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LEIPZIG: »Gefährlich ist es überall«

Der Kongolese Dinanga Cimgoma studiert an der Uni Leipzig

Der Kongolese Dinanga Cimgoma studiert an der Uni Leipzig

Leipzig-Grünau, eine der größten Plattenbausiedlungen Europas: Die Wohnungen sind billig, viele stehen leer, Arbeitslosigkeit ist das tägliche Gesprächsthema. »Fahr bloß nicht nachts nach Grünau«, bekommen Touris von angeblichen Leipzig-Kennern zu hören, »da bekommst Du von den Glatzen eins auf die Nase.«

Dinanga Cimgoma weiß vom üblen Ruf des grauen Leipziger Stadtteils. Und trotzdem zog der Kongolese vor vier Jahren in das Studentenwohnheim am Titaniaweg. Seit dieser Zeit ist Grünau für den Afrikaner, seine Frau Chantal und die beiden Kinder Francis und Sarah zur zweiten Heimat geworden.

»Im Kongo hätte ich niemals frei und unabhängig an meiner Doktorarbeit in Politik schreiben können«, erklärt Dinanga seine Entscheidung, nach Leipzig gezogen zu sein. Zumal sein Thema, »Die Rolle der politischen Parteien im Kongo und ihr Demokratisierungsprozess«, vielen Politikern in seiner Heimat ein Dorn im Auge sein dürfte. Zwar sei die Integration zu Beginn seines Deutschlandaufenthalts nicht gerade einfach gewesen, »aber wenn es mir in Grünau nicht gefallen würde, dann wäre ich doch schon längst nicht mehr hier«, erzählt der sympathische Dinanga lächelnd.

Brücken zu den Menschen schlagen

Der Doktorand macht es seinen Nachbarn nicht gerade leicht, ihn nicht zu mögen. Gemeinsam mit Ehefrau Chantal gründete Dinanga den Chor Engenga, was übersetzt soviel heißt wie »Licht für die Kinder Gottes«. In diesem Gospelchor singen Menschen aus 14 verschiedenen Ländern. Durch Konzerte in ganz Deutschland und Chorprojekte möchten die Cimgomas mit ihrer Musik »Brücken zu den Menschen schlagen«. Gemeinsam mit einem Grünauer Jugendzentrum hat die internationale Gruppe sogar eine große Lehmhütte wie in Afrika nachgebaut. Mit großem Optimismus und Enthusiasmus wollen die Chormitglieder sich für Toleranz einsetzen und auch ein wenig dazu beitragen, dass Grünau seinen »rechten« Ruf verliert. »Denn gefährlich ist es überall auf der Welt. Durch mehr Kontakte untereinander können wir aber Probleme lösen«, appelliert Dinanga. Es sei falsch, immer schlecht zu reden, anstatt dagegen zu wirken.

Wer rastet, der rostet. So könnte das Lebensmotto des energiegeladenen Kongolesen lauten. Neben dem anstrengenden Studium, Nebenjobs für die Familie und den häufigen Chorproben, hat Dinanga nie die notleidende Bevölkerung in seiner Heimat vergessen. So kümmert sich der Chor um Spenden, sammelt Schuhe für kongolesische Schulkinder oder sucht nach gebrauchten Fahrrädern, die nach Afrika geschickt werden sollen: »Dann wäre die Maisernte nicht mehr so anstrengend.« In Deutschland möchte Dinanga durch Chorauftritte in Gefängnissen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen »Lachen in den Schmerz« bringen.

Das Gefühl der Ruhe überwiegt

Manchmal, wenn der gläubige Christ in der Straßenbahn von der Bibliothek nach Hause fährt, überkommt ihn zwar ein mulmiges Gefühl, »doch in Deutschland kann ich im Vergleich zum Kongo ohne Angst und Not studieren.« Dieses Gefühl der Ruhe überwiege. Sein vierjähriger Sohn und seine dreijährige Tochter haben keine Kontaktschwierigkeiten. Kleine Kulturunterschiede gibt es nur noch beim Essen. »Wir kochen fast jeden Tag Fufu. Das ist Gries, den man mit Fleisch, Paprika oder Gemüse vermischen kann. Aber die Kinder lieben mittlerweile auch Spaghetti, Reis und Kartoffeln«, berichtet Dinanga. Seine Beiden nennen den Papa liebevoll »Tatu«, das ist Chiluba und nur eine der vier Sprachen, die Dinanga fließend beherrscht. Neben 240 Stammessprachen wird im Kongo überwiegend Lingala gesprochen, während die Amtssprache Französisch ist. Für sein Studium hat Dinanga allerdings Deutsch gelernt.

Freunde hätten ihn schon oft gefragt, ob er verrückt sei, in Leipzig zu studieren. Dann erzählt Dinanga die Geschichte, als er beim Pizzadienst gearbeitet hat: »Ganz spät abends wurde ich zu einem Hochhaus in Stötteritz gerufen. Alles war stockdunkel, und nur ganz oben brannte noch Licht. Ich hatte große Angst. Als ich endlich alle Treppen hochgestiegen war, öffnete mir ein Mann mit Glatze - sehr dick und furchteinflößend - die Tür. So hatte ich mir einen Neonazi vorgestellt.« Doch dann habe der Mann ihn freundlich begrüßt und ihn fürsorglich gewarnt: »Sei ganz vorsichtig, das ist eine schlimme Gegend hier. Ich komme besser mit ?runter und begleite dich.« Aus dieser und vielen anderen Erfahrungen hat Dinanga Cimgoma gelernt: »Ich bin gerne hier in Leipzig. Meine Familie und ich, wir mögen Deutschland. Es ist gut, vorsichtig zu sein, aber Panikmache ist schlecht.« (sh)

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