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Berliner hilft obdachlosen Kindern: "Seit der Krise haben wir noch mehr Straßenkinder – die jetzt nicht mal mehr Toiletten finden"

Eckhard Baumann leitet den Verein Straßenkinder e.V. in Berlin. Mit Sorge beobachtet er, wie seit Beginn der Corona-Krise immer mehr Kinder und Jugendliche auf der Straße landen. Wie er nun versucht, ihnen zu helfen.

Ein Junge liegt eingerollt auf der Straße

Berlin gilt als Hauptstadt der Straßenkinder (Symbolbild) 

Getty Images

Hepatitis, Krätze, Streptokokken, Lebensmittelvergiftungen, weil sie auch mal aus dem Müll essen: "Krankheiten zählen für Straßenkinder zum Alltag. Denen ist das Coronavirus egal", sagt Eckhard Baumann, der sich selbst als Ecki vorstellt. Ecki leitet den Verein "Straßenkinder e.V." in Berlin. Gemeinsam mit Streetworkern kümmert er sich um obdachlose Kinder und Jugendliche. Auch jetzt, in der Pandemie. Gerade jetzt.

"Die Lage ist dramatisch. Die Obdachlosigkeit ist seit dem Beginn der Krise höher geworden, das sehen wir ganz deutlich. Kinder und Jugendliche, die schon vor der Kontaktsperre Gewalt in ihren Familien ausgesetzt waren, hauen jetzt erst recht ab. Das halten die nicht aus zu Hause", sagt Ecki. Er und sein Team beobachten die neuen, jungen Gesichter auf den Straßen mit Sorge. Bei so vielen, noch unbekannten Straßenkindern fehlt den Streetworkern die Kontrolle.

Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts leben etwa 6500 Straßenkinder in Deutschland, mehrere hundert davon in Berlin. Ecki und sein Team beobachten, dass aktuell nicht nur mehr Kinder und Jugendliche auf der Straße leben, sondern auch mehr von ihnen die Anlaufstellen und die Beratung des Vereins aufsuchen. Ihn wundert das nicht. "Diese Krise haben wir vielleicht irgendwann medizinisch gemeistert, aber wir werden seelisch verletzte Kinder davontragen", sagt er. "Kinder, die in dieser Zeit Gewalt ausgesetzt waren oder von ihrem notgeilen Pflegevater missbraucht wurden, die aus lauter Verzweiflung auf die Straße geflohen sind, wo sie jetzt, in Corona-Zeiten, kaum Unterstützung finden."

"Die Drogenabhängigen können keine Drogen mehr kaufen und werden aggressiv"

Der Verein Straßenkinder e.V. betreibt zwei Anlaufstellen und die Sozialeinrichtung Bolle für obdachlose Kinder und Jugendliche aus Armutsverhältnissen. In Berlin lebt fast jedes dritte Kind in einem Hartz-IV-Haushalt, wie Statistiken der Bundesagentur für Arbeit belegen. 

Bolle bietet den Kindern nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Duschen, warmes Essen und Unterstützung in allen Lebenslagen. Wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr gilt momentan allerdings ein Besuchsverbot in der Einrichtung. Ecki und sein Team werden kreativ, um nicht den Kontakt zu den Kindern zu verlieren, sie abzulenken und zu beschäftigen. "Wir geben ihnen kleine Aufgaben, sagen ihnen zum Beispiel, sie sollen sich als Pinguin verkleiden. Das funktioniert." 

Die Versorgung der auf der Straße lebenden Kinder und Jugendlichen außerhalb von Bolle stellt eine viel größere Herausforderung dar. Für die Essensausgabe müssen sich die Obdachlosen mit einem Abstand zwischen drei und vier Metern anstellen. "Daran halten sich alle. Solange wir dabei sind. Aber ich glaube, wenn sie unter sich sind, ist ihnen das völlig egal. Die haben andere Probleme", sagt Ecki und zählt auf: "Es ist fast niemand mehr in der Stadt unterwegs, also können sie niemanden mehr anschnorren. Das Geld fehlt ihnen für Essen und Drogen. Können sich die Drogenabhängigen keine Drogen kaufen, werden sie aggressiv. Weil alle Einkaufszentren geschlossen haben, finden sie kaum noch warme Ecken, in denen sie schlafen können. Ganz zu schweigen von Toiletten, es gibt nirgendwo mehr Toiletten, die sie benutzen können. Gerade für Frauen ist das ein Riesenproblem." 

Der Verein plant jetzt unter hohen Hygienevorschriften, sogenannte Corona-Klos aufzustellen. Ecki hofft, dass die Krise bald überstanden ist. Er ist besorgt, was passiert, wenn zu all den schon bestehenden Krankheiten und seelischen Verletzungen der Straßenkinder neue psychische Probleme und Ängste hinzukommen. "Solche Notfallpläne müssen besser durchdacht sein, bis in alle Gesellschaftsschichten, bis in alle Zwischenebenen hinein", sagt er.

"Man löscht das große Feuer, aber dabei entstehen viele kleine Brände. Für eine normal funktionierende Familie mit Garten in der Vorstadt sind ein Kontaktverbot oder eine Ausgangssperre gut machbar. Aber die ohnehin schon Abgehängten sind jetzt noch abgehängter. Sie sind so verloren wie noch nie zuvor."

Hier finden Sie noch mehr Informationen zum Verein Straßenkinder e.V.

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