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TV-Star Erceg: "Ich finde es grausam, wie Kinder hier und heute aufwachsen. Trotzdem habe ich welche"

In Filmen spielt Stipe Erceg oft kaputte Typen. Im wahren Leben hält der zweifache Vater unsere Welt für ziemlich kaputt. Nataly Bleuel sprach für Nido mit dem gebürtigen Kroaten. Ein Gespräch über Verantwortung, Vertrauen – und Smartphones. 

Stipe Erceg

Ein nachdenklicher Zeitgenosse: der Schauspieler Stipe Erceg, 41

Du bist in Split im ehemaligen Jugoslawien geboren. Hast du noch einen Bezug zum Land deiner Eltern?

Da ist das Haus meiner Eltern. Es liegt in einem Dorf nicht weit vom Meer, und ich fahre da mit meinen Kindern und meiner Frau jedes Jahr ein paar Wochen hin.

Was bedeutet das für dich?

Ich fühle mich da immer noch wie als Kind. Ich bin dort geboren und aufgewachsen, und ich kenne jeden im Dorf. Meine Eltern gingen zum Arbeiten nach Deutschland, und ich blieb mit meiner Schwester bei meinen Großeltern. Als ich fünf war, musste ich dann auch nach Tübingen, zu meinen Eltern und in die Schule. Aber wir waren jedes Jahr ein paar Mal in Kroatien, und immer wenn ich nach Deutschland zurückmusste, habe ich geweint. Das ist heute nicht mehr so. Jetzt fühle ich mich auch in Berlin zu Hause.

Was musstest du in Kroatien zurücklassen?

Die Leute, das Dorf, Sonne, Wind, Gerüche – und meine Großmutter. Sie hat mich sehr stark geprägt. Ich hatte quasi zwei Mütter, meine Mutter und eben die Großmutter. An meinen Großvater habe ich nicht so starke Erinnerungen, er ist früh verstorben. Aber wenn ich tief in mein Herz hineinhorche, weiß ich: Meine Großeltern haben mir etwas gegeben, was für meine Kinder heute, in unseren städtischen Kleinfamilien, eigentlich nicht mehr existiert.

Du meinst das Gefühl einer großen Familie?

Ich meine ein bestimmtes Leben, das es nicht mehr gibt. Meine Großmutter war ein Mensch aus einer anderen Zeit. Einmal, ich erinnere mich genau, hat mich mein Vater wegen irgendwas zusammengeschissen. Da hat meine Großmutter zu ihm gesagt: "Tu das nicht! Vielleicht kannst du jetzt nicht anders, aber eines Tages, wenn du mal Enkelkinder hast, wirst du verstehen, was es heißt, Vater zu sein, oder Mutter."

Was meinte sie damit?

Als Eltern sind wir doch, gerade heute, viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Mit all den Spannungen in der Welt, in der Beziehung, in uns selbst. Uns fehlen Ruhe und Präsenz, um einfach nur mit unseren Kindern zu sein. Aber durch meine Großmutter hatte ich das, dieses Gefühl: Da ist jemand bei dir, mit dir, für dich da. Obwohl sie viele Kinder und Enkelkinder hatte. Dieses Gefühl hat mich mein Leben lang getragen. Es ist etwas, das ich nie verlieren werde. Und nicht verlieren kann.

Sind es Geduld und Großzügigkeit, die Großeltern Eltern voraushaben? 

Und Wärme und Humor, in ihrem Fall. Die Großmutter hat ihr Leben ja schon gelebt. Sie denkt nicht über Karriere nach oder darüber, sich selbst zu verwirklichen oder was auch immer wir gerade für wichtig halten.

Bist du eher der Vater oder der Großvater deiner Kinder, also von der Haltung her, die du an deiner Oma so geschätzt hast?

Intellektuell kann man sich vielleicht vornehmen, richtig da zu sein für das Kind. Und nicht nur bei sich. Aber man muss es auch leben. Ich kann nicht beurteilen, wie ich da auf meine Kinder wirke.

Ich finde, man lernt ja auch, Vater und Mutter zu sein. Mit der Zeit und mit jedem weiteren Kind wird man lockerer.

Meine Großmutter hatte Vertrauen zu sich selbst, und dieses Vertrauen hat sie an mich weitergegeben. Es war für sie selbstverständlich, weil sie so mit dem Leben verbunden war. Sie war eine gläubige, praktische, warmherzige Bäuerin. Heute gibt es so viele Ideen und Optionen von Erziehung und diesem und jenem, dass der Mensch kaum mehr fähig ist, ein klares, waches Leben zu führen. Und ich gebe ja an meine Kinder weiter, was ich selbst erfahren habe. Und als gut und richtig empfinde.

Und das weißt du immer, deinem Kind gegenüber? Man verhält sich doch auch oft daneben.

Eben! Ich stehe vor meinem Kind, und lauter Gedanken und Optionen rasen durch meinen Kopf, auch unterbewusst, wie ich mich jetzt zu verhalten und es zu erziehen habe. Aber der Maßstab ist für mich im Grunde: dass ich mich in mein Kind hineinversetze. Und das kann ich ziemlich gut. Dann erinnere ich mich und verstehe, wie es war, zehn oder zwölf zu sein, in genau dieser Situation. Und dann kann ich loslassen. Weil ich weiß: In dem Alter, als Kind, wollte ich auch genau das, zum Beispiel jetzt nur in der Ecke sitzen und nix tun.

Kreative Herausforderung: Warum es gut für Kinder ist, sich mal zu langweilen


Als Kind will ich aber auch auf einmal den ganzen Schokokuchen aufessen. Als Erwachsener weiß ich, dass einem dann übel werden kann. Du folgst aber trotzdem dem Kind, weil du es so gut verstehen kannst?

Nach Maß. Aber der erste Moment des Verstehens ist mir wichtig. Ich will nicht in einem Ratgeber gelesen haben, man habe sich so und so zu verhalten, einem zwölfjährigen Kind gegenüber. Nein, ich will das selbst sein: ein zwölfjähriger Junge.

Liegt es dir als Schauspieler vielleicht besonders nah, dich in den anderen hineinzuversetzen?

Nö, ich kann mich zum Beispiel nicht in dich hineinversetzen. Ich habe nur eine Idee von dir und interpretiere in dich hinein, was mir gefällt. Aber Kind war ich selbst. Es gibt Momente, an die wir uns leicht erinnern, weil sie energetisch extrem waren, der erste Kuss, ein Unfall, so was. Aber Kindsein ist wie ein unterirdischer Strom. Erinnere dich daran!

Und du bist gern Kind?

Durch meine Kinder schaffe ich es, in meine Erinnerung zurückzugehen. In das Gefühl, Kind zu sein. Ich bin das dann. Und ich finde, das ist nicht nur entscheidend für meine Erziehung und meine Beziehungen, sondern auch für mich selbst.

Wie hast du dich durch deine Kinder verändert?

Du verstehst, teilen zu lernen. Damit meine ich die Zeit. Um halb acht müssen die Kinder zur Schule, also muss ich um halb sieben aufstehen. Da kann ich nicht sagen: keine Lust! Könnte ich, okay, aber dann bleibt das Kind halt auch liegen. Teilen wird selbstverständlich. Das ist, im besten Sinne, Dienst. An deinen Kindern, an den anderen.

Machen Kinder weniger egoistisch?

Nein, Egoismus kann auch darin liegen, dass ich morgens um halb sieben aufstehe. Vielleicht weil ich das sportlich betrachte: Dann kann ich auch früh joggen gehen. Viele übertragen ihr Ego auf ihre Kinder: Sie realisieren ihre Beziehungen durch ihre Kinder, sie machen die Kinder zu ihrem Projekt. Man muss schon unabhängig bleiben. Kinder zerstören mein Ego nicht. Und den Moment, in dem ich verstehe, dass ich für meine Kinder bestimmte Dinge tun muss, den empfinde ich sogar als Befreiung. Denn dann begreife ich: Ich muss es tun. Ob mit Freude oder mit Ärger. Dann tue ich es doch lieber so, dass es für mich angenehm ist. Kinder geben Halt?

Struktur, Halt, Disziplin – total! Und wenn man sich schon entschieden hat, Kinder zu haben, oder wenn es passiert, dann hat man Verantwortung. Und muss sich fragen: Was kann ich ihnen geben? Abseits von gesellschaftlichen Mustern oder Ansprüchen. Was will ich meinen Kindern tatsächlich geben?

Ja, was denn?

Sie sollen wach sein. Das kann ich ihnen geben. Nichts anderes. Absolut wach, in dieser Welt.

Möchtest du Dinge von ihnen fernhalten: Leistungsdenken, Geldgier, Selbstdarstellung …?

Jeder wünscht doch seinem Kind, insgeheim, denn das wünschen wir uns alle, wenn wir ehrlich sind: materiellen Wohlstand. Keiner will in der Gosse landen. Aber ich weiß, dass es schwer ist, beides zu kriegen, geistigen Wohlstand und materiellen Wohlstand. Erst sollte der geistige kommen, dann der materielle. Aber unsere Welt ist durch und durch kapitalistisch aufgebaut, in jedem Gespräch, in jeder Beziehung, jeder Hinsicht. Davor kann ich meine Kinder nicht schützen. Das wäre ja Blödsinn, da müsste ich mit ihnen irgendwo hingehen, wo es nichts gibt, in die Einöde. Das geht nicht. Aber hier vergiften sie sich jeden Tag.

Womit?

Medien, Computer, Smartphones, Bildschirme, Fernsehen! Ich arbeite fürs Fernsehen, ich weiß das. Aber der Apple-Gründer Steve Jobs hat seinen Kindern auch das iPhone entzogen, weil er wusste, das ist Gift!

Was machst du dagegen?

Es ist ein täglicher Kampf. Den kämpfen wir alle: Jetzt leg das Ding mal weg, nur eine Stunde am Tag, geh raus, spielen! Okay, vielleicht bringen die Medien ja auch was? Möglicherweise wachsen unsere Kinder vierdimensional auf, anderes Bewusstsein, andere Synapsenverknüpfungen, die wir einfach nicht fähig sind zu verstehen? Nur empfinde ich es nicht so. Ich finde es grausam, wie Kinder hier und heute aufwachsen. Trotzdem habe ich welche. Was also kann ich ihnen geben? Wach zu sein! Und zu sehen! Was mein Kind dann daraus macht, ist seine Entscheidung. Da muss ich loslassen können. Aber für mich führt diese kapitalistisch-mediatisierte Welt nirgendwohin. Die muss man abbauen.  

Und wie vermittelst du dem Kind diese Wachheit?

Im Gespräch sage ich ihm, was ich denke, über die Welt.

Meine Kinder sagen dann: Danke, ein Satz reicht, jetzt laber nicht wieder ewig rum!

Jetzt predigt er wieder! Aber ich gehe davon aus, dass sie wach sind und etwas mitbekommen. Auch von meiner Meinung. Von meinem Verhalten sowieso. Wenn ich nebenher auf dem Smartphone rumtue, denken sie sich: Leck mich, bist ja selber so!

Wir machen ihnen vor, was uns an ihnen nervt?

Du beobachtest dein Kind und denkst: Ahh, die Geste, genau wie ich, schön! Aber das andere, nicht so Schöne, übernimmt es genauso. Aber das willst du nicht sehen. Weil du dich selbst nicht sehen willst. Ich sage zum Beispiel: Ich recherchiere, das ist Arbeit, was ich da am Handy mache. Sagt mein Sohn: ich doch auch! Recht hat er, auf seine Weise. Mir fällt es auch schwer, diszipliniert zu sein mit diesen Dingern. Das ist doch das Schlimme: dass wir ihnen vorleben, was wir an ihnen nicht sehen wollen.

In den Ferien in Kroatien ist das anders?

Wir gehen ans Meer, angeln, in die Berge. Und über Mittag, wenn es heiß ist, hängt man halt daheim und spielt auf dem Handy. Ich habe ja als Kind mehr vor der Glotze gehangen als meine Kinder heute. Und ich hatte einen Atari. Und jetzt behaupte ich meinen Kindern gegenüber, die VHS-Kassette hätte noch einen "Charakter"? Aber wir schieben ja auch keine mehr rein! Also erinnere dich an dich als Kind! Und dann tu was.

Klingt sehr schön, aber manchmal ist eben alles zu stressig, um sich in Ruhe in die Kinder einzufühlen.

Mein Vater hat gesagt: Ich würde nicht einen Tag meines Lebens gegen einen Tag deines Lebens tauschen wollen. Ich würde auch nicht gern mit meinen Kindern tauschen wollen. Das Leben ist heftig heute.

Hättest du gern mit deinem Vater getauscht?

In gewisser Weise ja. Das Leben und die Welt waren einfacher.

Würdest du gern immer im Dorf in Kroatien leben?

Schön wäre ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort. In Berlin werde ich nicht sterben. Ist doch eine junge Stadt, sollen die Jungen kommen. Meinen Sarg soll keiner von hier nach Kroatien schleppen.

Das Interview findet sich auch in der November-Ausgabe der Nido.

Interview: Nataly Bleuel

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