Volkswagen Wie ein Sturm das Käufervertrauen verhagelte


Rund 30.000 neue Volkswagen wurden bei einem Sommersturm über dem Wolfsburger Werksgelände beschädigt. Das Problem: Die meisten Autos waren bereits verkauft. Jetzt haben deren potenzielle Besitzer ein Problem - auch mit der Informationspolitik von VW.
Von Christoph M. Schwarzer

"Mein Vertrauen in Volkswagen ist zerrüttet", sagt Frank Ganzera. Der Augenarzt aus Kulmbach hatte ein schickes Eos-Cabriolet bestellt. Mit 200 PS und Lederausstattung. Vorwiegend für seine Frau. Aber auch für sich und den Sommer. Daraus wird nichts mehr: Zwei Tage vor dem geplanten Abholtermin am 12. Juli in der Autostadt Wolfsburg erklärte der Händler, der Wagen sei "gesperrt". Warum? Das war nicht bekannt. Das bereits überwiesene Geld wurde Ganzera zurückgegeben, "aber erst nach Druckausübung". Einen neuen Liefertermin hat er bis heute nicht, vielleicht, sagte ihm der Händler vor zwei Wochen, klappe es Mitte September.

30.000 Autos betroffen

Wahrscheinlich ist der Eos von Ganzera ein Hagelopfer: Etwa 30.000 Autos verschiedener Marken aus dem VW-Konzern sind bei einem Unwetter Ende Juni beschädigt worden. Golfs, die auf dem Weg in die weite Welt waren. Jettas und Eos aus Werken in Mexico und Portugal, die auf ihre Auslieferung an europäische Kunden warteten. Übersät mit kleinen Beulen. Ein dreistelliger Millionenschaden. Und einer, der bei VW zum Stau führte: Jedes Fahrzeug musste genau überprüft werden. In Lichtkanälen wurde die Spreu vom Weizen getrennt. Einige hatten Glück und waren unbeschädigt. Sehr viele mussten von Beulendoktoren und Lackierern instandgesetzt werden. Eine Mammutaufgabe.

Und eine mit klaren Rechtsfolgen. Wie immer in der Juristerei kommt es dabei auf die Feinheiten an. Sobald ein Wagen mit Hagelschaden instandgesetzt wurde, ist er nämlich nicht mehr "fabrikneu", sondern nur noch "neuwertig". "Der Händler hat in diesem Fall eine Offenbarungspflicht", erklärt VW-Sprecher Christoph Adomat auf Anfrage von stern.de. Gut für den Kunden, denn weil sein Wunschwagen jetzt nur noch neuwertig ist, erlischt seine Abnahmepflicht. Klartext: Er kann wählen, ob er komplett vom Kauf zurücktritt, auf ein anderes, tatsächlich fabrikneues Auto wartet oder ob er das zum Beispiel ausgebeulte und überlackierte Fahrzeug mit einer festgelegten Wertminderung trotzdem abnimmt.

Abnahmepflicht erlischt

Für den letzten Fall, also dem Einverständnis mit der Wertminderung, muss der Kunde aber eines wissen: "Beim Wiederverkauf ist er auskunftspflichtig", erklärt ADAC-Hausjuristin Claudia Schraufstetter. Der Kunde muss also in ein paar Jahren jedem Verkäufer sagen: Dieses Auto hat einen reparierten Hagelschaden. Mit allen Konsequenzen für den Wert in Euro. Die Abwägung, ob ein paar zusätzliche Wochen Wartezeit nicht das kleinere Übel sind, muss jeder Kunde selbst vornehmen.

Trotz eindeutiger Rechtslage zeugen viele Interneteinträge von der Verunsicherung der Käufer. Sie scheinen nicht genau zu wissen, dass sie ein Auto mit Hagelschaden nicht nehmen müssen. Und sie sind erbost über die Informationspolitik von Volkswagen. Einige, die erst in letzter Minute davon erfuhren, dass ihr Auslieferungstermin nicht klappt, hatten schon die Nummernschilder auf dem Küchentisch liegen. Andere sind sauer auf den Schwarzen Peter in Sachen Verantwortung, der einer gegenseitigen "Abwälzung zwischen Händler und Volkswagenwerk" gleiche.

Schwarzer Peter der Verantwortung

Zu Lasten des Kunden, was nach Auskunft von VW-Sprecher Adomat nicht sein sollte: "Im Grundsatz darf der Kunde nicht der Getroffene sein." Getroffen ist in jedem Fall das Vertrauen in Volkswagen. Eos-Käufer Ganzera ist misstrauisch. Obwohl er von der Offenbarungspflicht der Händler weiß, befürchtet er "ein repariertes Fahrzeug zu bekommen." Er erwägt bereits die Einschaltung eines Gutachters. Wenn der feststellen sollte, dass ihm die Instandsetzung eines Hagelschadens verschwiegen worden ist, wäre das ein Skandal.


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