Pisa II Von Wirtschaftskraft und Bildungslandschaften


Bei der zweiten Pisa-Studie haben die EU-Staaten im internationalen Vergleich nur ein Mittelmaß erreicht. Ob sie damit das Ziel, bis 2010 die schlagkräftigste wissensbasierte Wirtschaft zu stellen noch erreichen, bleibt fragwürdig.

Die Schüler in den europäischen Klassenzimmer haben wieder sehr unterschiedliche Zeugnisse erhalten. Der finnische Musterschüler ist bei der PISA-Studie 2003 erneut der Primus. Sein österreichischer Klassenkamerad bringt diesmal schlechtere Noten nach Hause als drei Jahre zuvor. Der Deutsche weiß zwar Probleme zu lösen, bleibt aber Durchschnitt. Und der Pole, erst im Mai in die Klasse aufgenommen, hat sich binnen drei Jahren enorm gesteigert.

"Das Beispiel Polens zeigt: In relativ kurzer Zeit können sich die Ergebnisse verbessern", lobt Bildungsexperte Andreas Schleicher von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in der Rolle des globalen Schulleiters. Seine Benotung der Mitschüler aus Asien und Amerika offenbart: Die europäischen Schüler sind - wegen mäßiger Ergebnisse in großen EU-Staaten wie Deutschland, Spanien und Italien - im internationalen Vergleich nur Durchschnitt. Das gefährdet längerfristig auch ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Wer es richtig gemacht hat

Das erklärte Klassenziel der 25 EU-Staaten, bis zum Jahr 2010 die schlagkräftigste wissensbasierte Wirtschaft der Welt auf die Beine zu stellen, scheint angesichts der Pisa-Zwischenzeugnisse jedenfalls gefährdet. "Die heutige Wirtschaftskraft hängt sicher von der Bildungslandschaft in der Vergangenheit ab", sagt Schleicher. Vor 20 Jahren hätten die USA im Schulwesen "weit vorne" gestanden, heute seien sie die führende Wirtschaftsmacht. Aber die Dinge ändern sich. Die USA brauchen inzwischen Nachhilfe, andere schreiben die Einser.

"Korea ist binnen einer Generation an die Spitze aufgestiegen", hebt Schleicher hervor. Hongkong rangiere ebenfalls ganz vorn. "Deutschland dagegen ist in einer Generation aus dem Spitzenfeld ins Mittelmaß abgerutscht." Das Beispiel des europäischen Musterschülers Finnland wiederum zeige, dass sich auch gute Noten weiter verbessern lassen: "In Finnland brauchen sich Eltern keine Sorgen zu machen, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken." Überall werde gut gelernt.

Was Bildungssysteme erfolgreich macht

Erfolgreiche Bildungssysteme haben laut OECD-Fachmann Schleicher einiges gemeinsam: Vorschule für viele Kinder, gezielte Förderung schwächerer Schüler in einem System ohne frühzeitige Festlegung auf verschiedene Leistungsstufen, Verantwortung für die Schulen sowie eine klare Vorstellung von den benötigten Kenntnissen. In Deutschland liege das Gesamtniveau auch deshalb so niedrig, weil viele Schüler im dreigliedrigen Schulsystem letztlich ausgesondert würden.

Auch Polen hatte das Problem einer sehr großen Leistungsspanne zwischen den besten und schlechtesten Schülern. Das drückte den Durchschnitt noch bei der Pisa-Studie 2000. Doch die Schulreform von 1999 habe sich schon bei der Erhebung 2003 positiv bemerkbar gemacht, meint Schleicher. Unter anderem würden schwache Schüler dort inzwischen besser gefördert: "Aber es funktioniert nur, wenn eine Langfrist-Strategie dazu gehört."

Im europäischen Klassenzimmer ist Polen damit klarer Aufsteiger, aber auch eine Ausnahmeerscheinung. Seine mittelmäßigen Kameraden hätten keine ähnliche Verbesserung geschafft, tadelt Schleicher. Die Entwicklung - die mit neuen Untersuchungen 2006 und 2009 erneut gemessen wird - sei aber wichtiger als das Zwischenzeugnis. Und auf wirtschaftlichem Gebiet entscheide, was man aus dem Wissen macht: Aber das, sagt der OECD-Fachmann, ist keine Angelegenheit von Pisa.

Roland Siegloff/DPA DPA

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