HOME

leipzig: Die zwei Gesichter des Peter Porsch

Der stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende lehrt in Leipzig Germanistik

Der stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende lehrt in Leipzig Germanistik

Ob er das ist? Die zwei Studentinnen in der vorletzten Hörsaalreihe können es sich nicht vorstellen. Der Dozent mit dem weißen Kinnbart, dem gemütlichen Bierbäuchlein und dem österreichisch-sächsischen Dialekt steht im Verdacht. Im Verdacht, stellvertretender PDS-Bundesvorsitzender sowie sächsischer Landes- und Fraktionschef der Postkommunisten zu sein.

Ist er auch tatsächlich. Doch an der Uni zeigt sich Peter Porsch von einer anderen Seite: Er ist der einzige Professor für Dialektologie und Soziolinguistik in Leipzig. Germanisten kommen an dem gebürtigen Wiener garantiert nicht vorbei. Und wenn es die Unterschrift auf der Prüfungsurkunde ist - vom Vorsitzenden des Prüfungsausschusses Prof. Dr. Peter Porsch. Das eingeschrumpfte Kursangebot garantiert dem 56-Jährigen volle Hörsäle. Zumal Porsch-Vorlesungen nicht die langweiligsten sind. Als »verostdeutschter« Wiener ist er selbst das beste Studienbeispiel für Dialekttheorien. Einige Thesen demonstriert er gewissermaßen im Selbstversuch und amüsiert die Hörerschar mit seinen Stories: Zum Beispiel, dass er von einer Wiener Klofrau wegen seines »Sächselns« für einen armen Ossi gehalten wurde, und deshalb das stille Örtchen kostenlos aufsuchen durfte.

In der Uni ist Porsch kein Parteipolitiker: »Ich mache ehrliche Soziologie«, sagt er, »ich bin aber nicht schizophren, die Wissenschaft hilft mir oft in der Politik.« Ob ihn Studenten wegen seiner politischen Haltung meiden oder besonders schätzen? »Kann ich nicht sagen. Ich habe aber immer volle Seminare, viele Prüflinge und Magisterarbeiten«, sagt er. Und viele erkennen ihn wohl auch nicht gleich.

Kein Wunder: Das Fernsehgesicht des Professors ist oft verkniffen und ernst - »Das ist Schwerstarbeit!« - in der Uni gibt er sich eher verschmitzt und spitzbübisch. »Ich bin kein Kind von Traurigkeit und mache auch gern mal im Staatsministerium Geigel«, erzählt er. Wenn er dabei wieder besonders dreist war, oder im Wahlkampf auf Elefanten reitet, lesen seine Studenten das brühwarm in den Kolumnen der lokalen Presse. »Reagiert hat darauf kaum einer«, wundert er sich selbst ein bisschen.

Wie er ausgerechnet in der DDR hängen geblieben ist? Nach seinem Studium der Germanistik und Politikwissenschaften in Wien von 1968 bis 1972 ging er nach Westberlin. Dass er von dort in den Osten wechselte hatte zwei Gründe: »Ich habe eine ostdeutsche Frau kennen gelernt und außerdem war ich politisch schon immer links«, klärt er auf. 1973 zog er dann nach Leipzig. An der Uni habilitierte er 1979, wurde Dozent und schließlich 1988 »Professor für marxistisch-leninistische Sprachtheologie und Sprachsoziologie«. Der Zusatz »Sprachsoziologie« hat ihn nach der Wende vor dem Rausschmiss bewahrt. Der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) trat er übrigens 1982 bei. »Ich war ehrenamtlich in der Grundorganisation tätig«, sagt er. Seine Akte habe man schon mehrmals eingesehen, aber nichts Verwerfliches gefunden.

Seine Zukunft sieht Porsch in der Wissenschaft. Obgleich er momentan nur eine halbe Stelle inne hat. »Für die Uni ist der Mittwoch und der Sonntagnachmittag reserviert«, sagt er bedauernd. Auch für seine Familie bleibt bei der Pendelei zwischen Dresden und Leipzig kaum Zeit. Immerhin lebt er in seiner dritten Ehe, hat drei Kinder und drei Enkel. »Mein ältester Enkel ist älter als mein jüngstes Kind«, sagt er nicht ohne Stolz über seine »eigene kleine Revolution«. Wenn er viel Zeit hat, überrascht er seine Familie übrigens als Koch: »Ich bin eben ein Genussmensch.« (ahei)

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity