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PISA II: Spaß am Lernen? Selten bei uns

Aber häufig in Polen. Und in Finnland, das drei Jahre nach dem ersten internationalen Vergleichstest nun auch PISA II gewonnen hat.

Was machen die anderen anders, was machen sie besser? Und was hat sich bei uns verändert seit PISA I? Der stern besuchte Schulen in Warschau, sprach mit polnischen Experten und finnischen Pennälern.

Tatjana lässt schön grüßen, aber nach Hause will sie nicht. Sie hat spontan entschieden, ein halbes Jahr länger zu bleiben im finnischen Tampere, obwohl es dort in der Winterzeit selbst mittags kaum noch hell wird. Tatjana bleibt der Schule wegen. Die, schwärmt sie, sei tausendmal besser als ihre Schule in Berlin. "Die Stimmung ist ganz anders, und die Lehrer sind es auch."

Ein kleines Wunder für die 16-Jährige, die von ihrem Gymnasium in Berlin-Schöneberg ziemlich genervt war. "Es hat mich angekotzt, dass die Lehrer ihre Noten als Druckmittel nutzten", sagt sie. "Es gibt ein paar gute Lehrer, aber die meisten sind selbst gefrustet. Die ziehen ihren Stoff durch und interessieren sich kein bisschen dafür, ob wir ihn kapiert haben. In Mathe müssen die meisten meiner Klassenkameraden Nachhilfe nehmen. Manche Lehrer haben richtig Spaß daran, Kinder fertig zu machen. Die holen sie an die Tafel, und wenn man die Antwort nicht weiß, heißt es: Du wirst es nie schaffen."

Solche Sätze

hat Tatjana an ihrer neuen Schule, 180 Kilometer nördlich von Helsinki, nie gehört. "Wenn ich etwas nicht verstehe, setzt sich der Lehrer nach der Stunde zu mir und erklärt es noch mal." Wenn es sein muss, kann sie sich auch nach der Schule Rat holen, denn Tatjana hat die Telefonnummern aller Lehrer. Druck und Drohungen gebe es nicht. Trotzdem arbeiteten alle. "Ich wäre echt glücklich, wenn ich immer in Finnland zur Schule gehen könnte, so gut ist das hier", sagt Tatjana.

Ihre Einschätzung wird von höchster Stelle bestätigt. Bei der zweiten PisaStudie, die weltweit 31 Schulsysteme vergleicht und am 7. Dezember in Berlin vorgestellt wird, steht Finnland wieder an erster Stelle. Deutschland liegt erneut abgeschlagen im Mittelfeld: Platz 17 im Fach Mathematik, Platz 20 beim Leseverständnis. Das ist ein wenig besser als vor drei Jahren, aber eben nur ein bisschen.

In drei Jahren hat sich in den Schulen der 31 teilnehmenden Nationen größtenteils wenig verändert. Bildungssysteme gleichen Tankern, die nur langsam manövrieren können. "Für Korrekturen des Systems braucht man fünf Jahre, für eine neue Lernkultur bis zu 15 Jahre", sagt der Deutsche Rainer Domisch vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen.

Ein Land allerdings macht vor, dass es auch schneller gehen kann: das in der Bildungspolitik bislang eher unauffällige Polen. Es gilt als der überraschende "Aufsteiger" der noch unveröffentlichten Folgestudie. Bei Pisa 2000 rangierte Deutschlands östlicher Nachbar noch im unteren Drittel, nun hat er sich ins Mittelfeld vorgearbeitet - dank einer grundlegenden Schulreform. Bis zum Jahr 2000 hatte Polen eine achtjährige Pflichtgrundschule, nach der sich die Wege der Schüler gabelten. Bei der ersten Pisa-Untersuchung waren noch 15-jährige Schüler aus dem alten System getestet worden: begabte Schüler, die das Lyzeum besuchen durften, und schwächere, für die es nur zur Berufsschule gereicht hatte. Bei Pisa 2003 dagegen beantworteten 15-Jährige aus der obersten Klassenstufe der neu eingerich-teten Gymnasien die Testfragen. Diese Schulen, nicht vergleichbar mit deutschen Gymnasien, werden von 13-, 14- und 15-Jährigen besucht, die, nach einer so genannten Null-Klasse für Sechsjährige, sechs Jahre Grundschule hinter sich haben.

Seit der Reform besteht in Polen Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr - für alle. Und getrennt werden die Schüler jetzt erst, nachdem sie drei Jahre lang ein Gymnasium besucht haben. Danach teilt sich das Schulsystem in allgemeinbildende Lyzeen mit Abschluss Abitur, Profil-Lyzeen mit berufsbildenden Schwerpunkten wie Technik oder Naturwissenschaften (Abschluss: Fachabitur) und, für schwächere Schüler, allgemeine Berufsschulen. "Unsere neuen Gymnasien", sagt Stanislaw Drzazdzewski, 49, Chefberater im polnischen Bildungsministerium, "haben vor allem eine Aufgabe: nicht Fakten pauken, sondern lernen, die Welt zu verstehen."

Pause im "Gimnazjum 42". In den Gängen des schmucklosen Kastenbaus in der Warschauer Innenstadt sitzen die Schüler auf dem Boden und reden. Andere hocken in der Kantine über Tomatensuppe und Putenkotelett mit Ananas. Die 630 Schülerinnen und Schüler, aufgeteilt in 21 Klassen, werden von 50 Lehrern unterrichtet. Täglich von 8 bis 15 Uhr. Mal frontal, mal in Kleingruppen. "Die Schüler dürfen mit entscheiden, wie der Unterricht aussieht", sagt Direktor Andrzej Jan Wyrozembski, 38.

Das "Gimnazjum 42", zehn Gehminuten vom Warschauer Zentralbahnhof entfernt, ist eine der erfolgreichsten Schulen der polnischen Hauptstadt. Die "42" hat im vergangenen Schuljahr die meisten Gewinner der traditionellen "Wissensolympiaden" gestellt und entlässt 99,9 Prozent ihrer Abgänger in die Oberstufen-Lyzeen, an deren Ende der Hochschulabschluss steht. Sieben bis neun Bewerber stehen hier pro Schulplatz an.

Alle Schüler des "Gimnazjum 42" tragen Namensschilder mit Porträtfotos. "Aus Sicherheitsgründen", sagt Direktor Wyrozembski. Montags müssen sämtliche Schüler in Schuluniform erscheinen - weißes Hemd, Krawatte, dunkelblauer Pullunder. Demnächst wird die Einheitskluft für jeden Schultag vorgeschrieben. "Das stärkt die Identifikation mit der Schule und das Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt Wyrozembski. Außerdem merke man dann nicht mehr, "wer aus einem reichen und wer aus einem armen Elternhaus kommt".

Mathematikunterricht in der Klasse 3d. "Fragt nicht, was dieses Land für euch tun kann, fragt, was ihr für dieses Land tun könnt." Das Credo des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy steht unter dem polnischen Staatswappen. 23 Schülerinnen und Schüler verfolgen aufmerksam, wie Mathematiklehrerin Maria Medrzycka, 37, Dreiecke an die Tafel malt und Symmetriepunkte berechnet. Nur wenige Schulbücher liegen auf den Tischen. Die Lehrpläne in Polen werden dezentral entwickelt - zum Teil von den Schulen selbst. Das Bildungsministerium gibt nur die "Grundlage der Programmbildung" vor, wie Michal Federowicz erläutert.

Federowicz, 51, Dozent am Institut für Philosophie und Soziologie der Warschauer Akademie der Wissenschaften, ist der nationale Pisa-Chef. Worum es derzeit gehe, sei eine breite und gute Allgemeinbildung. "Anders können sich junge Leute nicht so schnell spezialisieren, wie es der Arbeitsmarkt erfordert." Und der fordert auch in Polen immer höhere Schulabschlüsse.

Hatte das Land

Anfang der 90er Jahre noch 400 000 Studenten pro Jahrgang, sind es jetzt mehr als viermal so viele, demnächst sogar zwei Millionen. Die "Berufsschule" für die schwächeren Schüler gilt dagegen als Auslaufmodell, das nur noch knapp 15 Prozent eines Jahrgangs besuchen. Von solch hohem Anteil höherer Bildung können deutsche Schüler nur träumen. Alltag in Deutschland: In Klasse 4 wird rigoros ausgesiebt. Jeder vierte Schüler landet noch immer auf einer Schule, die von der Wirtschaft längst als "Restschule" abgestempelt worden ist. Vier Jahre Grundschule sind zu kurz, um zum Beispiel mangelnde Deutschkenntnisse auszugleichen. Die Hauptschule wird dann zur Sackgasse. Denn Lernzuwächse hängen vom "schulspezifischen Milieu" ab, so die Lehrergewerkschaft GEW. Im Klartext: Gleich intelligente Schüler lernen an einer durchschnittlichen Hauptschule weniger als an einer Realschule oder dem Gymnasium.

In Deutschland bleibt daher fast jeder vierte 15-Jährige, das belegt die neue Pisa-Studie, auf dem Niveau der Grundschule. Er kann selbst einfachste Texte nicht lesen.

Ein paar Fortschritte gab es durchaus seit dem Pisa-Schock. So investierte die Bundesregierung vier Milliarden Euro in Ganztagsschulen, die Kultusminister erarbeiteten Bildungsstandards, die für alle Bundesländer gelten. Die Schulen haben mehr Freiheiten erhalten, und der "Schul-TÜV", zusammengesetzt aus externen Prüfern, kontrolliert, was sie daraus machen. In manchen Kindergärten gibt es jetzt gezielte Förderung für Kinder mit Sprachschwierigkeiten.

Doch an den gravierendsten Schwächen haben alle Anstrengungen bisher nichts geändert: In keinem anderen Land ist die Herkunft so entscheidend für den Bildungsweg. Akademikerkinder haben dreimal bessere Chancen, das Abitur zu erwerben, als Kinder von Facharbeitern, unabhängig von ihrer Begabung. Es gibt deshalb immer mehr Stimmen, die eine grundlegende Reform fordern: Schluss mit einer Auslese, die schon Zehnjährige zu Verlierern stempelt, weil es ihren Eltern an Einkommen, Bildung oder deutscher Herkunft mangelt.

"Das größte Problem

ist die frühe Aufteilung der Schüler", kritisiert Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule aus Wiesbaden, die bei Pisa I sehr gut abschnitt. Riegel klagt, Deutschland sei (neben ein paar Schweizer Kantonen) das einzige Land der OECD, in dem Schüler so jung aussortiert würden.

Auch im Pisa-Siegerland Finnland gehen Kinder neun Jahre gemeinsam zur Schule. Hauptvorteil: Wer Probleme hat, kann nicht einfach "entsorgt" werden. "Die Lehrer sind für die Kinder da und nicht umgekehrt", sagt Rainer Domisch.

"Die sind so etwas wie Freunde", sagt Fabian, 17, seit September Gastschüler aus Finnland im badischen Achern. In Baden-Württemberg lernen zurzeit ein Dutzend finnische Gastschüler die Besonderheiten des eigenen Schulsystems wieder richtig zu schätzen - wozu auch Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Respekt gehören. Den vermisst Fabian bei seinen deutschen Klassenkameraden manchmal.

Zehn Kilometer entfernt, im badischen Bühl, versucht Johannes aus Tampere dem deutschen Unterricht im Gymnasium zu folgen. Nicht nur Sprachschwierigkeiten hindern ihn daran. Das strenge Lernen nach gemeinsamem Stundenplan ist er nicht gewohnt. In der fünften Stunde hat er Physik bei Herrn Danner. Herr Danner erklärt den "freien Fall" anschaulich mit Kügelchen, die er aus einem halben Meter Höhe herunterfallen lässt. Die Klasse folgt ihm mäßig interessiert, ein paar machen mit, der Rest tuschelt. Herr Danner sagt neunmal "Sch!" und zweimal "Könnt ihr jetzt bitte eure Privatunterhaltung lassen?".

Herr Danner erzählt von der Relativitätstheorie und entwickelt an der Tafel einsam das Grundgesetz der Mechanik. 20 Sekunden vor dem Gong fragt er, wer Tafeldienst hat, und kündigt an, dass man in der nächsten Stunde mit den errechneten Formeln arbeiten werde. Da ist die Klasse schon zur Tür hinausgestürzt.

Zu Hause in Tampere hat Johannes mitunter auch Frontalunterricht, aber er muss sich viel mehr eigenständig erarbeiten. Das hat er von klein auf gelernt, zunächst in der gemeinsamen Grundschule, dann in der Mittelstufe. Bis Klasse 9 blieb er mit seinen Mitschülern zusammen. Dann erst teilte sich die Klasse. 60 Prozent der jungen Finnen machen Abitur, in Deutschland sind es knapp 40. Johannes stellt sich seinen Stundenplan wie ein Student an der Universität selbst zusammen. Sechs Wochen Physik und dann sechs Wochen Mathematik, Unterricht in "Perioden" statt in Wissensinselchen.

Fürs Abitur muss Johannes mindestens 75 Kurse besuchen. Wie er das macht, bleibt ihm ganz allein überlassen. Im Herbst belegt er bis zu 36 Stunden pro Woche. Im Frühjahr, wenn er Ski fahren gehen will, nur 18. Keiner macht ihm Vorschriften. Einigermaßen erstaunt hört er, dass es an Deutschlands Schulen eine "Anwesenheitspflicht" gibt. "Unser System basiert auf Freiwilligkeit", erklärt Fabian, "das deutsche auf Pflicht."

Lustlosigkeit lässt sich ändern, mit einem radikalen Umbau, rät Bildungsexperte Rainer Domisch. So, wie ihn Finnland vor 30 Jahren gemacht hat: vom dreigliedrigen System nach deutschem Vorbild zur "Schule für alle". Für die Deutschen sei es eine ökonomische Frage, "wie lange sie sich eine Schulart ohne Perspektive" leisten könnten. Verlangt würden künftig immer mehr Akademiker statt Handarbeiter, meint auch Pisa-Koordinator Andreas Schleicher. "Sobald das die globale Wirtschaft verlangt, kommt das ganz schnell", sagt Rainer Domisch.

Das Thema wirkt in Finnland ein bisschen antiquiert. Dort arbeiten Pädagogen und Bildungsforscher derzeit an einem Konzept für ihr Bildungssystem im Jahr 2015.

Ingrid Eissele/Werner Mathes Mitarbeit: Kirsten Wörnle / print

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