Krankenkassen "Ich kann Ihnen das Medikament nicht geben"


Patienten sind verunsichert. Die Krankenkassen bestimmen, von welcher Firma Arzneimittel abgegeben werden dürfen. Keine ist dabei so radikal wie die AOK. Die Apotheker jammern.
Von Markus Grill

Eigentlich will Annegret Bruhns in der Adler-Apotheke in Hamburg nur schnell ihre Medikamente abholen. Die 64-jährige Altenpflegerin reicht der Apothekerin ihr Rezept. Doch die antwortet: "Ich kann Ihnen die Medikamente nicht geben, das liegt an den neuen Rabattverträgen der Krankenkassen." Auf dem Rezept von Frau Bruhns steht das Schmerzmittel Ibuprofen von Ratiopharm. "Ihre Krankenkasse, die BKK Mobil Oil, hat keinen Vertrag mit Ratiopharm geschlossen", sagt die Apothekerin, "ich darf Ihnen das Mittel nur von Hexal geben." Hunderttausende Patienten erleben derzeit solche Gespräche. Viele fragen, warum sie jetzt nicht mehr das Medikament erhalten, das der Arzt aufs Rezept gedruckt hat, und welche Reform die Politiker sich da wieder ausgedacht haben. Altenpflegerin Bruhns bleibt dagegen gelassen, sie weiß: Ob auf der Packung Ratiopharm, Hexal oder ein anderer Firmenname steht, ist egal, weil der Wirkstoff derselbe ist.

Kaum einen Teil der Gesundheitsreform bekommen die Krankenversicherten so hautnah zu spüren wie die neuen Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen, an die sich die Apotheker seit April halten müssen. Die Politiker der Großen Koalition wollten mit dem Gesetz ein wenig mehr Wettbewerb in den Markt mit Medikamenten bringen, deren Patentschutz abgelaufen ist. Schließlich wird die Generikabranche bisher von drei großen Herstellen dominiert, die nicht besonders günstig sind: Hexal, Ratiopharm und Stada. Am meisten empören sich über die neuen Rabattverträge aber die Apotheker. Sabine Gnekow, Chefin der Hamburger Adler-Apotheke, sagt: "In meiner ganzen Berufszeit habe ich kein solches Chaos erlebt." Mit Chaos meint Gnekow, dass sie bei jedem Patienten erst im Computer nachschauen muss von welcher Firma sie ihm den Wirkstoff abgeben darf. Vor allem ärgert Apotheker aber, dass sie die großen Rabatte und Gratispackungen, die sie früher von den Pharmakonzernen erhalten hatten, nun nicht mehr bekommen. Zugeben würde das natürlich keiner. Lieber machen sie sich zum Anwalt der Patienten, die angeblich darunter leiden, wenn die Packung früher orange war und heute rot aussieht. "Das ist einfach schwachsinnig, eine 80-jährige Oma umzustellen", schimpft Apothekerin Gnekow.

Der Zorn der Apotheker über die neuen Rabattverträge

Die Kollegin am Tresen bedient derweil eine 57-jährige Patientin mit Bluthochdruck, die bei der IKK Hamburg versichert ist. Auf dem Rezept steht diesmal der Betablocker Atenolol von Ratiopharm. "Ich darf Ihnen das nicht geben", sagt die Apothekerin. "Aber wieso?", fragt die Patientin. "Weil Ihre Krankenkasse nicht mit Ratiopharm einen Vertrag hat, sondern mit Aliud." "Das ist ja unmöglich", sagt die Patientin. "Da haben Sie recht", antwortet die Apothekerin - und verschweigt das, was die Patientin beruhigen könnte: dass der Wirkstoff nämlich der gleiche ist. Am Ende geht die Patientin mit dem Präparat der Firma Aliud nach Hause - und dem Eindruck, dass die Krankenkasse ihr das Medikament nicht gönnt, das ihr Arzt aufgeschrieben hat. Auf dem Deutschen Apothekertag vergangene Woche in Düsseldorf hat nichts so sehr den Zorn der Apotheker entfacht wie die neuen Rabattverträge. Aber auch die Generikahersteller selbst merken, wie sich die Spielregeln verändern: Der Arzt entscheidet seltener, mit welcher Medikamentenpackung der Patient tatsächlich nach Hause geht. Den radikalsten Schluss daraus zog der Pharmakonzern Stada vergangenen Freitag, als er ankündigte, seinen gesamten Arztpraxen-Außendienst abzuschaffen - immerhin 230 Mitarbeiter. Das Marketing bei Ärzten lohnt nicht mehr.

Besonders hart verhandelt derzeit die größte deutsche Krankenkasse mit den Konzernen: die AOK. Bei der ersten Ausschreibung über die Medikamente des Jahres 2007 hatten weder Ratiopharm noch Hexal oder Stada Angebote bei der AOK abgegeben. Die Folge: Seit April erhalten AOK-Versicherte fast nur noch Generika von preiswerten und unbekannten Firmen. AOK-Chefverhandler Christopher Hermann sagt, dass er damit eine Revolution angezettelt habe, wie es sie in den vergangenen 20 Jahren in der Pharmabranche nicht gegeben hat. "Wir haben die deutsche Hochpreis- Generikalandschaft aufgebrochen. Durch uns haben internationale Firmen wie Teva, Actavis oder Ranbaxy einen Fuß in den deutschen Markt bekommen." Im August hat die AOK die zweite Bieterrunde für 2008 und 2009 ausgeschrieben mit den 83 wichtigsten Wirkstoffen. Für jeden wurden die drei oder vier günstigsten Anbieter gesucht. Diesmal haben auch die Marktführer Angebote abgegeben - und sind künftig wieder dick im Geschäft. Bisher hat lediglich Stada mitgeteilt, bei 23 Wirkstoffen den AOK-Zuschlag erhalten zu haben, Ratiopharm und Hexal sollen noch besser abgeschnitten haben, machen aber keine Angaben.

Gestoppt werden kann die Revolution im Generikamarkt nicht mehr

Am Montag dieser Woche wollte die AOK ursprünglich alle Gewinner verkünden. Doch mehrere Pharmaunternehmen, die sich bei der Ausschreibung zu kurz gekommen fühlten, haben jetzt vor dem Bundeskartellamt eine Überprüfung durchgesetzt. Nun verzögert sich die Bekanntgabe der AOK-Preissieger um vier Wochen. Gestoppt werden kann die Revolution im Generikamarkt aber nicht mehr. Im vergangenen Jahr hatte die AOK für die aktuell ausgeschriebenen Wirkstoffe 2,7 Milliarden Euro ausgegeben. Mit den Rabattverträgen will sie nun pro Jahr 500 Millionen Euro einsparen - mehr als 18 Prozent. "Solche Einspareffekte sind nur möglich, wenn man jeden Wirkstoff einzeln ausschreibt", sagt AOK-Chefverhandler Hermann. Um so mehr verwundert es, weshalb nicht auch die anderen Kassen diesen Weg gehen. Sie schließen nämlich meist nur Verträge über das ganze Sortiment mit den Pharmaherstellern ab.

Damit erreichen die großen Krankenkassen nach Recherchen des stern aber nur einen Bruchteil der Einspareffekte der AOK. So rechnet die GEK lediglich mit sieben Prozent Einsparungen bei Generika, die Barmer mit fünf Prozent, die Techniker ebenfalls mit fünf Prozent, die IKK mit vier Prozent und die KKH mit drei Prozent. Die DAK will erst gar keine Angaben machen. Gerade bei der DAK lässt sich das Versagen der Kassen bei den Rabattverträgen gut zeigen: Erst hat der Versicherungsverband VdAK/AEV, zu dem die DAK gehört, im März neun Wirkstoffe ausgeschrieben und dazu Verträge geschlossen. Den Bewerbern war in Aussicht gestellt worden, dass sie den Auftrag bekommen, wenn sie die Preisvorgaben des Verbandes akzeptierten. Für das Magenmittel Omeprazol lag der geforderte Rabatt 52 Prozent unter dem bis dahin günstigsten Anbieter. Die in Cuxhaven ansässige Generikafirma TAD akzeptierte den Preis wie einige andere kleinere Firmen auch. Doch wenige Wochen darauf schloss die DAK Sortimentsverträge mit Hexal und Ratiopharm. Wie viel Rabatt diese der DAK gewähren, darüber schweigen sich die Beteiligten aus, aber mehr als zehn Prozent dürften es kaum sein. Kommt ein DAK-Patient nun in die Apotheke, kann der Apotheker frei wählen, ob er ihm die Omeprazol-Packung von Hexal, Ratiopharm oder von TAD gibt.

"Das ist ein Strukturproblem, das auch wir nicht verhindern können"

Damit sagt die DAK aber nichts anderes, als dass es ihr egal ist, ob sie 50 Prozent pro Packung spart oder nur einen Bruchteil davon. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass Apotheker am liebsten immer ein Präparat der großen, marktbeherrschenden Firmen abgeben - eine Situation, die jetzt sogar der AOK droht. Denn bei ihr dürfen die Apotheker künftig bei jedem Wirkstoff zwischen drei bis vier Firmen wählen - darunter ist fast immer auch einer der Marktführer. AOK-Chefverhandler Hermann sagt: "Das ist ein Strukturproblem, das auch wir nicht verhindern können." Ob sich die Großen durchsetzen, sei eben eine Frage der Marketingstrategien der großen Firmen gegenüber den Apothekern. Holger Gnekow, der zusammen mit seiner Frau die Adler-Apotheke in Hamburg leitet, gibt unverhohlen zu, dass er im nächsten Jahr den AOK-Patienten wieder die Medikamente von Ratiopharm und Co. geben wird. Die kleinen Firmen, deren Packungen er jetzt noch über den Verkaufstresen reicht, fliegen dann wieder raus. "Die dürfen mir ja keine Anreize geben."

Mitarbeit: Juliane Eichblatt, Richard Rickelmann

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