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Haushalt, Erziehung, Sex: Angespannte Beziehung? Das raten Paartherapeuten frischgebackenen Eltern

Wie kann ich verhindern, dass meine Beziehung in Schieflage gerät? Und was kann ich tun, wenn es bereits passiert ist? Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie mit dem Schwerpunkt Paare und Familien an der Universität Zürich, und die Hamburger Paartherapeutin Dr. Anke Birnbaum fassen die wichtigsten Tipps aus ihrer Praxis zusammen.

Ein Baby wirbelt die Beziehung ganz schön durcheinander

Ein Baby wirbelt die Beziehung ganz schön durcheinander

Geteiltes Leid, halbes Leid! Sie sind ein Team! Schon in der Schwangerschaft. Sprechen Sie nicht nur über die Vorfreude und das neue Babybett, sondern auch über Ängste und Sorgen.

Verteilen Sie (Haus-)Aufgaben neu!

Selbst bei Paaren, die bisher alles gerecht geteilt haben, bleibt nach der Geburt oft der Großteil der Hausarbeit an ihr hängen. Sprechen Sie vorher über Aufgabenverteilungen: Wer bleibt wie lange beim Baby, was sollen dann ihre/seine Aufgaben sein? Wer reduziert wann die Arbeitszeit? Was kommt an neuen Aufgaben durch die Geburt dazu? Wie viel Zeit will jeder aufwenden für Kind, Alltag, Hobbys und Job? Wie schaffen wir es, dass er weiter zum Basketball gehen kann, sie weiter regelmäßig schwimmen? Manches mag zu theoretisch erscheinen, aber es hilft, von Anfang an im Gespräch über die Wünsche und Bedürfnisse zu bleiben.

Entlasten Sie sich!

Schaffen Sie sich frühzeitig ein Netzwerk, das es Ihnen ermöglicht, auch mal Zeit zu zweit zu verbringen: Familienmitglieder, andere Neu-Eltern, Freunde, Nachbarn und Bekannte. In Babygruppen, beim Pekip-Kurs oder in Elternschulen – die gibt’s auch für Männer – kann man Paare in ähnlicher Situation kennenlernen und sich gegenseitig helfen und austauschen. In vielen Städten gibt es ehrenamtliche Leih-Omas. Auch viele Arbeitgeber bieten an, einem bei der Suche nach „Notmüttern“ oder auch einem Platz bei einer Tagesmutter zu helfen, oft haben sie Verträge mit spezialisierten Dienstleistern wie etwa dem „Familienservice“. So erhalten Sie sich die Chance, sich zu reorganisieren und emotional weiter auszutauschen.

Passen Sie Ihre Sexualität an!

Nicht alles, was vor der Schwangerschaft Spaß gemacht hat, ist jetzt noch die reine Freude. Sexualität verändert sich in der Schwangerschaft und erst recht nach der Geburt. Wer hat noch Lust zu was? Tasten Sie sich gemeinsam vor. Verabreden Sie sich ruhig zum Sex – vor 22 Uhr, vor Sport und Fernsehen. Müdigkeit ist für Eltern der größte Feind der Lust.

Redezeiten fest einplanen!

Es klingt erst mal etwas gezwungen, ist aber ein erprobtes Instrument in der Paartherapie: Verabreden Sie sich zu einem festen Zeitpunkt einmal die Woche, eine halbe Stunde reicht durchaus. Wenn daraus am Ende 60 Minuten werden, umso besser. Jeder darf sagen, was ihm auf der Seele liegt – und er darf ausreden, der andere hört zu! Sie werden selten beide in der Stimmung sein, es wird Ihnen am Anfang verkrampft und künstlich vorkommen. Doch die Botschaft an den Partner ist: Mir ist der Termin wichtig – du bist mir wichtig. Setzen Sie sich bei einem Glas Wein zusammen. Respektieren Sie die Gefühle des anderen. Entschuldigen Sie sich, wenn Sie ihn verletzt haben. Sprechen Sie von Ihren Gefühlen, nicht von seinen Fehlern. Es wird Ihrem Partner danach leichter fallen, Sie zu unterstützen.

Schluss mit den Vorwürfen!

Oftmals besteht der Alltag vor allem aus gegenseitigen Vorwürfen. Streiten Sie nicht über konkrete Vorkommnisse. Wer wen bei was nicht genug unterstützt hat, lässt sich in den seltensten Fällen klären – es gibt kein „richtig“ und „falsch“. Achten Sie ruhig darauf, dass Ihre Sätze eher mit Ich als mit Du beginnen. Du-Sätze münden allzu oft in eine Vorhaltung. Am Ende soll kein Gewinner, sondern eine Lösung stehen.

Manchmal helfen Codewörter: Sie entkrampfen Situationen, stoppen Abwärtsspiralen und taugen sogar zum Running Gag einer Beziehung. So ein Codewort kann „Paris“ sein, Sehnsuchtsort beider Partner, oder auch „Socke“, wenn er die Strümpfe immer im Schlafzimmer herumliegen lässt. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Humor ist ausdrücklich erwünscht. Auch hilfreich: kleine Alltagsmeckereien nicht gleich aussprechen, sondern in ein „Mecker-Buch“ schreiben, abends schauen: Sind sie wirklich so wichtig? Nur dann kann man die Themen noch einmal in Ruhe ansprechen.

Nicht reinquatschen, sondern helfen!

Traktieren Sie Ihren Partner nicht mit altklugen Ratschlägen fürs Wickeln und Zubettbringen. Selbst dann nicht, wenn er Ihnen erzählt, dass er sich bei genau diesen Tätigkeiten bisweilen überfordert oder hilflos fühlt. Oft ist nicht allein die Belastung das Problem, sondern damit einhergehende Gefühle wie Ängste, etwas falsch zu machen. Hören Sie also lieber erst mal zu, und bestärken Sie Ihren Partner. Fragen Sie, welche Unterstützung er braucht. Kleine Gesten bauen auf: Ein Bonbon, am Morgen auf dem Tisch, mit einer liebevollen Notiz vor einem schweren Tag kann wie eine Energiespritze wirken – nicht nur des Zuckers wegen.

Auftanken für die Liebe

Machen Sie mal Urlaub von Ihren (Paar-)Problemen. Gehen Sie zurück zu den Ritualen des Anfangs. Oft erwachen damit alte verborgene Gefühle für Ihren Partner wieder. Es muss nicht alles krampfhaft zerredet werden. Einfach genießen, was Sie früher zueinanderbrachte, ist ausdrücklich erwünscht.

Stellen Sie Verbindendes wieder in den Vordergrund!

Was Sie an Ihrem Partner stört, das wissen Sie genau. Wissen Sie auch noch, was Sie an ihm schätzten? Schreiben Sie es auf, in Ihrem Kalender, der Memo-App, sammeln Sie Ideen. Oft verändert sich schon währenddessen der Blick auf den anderen. Schreiben Sie ihm, was Sie an ihm lieben. Warten Sie nicht darauf, dass der Partner den ersten Schritt macht. Es kann gut sein, dass manche Aufmerksamkeit nicht gleich registriert wird. Seien Sie ruhig verschwenderisch mit Komplimenten, geben Sie Anerkennung: Wer bestärkt wird, investiert selbst mehr!

Jeder erzieht anders – und das ist gut so

Sie lieben beide Ihr Kind und tun Ihr Bestes, so weit sind Sie sich meist einig. Dass jeder es auf seine Art tut, wird aber oft zum Problem. Denn jeder glaubt zu wissen, was das Beste ist. Dabei ist die Lösung zumeist einfach: Lassen Sie Ihren Partner einfach machen. Er zieht dem Kind vielleicht nicht sofort die Mütze auf – aber auch er will nicht, dass es erfriert. Klären Sie, wer wann zuständig ist – der andere hält sich dann raus! Kinder lernen, dass es Unterschiede gibt, sie brauchen keinen Erziehungs-Einheitsbrei. Kommt es doch zu Konflikten in der Erziehung, wird am Abend darüber gesprochen. Nicht vor dem Kind.

Genug Liebe für alle

Bisweilen entstehen in einer Familie Teams zwischen einem Elternteil und einem Kind. Das kann damit zusammenhängen, dass ein Partner wenig zu Hause ist oder eine besondere Chemie zwischen Vater/Mutter und Kind herrscht. Ein Problem wird erst daraus, wenn sich eine Person ausgegrenzt fühlt. Nicht selten sind Verletzungen aus der eigenen Kindheit ein Auslöser für dieses Gefühl. Setzen Sie also bei der Partnerschaft an, nicht beim Kind! Stellen Sie den Partner in den Mittelpunkt. Wer sich genug geliebt fühlt, empfindet selten Eifersucht.

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