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Wanderarbeiter-Kinder in China: Klein Yue allein zu Haus

Millionen Kinder leben alleingelassen in Chinas Provinz. Ihre Eltern verdingen sich als Wanderarbeiter in den Metropolen. Besuch an einem Ort, in dem gebrechliche Alte und vereinsamte Kinder wohnen.

Von Ruth Fend, Maqiao

Die Ernte ist gut ausgefallen. In goldgelben Haufen und Reihen türmen sich Maiskolben am Rand der staubigen Straßen von Maqiao und stapeln sich auf den Ziegelsteindächern niedriger grauer Häuser. Überall auf der schmalen Asphaltzufahrt zu dem Haus von Yue Yanfei liegen Bohnen zum Trocknen aus. Doch für Yue ist das Ende der Ernte kein Grund zur Freude. Für ihn ist es die Zeit des Abschieds. Denn kaum war die Ernte vor einigen Wochen eingefahren, sind seine Eltern wieder fortgegangen. Seitdem ist Yue allein. Er ist gerade 13 Jahre alt.

Der Junge schläft jetzt im Elternschlafzimmer mit den zwei Holzbetten und den dünnen Matratzen. In dem zweistöckigen, nahezu unmöblierten Haus sieht er verloren aus. Seine leise Stimme hallt bei jedem Wort nach. Das Eingangszimmer ist ein langer Schlauch, mehr Garage als Wohnraum. Vor der Haustür steht ein altertümlicher Trecker, auf einem Heuhaufen daneben leistet ein Huhn Yue Gesellschaft, ein Mischling lungert herum. Früher, bevor seine Eltern nach Schanghai gezogen sind, um als Wächter und als Angestellte einer Universitätskantine zu arbeiten, hat Yue im oberen Stock geschlafen. Der steht jetzt leer, Putz blättert ab.

An die Leere hat Yue sich noch nicht gewöhnt. "Ich vermisse meine Eltern sehr", sagt er. "Ich habe ja auch keine Geschwister." Immerhin, die Familie des Onkels mit seinen beiden Cousins wohnt gleich nebenan. Mit ihnen spielt er nach der Schule oder schaut fern. Onkel und Tante kümmern sich bis zur Erntezeit auch um das Land von Yues Eltern. Manchmal isst er am Wochenende bei ihnen. "Oft koche ich mir aber auch selbst etwas. Ich weiß, wie man Reis, Kartoffeln und Nudeln macht."

58 Millionen Kinder wachsen allein auf

Yue teilt sein Schicksal mit Millionen anderer chinesischer Kinder. Sie sind Opfer des Wirtschaftsbooms, des Strebens nach Wohlstand und Anerkennung. Einem Bericht der Regierung in Peking vom Oktober 2010 zufolge sollen heute 58 Millionen chinesische Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen. Ihre Zahl steigt in schwindelerregendem Tempo: Noch 2007 schätzte das Forschungszentrum der China Agricultural University in Peking ihre Zahl auf 23 Millionen. In Heerscharen ziehen ihre Eltern in die großen Städte, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Zurück in den Dörfern bleiben Kinder, die von den Überweisungen der Eltern leben. Und Alte, die sich um die Enkel kümmern. Die Altersstruktur in Orten wie Maqiao ähnelt einer Sanduhr.

Pan Lijiangs Klassenliste gibt die Statistik im Kleinen wieder: 64 Schüler sind dort mit Namen und Adresse aufgeführt. Bei jedem Kind, das ohne Eltern lebt, hat der Lehrer an den Rand ein kleines rotes Dreieck gemalt. Yue ist eines von 24 solchen Dreiecken. "Und das sind nur die, bei denen beide Elternteile die meiste Zeit des Jahres weg sind. Hinzu kommen noch solche, bei denen Vater oder Mutter fehlen." Pan ist in Maqiao geboren. Seit über 20 Jahren unterrichtet der kleine, gedrungene Mann in dem blauen Baumwollhemd Chinesisch an der Mittelschule und beobachtet, wie sich die Kleinstadt verändert. "Seit etwa zehn Jahren ziehen die Erwachsenen in die Großstädte", sagt der Lehrer. Zuerst nach Shenzhen und Guangzhou, jetzt auch nach Schanghai. Sobald ein Dorfbewohner geht, zieht er weitere nach. Yues Eltern arbeiteten bis letztes Jahr noch in einer lokalen Spielzeugfabrik. Doch dann kam die Finanzkrise, die Fabrik musste schließen.

Maqiao liegt in der bevölkerungsreichen Provinz Henan, die als Heimat der meisten Wanderarbeiter gilt. Einer von ihnen hat mit seiner Verzweiflungstat dieses Jahr für Schlagzeilen gesorgt: Weil er die miserablen Arbeitsbedingungen beim Elektronikzulieferer Foxconn nicht ertragen konnte, nahm er sich das Leben - wie schon neun Kollegen zuvor.

Wegzug im Kampf um sozialen Aufstieg

Es ist jedoch weniger die Armut, die die Bewohner aus der 60.000-Einwohner-Stadt treibt. In Maqiao ist der Asphalt auf den Straßen glatt, zahlreiche kleine Geschäfte drängen sich am Straßenrand, viele Häuser sind aus Beton statt aus Lehm oder Ziegeln. Der Weizen wächst gut hier, und unter der Erde liegen Kohlevorräte. Mehl und Kohle, auf diesen zwei Säulen ruht der Distrikt, sagen seine Bewohner. Eine schwarz, eine weiß.

Es geht weniger ums Überleben als um sozialen Aufstieg. "Die Erwachsenen ziehen weg, weil sie mit ihren Nachbarn wetteifern", sagt Pan Lu von der China Agriculture University. Mit ihrem Forschungsteam hat sie die Situation von 400 zurückgelassenen Kindern in Provinzen wie Henan untersucht. "Wenn der Nachbar ein einstöckiges Haus gebaut hat, wollen sie ein zweistöckiges." Das in den Metropolen erarbeitete Geld fließt auch nach Maqiao. Mit dem ersten gesparten Geld, teils auch mit Bankkrediten, wird das erste Stockwerk gebaut. Wenn mehr Geld da ist, folgt das zweite. So auch bei Familie Yue. "Jetzt muss das Haus noch möbliert werden", sagt Yues Onkel.

Doch die, die das Haus bauen, bewohnen es nicht. "Hier leben das meiste Jahr über nur Kinder und Alte", sagt Pan Lu und zeigt auf eine Reihe neuer Häuser. Der soziale Wettlauf bestimmt nun auch ihr Leben. Die zurückgelassenen Kinder, sagt Lu, sind gespalten. Sie wollen ihre Eltern, aber auch die neuen Häuser.

Yues Klassenkamerad Dong Li wohnt noch in einem niedrigen Ziegelhaus, umgeben von Pappeln und Feldern. Mit seinen Großeltern schläft er auf einem Holzbett in einem dunklen Zimmer, das mit bunten Postern gepflastert ist. In der Ecke steht ein kleiner Fernseher. Auch Dongs Eltern arbeiten in Schanghai, als Kellner in einem Restaurant. Die Großeltern finden das richtig. "Wir haben nur zwei Mu Land, und wir sind beide gesund", sagt der Großvater. "Die Feldarbeit schaffen wir auch allein." Mit einem Mu (660 Quadratmeter) Ackerland können sie 1000 Yuan pro Jahr erwirtschaften - in Schanghai verdienen das ihre Kinder pro Monat.

Weggegangen, um Schulgeld bezahlen zu können

Dongs Eltern sind weggegangen, damit er mal eine bessere Zukunft hat. Als er in die Mittelschule kam, dämmerte ihnen, dass sie für seine Ausbildung bald mehr Geld brauchen würden. Ab der Highschool sind in China Schulgebühren von 500 bis 2000 Yuan pro Halbjahr fällig - je nach Schulnoten. Dong, trendige Fransenfrisur und giftgrünes Poloshirt, ist ein mittelmäßiger Schüler, sagt Lehrer Pan leise. Er bekommt den Mund kaum auf, nur dass er Arzt werden will, verrät er. Ob er seine Eltern vermisst? Dong nickt schüchtern. Wie lange sie in Schanghai bleiben, wissen weder er noch die Großeltern. "Sie sollen auf jeden Fall so lange wegbleiben, bis sie ein Haus für meinen Enkel bauen können", sagt Großvater Dong. "Wenn er einmal heiraten will, muss er ein Haus bieten können." Kein Haus, keine Frau, keine Urenkel. Ganz einfach.

Großvater Dong ist 62 und seine Frau 60. Wenn er lacht, und das tut er oft, entblößt er zwei Reihen perfekter weißer Zähne. Um seine eigene Zukunft macht er sich keine Sorgen. Wenn sie alt und schwach werden, so hoffen die Großeltern, werden die Kinder schon wiederkommen. Doch viele kommen erst zurück, wenn sie selbst zu schwach für die Arbeit in der Stadt werden, sagt Pan Lu. Oft sind es die elternlosen Kinder, die sich dann um die kranken Großeltern kümmern.

Ohnehin sind Großeltern ein unzureichender Ersatz für die Eltern, findet Pan. "Sie kommunizieren nicht sonderlich viel mit ihren Enkeln." Als sie während ihrer Untersuchung Großeltern befragte, was für Probleme ihre elternlosen Enkel haben, konnten die meisten mit dieser Frage wenig anfangen. "Sie glauben, die Enkel müssten nur essen und für die Schule lernen. Was für Probleme sollten sie schon haben?"

Lehrer sollen die Lücken füllen

Die Realität sieht aber düster aus. Viele Kinder leiden unter extremer Vereinsamung In Maqiao antwortet ein zwölfjähriges Mädchen auf die Frage, ob sie ihren Vater vermisse, gar nicht. Sie fängt nur leise an zu schluchzen und wendet sich ab.

Die menschliche Lücke versucht Lehrer Pan Lijiang so gut wie möglich zu füllen. "Für die zurückgelassenen Kinder spielen Lehrer eine besonders große Rolle." Der Altersabstand, die Kluft zwischen den Generationen, mache die Großeltern oft zu ungeeigneten Ansprechpartnern. "Sie kümmern sich nur um die Grundversorgung", sagt Pan Lijiang. Er selbst fühlt sich nicht überfordert, trotz der zwei Klassen mit jeweils mehr als 60 Schülern. Noch vor zehn Jahren seien es über 100 gewesen, zwei bis drei Schüler mussten sich ein Pult teilen. Die Einkindpolitik hatte noch keine Wirkung gezeigt.

Die Unterschiede zwischen den zurückgelassenen Kindern und denen aus vollständigen Familien werden in Maqiao aber bald verwischen: Sie alle werden künftig unter der Woche komplett in der Schule leben, ob sie wollen oder nicht. Der Bau der Schlafräume für 1500 Schüler ist bereits im Gange, die Schule wird zum Internat - wie so viele im ländlichen China. Denn das sich verlangsamende Bevölkerungswachstum bedeutet, dass viele Schulen in kleinen Orten schließen und die Strecke bis zur nächstgelegenen Schule für die Kinder zu lang ist.

Nun sind es zunächst die Erwachsenen, die eine weite Reise vor sich haben. Drei Busstunden von Maqiao entfernt, in der nächsten Stadt mit Eisenbahnanschluss, quellen die Bahnhofshalle und der Vorplatz über von Tausenden von Wanderarbeitern. Zusammen hocken sie in kleinen Grüppchen auf prall gefüllten gelben Plastiksäcken mit ihrer ganzen Habe. Sie warten auf die Nachtzüge. Nach Schanghai, Guangzhou, Shenzen, Peking. Die Ernte ist endgültig vorbei.

FTD

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