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Hamburger Bürgerinitiative: 60 Jahre alt und plötzlich obdachlos – nun wohnt Horst in einem Container

Eine Woche vor Heiligabend 2018 verstarb Horsts Frau. Er konnte sich die Wohnung nicht mehr alleine leisten und landete auf der Straße – bis ihm eine Bürgerinitiative einen sicheren Platz zum Schlafen bot.

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Über Nacht verlor Horst alles. Von heute auf morgen. Seine Beziehung. Seine Wohnung. Gefühlt sein ganzes Leben. Eine Woche vor Heiligabend, im Dezember 2018, verstarb seine Frau an Krebs. Alleine konnte er sich die Wohnung nicht mehr leisten, musste ausziehen und fand sich drei Monate später wohnungslos in Kiel wieder – mit über 60 Jahren.

"Da ging bei mir die Welt unter. 35 Jahre waren wir verheiratet", erzählt Horst dem stern. Theoretisch hätte er Leistungsansprüche gehabt, hätte sich beim Amt melden und Hilfe beantragen können. Doch die Situation überforderte ihn. Als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, so habe es sich angefühlt, als seine Frau verstarb. Für eine Weile kommt Horst im Kieler Fleethörn, einer zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Männer, unter. "Aber da wurde geklaut und es gab auch einen Vorfall mit Körperverletzung. Also bin ich raus, ich musste auch einfach weg aus Kiel."

Auch in Hamburg hat Horst keine Wohnung und landet auf der Straße

Ursprünglich kommt Horst aus Hamburg, wuchs im Stadtteil Stellingen auf. Also macht er sich auf den Weg in die Hansestadt, sucht nach einem Gefühl von Heimat und einem neuen Start. Doch auch hier bleibt das gleiche Problem bestehen: Horst hat keine Wohnung, ist überfordert von den Gängen zum Amt – und endet schließlich auf der Straße. "Platte machen" nennen Eingeweihte das, wenn man völlig ungeschützt auf der Straße schläft. Dort schlägt er sich eine Weile durch, lehnt Angebote, in einer Notunterkunft unterzukommen, ab.

"[In den Notunterkünften] ist man mit mindestens vier Leuten auf der Bude, oder, wenn man Glück hat, mal mit zwei. Aber du hast keinerlei Privatsphäre, kannst nie einfach mal für dich sein", erzählt Max Bryan, Blogger und Obdachlosenhelfer von der Bürgerinitiative "Hilfe für Hamburger Obdachlose". Auch er war einige Jahre obdachlos, kennt sich mit den Tücken des Lebens unter freiem Himmel aus. "Das ist ein Dauerstress, unter dem du da stehst. Und dann raucht vielleicht einer, oder einer hat ein Alkoholproblem, oder macht sich ein. Das gibt es alles."

Horst und Max Bryan

Horst und Max Bryan von der Bürgerinitiative "Hilfe für Hamburger Obdachlose"

Nach nur einigen Wochen auf der Straße wird Horst seine Tasche geklaut – "da waren Portemonnaie mit Ausweis und Bankkarte drin". Doch noch über den offiziellen Weg an eine Wohnung zu kommen, scheint nun völlig unmöglich. Das Leben auf der Straße setzt Horst zu. Nicht einmal wegen der Witterung – "Die Kälte hat mir nie etwas ausgemacht!" – sondern weil er nie allein sein kann. Und auch hier ist Gewalt ein Problem: "Es gibt auch immer wieder Menschen, die Obdachlosen weh tun, weil sie Spaß dran haben", erzählt Max Bryan. "Schlafsäcke anzünden, oder so." – "Lebende Fackeln", wirft Horst ein. – "Wenn du so exponiert und einer Situation ausgesetzt bist und einer kommt, der Obdachlose hasst, dann bist du dem im Zweifel schutzlos ausgesetzt. So schnell bist du nicht aus dem Schlafsack raus, wie die Flasche auf deinem Kopf zerschellt."

Bei einer Essensausgabe am Hamburger Hauptbahnhof trifft Horst auf Max Bryan und das Team von "Hilfe für Hamburger Obdachlose". Die bieten Wohnungslosen über 60 die Möglichkeit an, in Einzelcontainern zu "überwintern". Das Programm finanziert sich durch Spenden und die braucht es immer dringend. Ein Container mit Stromversorgung, Dixie-Klo und allem, was man sonst noch so zum Leben braucht, kostet etwa 2800 Euro für sechs Monate. Und auch wenn die Finanzierung steht, bleibt noch immer die Frage: Wohin mit dem Ding? Auch deshalb betreibt Max Bryan immer wieder aktive Öffentlichkeitsarbeit: "Wir wollen, dass die Leute das Programm sehen und ein Gefühl dafür bekommen. Vielleicht sind sie sogar bereit, sich einen Container in den Garten zu stellen. Denn theoretisch kann das jeder machen und damit einem Obdachlosen das Überwintern ermöglichen."

Auf lange Sicht soll eine Wohnung für Horst gefunden werden

Im Januar 2020 bezieht auch Horst einen solchen Container, der auf einem privaten Parkplatz im Norden Hamburgs steht: "Hier habe ich meine Ruhe", sagt er über die knapp acht Quadratmeter, die er seither sein Reich nennen darf. "Niemand schnarcht oder quatscht mich voll. Ich kann abschließen, zum Markt gehen, in die Stadt, spazieren, nach Pfand gucken." Eine benachbarte Firma hat sogar zugestimmt, den Container an ihre Stromzufuhr anzuschließen, die Besitzer des Parkplatzes versorgen Horst mit Wasser und ein wenig sozialem Anschluss. In regelmäßigen Abständen schaut auch Max Bryan bei Horst vorbei. Und zwei Mal die Woche versorgt ihn die Bürgerinitiative mit Essenstüten, inklusive 20 Euro für den täglichen Bedarf, die komplett über Spenden finanziert werden.

Horst in seinem Wohncontainer

Ein Bett, ein Schrank, eine kleine Kochstation und ein Tisch – Horsts Container ist mit den Basics ausgestattet

Auf lange Sicht soll eine Folgeunterkunft für den 62-Jährigen organisiert werden, auch hier nimmt ihn die "Hilfe für Hamburger Obdachlose" an die Hand. "Wenn alles gut läuft, hat er am Ende eine Wohnung", so Max Bryan. Insgesamt wünscht sich der Blogger mehr Unterstützung für Wohnungslose: "Es gibt einfach nicht genug Sozialarbeiter, um alle aufzufangen." Die Menschen würden sich häufig selbst überlassen und landeten dann eben auf der Straße: "Es gibt diesen Standardspruch: Niemand muss in Deutschland auf der Straße leben. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Jemand, der seine Wohnung verliert, weil es früher zwei Zahler gab und seine Frau verstirbt und nur noch ein Zahler übrig bleibt, muss sich eine kleinere Wohnung suchen. Und dann versuch mal, in Hamburg eine kleinere Wohnung zu finden, die das Sozialamt auch bezahlt. Die darf nämlich nur bis zu 380 Euro kosten und bis 50 qm groß sein. Und solche Wohnungen gibt es kaum noch. Und wenn man über die SAGA oder Förderprogramme geht, dann kommt man auf eine Warteliste und wartet erstmal. Und in dieser Zeit bleibt dir nichts. Nur die Hoffnung auf ein besseres Leben danach." 

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