Studenten-Projekt Traumberuf Journalist


Uni mal anders. Statt Theorie im Elfenbeinturm zu pauken, interviewten Journalistikstudenten prominente Medienmacher. Entstanden ist ein Buch über den Traumberuf Journalist.
von Hauke Friederichs

Die Hamburger Universität ist eine Massen-Uni. Studenten klagen über überfüllte Vorlesungen, lange Wartelisten für Seminare, wenig Zeit der Professoren und schlechte Ausstattung. Studentenverteter nennen das "Bildungswüste", doch es gibt auch Oasen. 24 Studierende des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft haben zusammen mit dem Junior-Professor Bernhard Pörksen und dem Journalisten Jens Bergmann ein Sachbuch geschrieben und vermarktet.

In einem Seminarraum im Gebäude der Wirtschaftswissenschaftler, das wegen seiner kastenförmigen Architektur nur Wiwi-Bunker genannt wird, sitzt eine Gruppe von Journalistik-Studenten zusammen. Sie blättern Stapel von Papier durch. Vor jedem liegt auf dem Tisch die Druckfahne eines Buches, ihres Buches. Über 300 Seiten ist es dick und in einem halben Jahr Arbeit entstanden. Im "Trendbuch Journalismus" sprechen prominente Medienmacher über die Zukunft der Branche, über Ausbildung und den Berufseinstieg in den Journalismus.

Gearbeitet wurde nicht in einem klassischen Seminar mit Frontalunterricht. Die angehenden Journalisten sind als Interviewer durch das ganze Land gezogen. Zusammen wurde der Titel und der Inhalt des Buchs bestimmt. Ein Buch über den Traumberuf Journalist und über die Ausbildung bei Presse und Rundfunk war das Ziel. Kein einfacher Ratgeber mit Adressensammlung und Tipps, die Großen der Medienbranche sollten ihr Erfolgsgeheimnis verraten.

Die Studenten und ihr Professor erstellten eine lange Liste mit Namen. Sie fragten sich, wer könnte jungen Menschen, die in den Journalismus wollen Nützliches verraten. Wer ist interessant, an wem kann man sich reiben, welcher Chefredakteur hat eine Geschichte zu erzählen. Die Seminarteilnehmer trugen Namen zusammen, die die Spitze der Medienbranche ergaben. Würden "Bild"-Chef Kai Dieckmann, "taz"-Frontfrau Bascha Mika, der "Zeit"-Herausgeber und Moderator Michael Naumann, Talker Reinhold Beckmann und Bestsellerautorin Katja Kessler den Studenten Rede und Antwort stehen? Sie taten es, kaum ein Wunschkandidat sagte ab.

"Unglaublich" und "fantastisch" waren die Reaktionen im Seminar. Stars der Medienbranche, wie "Spiegel"-Chef Stefan Aust, "Tagesthemen"-Moderatorin Anne Will oder Autor Helge Timmerberg waren bereit, sich mindestens eine Stunde interviewen zu lassen. Termine wurden vereinbart, Recherche-Dossiers erstellt und ein intensives Interviewcoaching betrieben. Seminarleiter Pörksen präsentierte verschiedene Fragetechniken und erklärte was wichtig ist: Der Interviewer muss das Gespräch leiten, darf Ausflüchte nicht dulden, muss immer kritisch nachfragen. Keine leichte Aufgabe, wenn dann plötzlich Michael Naumann vor einem sitzt und mit seiner jahrzehntenlangen Berufserfahrung mehr Medienkompetenz als alle Studenten zusammen hat.

"Ein Kommilitonin und ich haben Sandra Maischberger interviewt", sagt Veronika Pohl. "Wir waren so gut vorbereitet, dass ich nicht nervös war." Eine leichte Interviewpartnerin war die TV-Journalistin und Profi-Interviewerin nicht. Maischberger hatte nicht viel Zeit, als die Studentinnen in einer Fernsehproduktionsfirma auf die mit Preisen überhäufte Journalistin trafen. Hop, hop und schnell, schnell waren ihre Kommentare zum Gesprächsstart. "Immer wenn ihr unsere Fragen unangenehm wurden, ist sie ausgewichen und hat unsere Gesprächsführung kritisiert", sagt Pohl. Als Tipp, wie man in den Journalismus kommt, hat Maischberger der jungen Frau "Handwerk lernen und fleißig sein mit auf den Weg gegeben.

Student Hamed Bahraynian besuchte mit einer Kommilitonin die "WDR"-Sportchefin Sabine Töpperwien. Er war vor allem von dem Aussehen Töpperwiens überrascht. "Sie kam auf uns zu und war komplett in Rosa gekleidet, sie hatte sogar rosa Strähnen im Haar." So hatte sich Bahraynian die toughe Sportfrau nicht vorgestellt. Im Gespräch zeigte sich, dass Töpperwien eine Kämpfernatur ist. "Ich war schon beeindruckt. Sie hat immer mit den Jungen mitgebolzt, sich auf dem Platz und in den Medien durchgesetzt", sagt der Student. Zusammen mit Kai Kleen interviewte er auch den "Bild am Sonntag"-Chef Claus Strunz. Für Kleen eine besonderte Erfahrung. "Ich war regelrecht von dem gefesselt, was uns Strunz erzählt hat", sagt Kleen. "Man muss seine Stärken ausbauen und nicht versuchen die Schwächen abzumildern, dass habe ich aus dem Gespräch mitgenommen", sagt Kleen. Beeindruckt war auch seine Kommilitonin Hanna Domeyer von der "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika. "Sie hat eine ganz tolle Art bestimmend zu sein, ohne arrogant zu wirken", schwärmt Domeyer. Mikas Ideal von der hierarchielosen Zeitung fand sie besonders interessant, wenn auch schwer umsetzbar.

Der ehemalige stern-Chefredakteur und Sachbuchautor Michael Jürgs gab Insa Lienemann mit auf dem Weg, dass eine gute Schule für Bestsellerautoren der Illustrierten-Journalismus ist. Er riet ihr und allen anderen Studenten weiter, auf jeden Fall das Studium durchzuziehen. Lienemann machten ihre Interviews besonders Spaß, weil man mit solchen Medienprofis anders reden kann, als mit "normalen Menschen" auf der Straße. Ihre Interviewpartner hätten aber schnell erkannt, wohin sie mit ihren Fragen wollte. "Ich habe die Buchproduktion als große Chance empfunden", sagt Lienemann. An der Universität sei so ein Projekt alles andere als normal.

Nach den Interviews kam die Hauptarbeit. Die Texte für das Buch mussten als Frage-Antwort-Dialog geschrieben werden. Bei der Bearbeitung der Gespräche halfen der "Brand Eins"-Redakteur Jens Bergmann und Pörksen, der vor seiner akademischen Karriere auch als Journalist gearbeitet hatte. Studenten mit wenig Medienerfahrung lernten so die Arbeit in einer Redaktion kennen. Textchef Bergmann kürzte und strich zusammen und forderte die jungen Autoren. Das Ergebnis ist eine Sammlung von unterschiedlichsten Erkenntnisse und Erfahungen der Medienmacher. Für die Studierenden hat sich dieses Projekt in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Einigen nutzten die Kontakte zu Chefredakteuren um ein Praktikumsplatz zu ergattern, andere konnten ihre Interviews als Vorabdrucke verkaufen. Treu dem Motto von Maischberger: "Fleißig sein und Handwerk lernen."


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