachsen mit ständig drohendem Unheil auf.

Kindheit im Goetheviertel heißt, damit zu leben, dass dein Vater deiner Mutter kein Geld mehr für dich überweist. Dass die Schwester deines besten Freundes ins Heim kommt und er vielleicht auch. Dass die Nachbarskinder über Nacht verschwinden, weil ihre Eltern wegen organisierten Sozialbetrugs ausgewiesen wurden. Dass nach deinem Vater nun auch der Stiefvater nichts mehr von euch wissen will. Oder deine Mutter mit ihm durchbrennt.

Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Es gibt wenig, das für Kinderseelen giftiger ist. Weil sie irgendwann nichts mehr erwarten oder nur noch das Schlimmste.

Die Kinder auf dem Pausenhof haben oft keine Antwort darauf, was sie später werden wollen. Oder nur wenig realistische. Sie sagen, sie wollen Rennfahrer werden oder "DSDS"-Gewinner oder Fußballstar. Die Kinder von Sylvana Börger haben eine konkretere Idee von ihrer Zukunft. Dennis ist 21, er hat gerade die Prüfung zum Busfahrer bestanden, er postet die Selfies von sich am Steuer stolz bei Facebook. Justin ist 15, er möchte Sozialarbeiter werden. Jamy ist zehn, sie will mal Staatsanwältin sein, die Gymnasialempfehlung hat sie gerade bekommen. Kilian ist sieben, er will Arzt werden, weil "man dann was Gutes macht". Jayden ist sechs, er will jetzt erst mal zur Schule. Und Lotti, die vier ist, will ab sofort Journalistin sein.

"Ich hätte immer gerne eine kleine Insel gehabt, auf die ich alle mitnehmen kann, die es brauchen."

"Ist der Pausenhof nicht so eine Insel, Sylvana?"

"Vielleicht. Aber nicht wirklich. Ehrlich gesagt sind hier auch viele, die man lieber nicht dabeihätte."

Sie schaut über den Platz, dann tritt sie ihre Zigarette aus.

"Aber irgendwer muss sich ja trotzdem um sie kümmern."


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