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Wegfall des Wehrdienstes: Pflege ist nur bedingt einsatzbereit

Mit dem Wegfall des Wehrdienstes, werden wohl Zehntausende von Zivildienststellen wegfallen. Betroffen ist besonders der Pflegebereich - der ohnehin von einem eklatanten Personalmangel geplagt ist.

Von Niels Kruse

Aus dem Ersatzdienst ist längst der Normalfall geworden. 68.000 Uniformträger stehen 91.000 Kittelträgern gegenüber - schon lange machen immer mehr junge Männer Zivil- statt Wehrdienst und nichts deutete daraufhin, dass sich das Verhältnis irgendwann mal wieder zugunsten des Wehrdienstes drehen würde. Doch nun, im Jahr 55 ihres Bestehens wird, so der Plan von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die Bundeswehr zur Berufsarmee. Für Zehntausende junger Männer heißt das: keine lästige Musterung mehr, kein Zivi, kein Robben im Schlamm. Für Hunderte von Hilfseinrichtungen heißt das: keine Unterstützung mehr für Alte, Behinderte, Kinder und Jugendliche.

Wenn die Bundesregierung Ernst macht mit ihrem Plan, die Wehrpflicht auszusetzen und damit de facto auch den Zivildienst abschafft, dann werden Sozialstationen, Krankenhäuser und Kindergärten auf die in den letzten Jahrzehnten liebgewonnenen Helfer verzichten müssen. Allein im Pflege- und Betreuungsbereich fallen so 60.000 Stellen weg, beziehungsweise müssen künftig anders besetzt werden. Das klingt dramatisch, doch erstaunlicherweise bringt es Wohlfahrtsverbände wie die Caritas nicht allzu sehr aus der Ruhe: "Wir beobachten diese Entwicklung nicht erst seit gestern, deshalb sehen wir der Aussetzung des Zivildienstes ruhig entgegen", sagt Claudia Beck von Caritas zu stern.de.

Zivis schaffen "sozialen Mehrwert"

Ein Grund dafür ist, dass ein Teil der Stellen, die jetzt noch von Zivildienstleistenden besetzt werden, durch Niedriglöhner ersetzt werden könnten, etwa in der Verwaltung oder im Bereich Gebäudemanagement. Allerdings machen diese Jobs nur einen geringen Teil der wegfallenden Stellen aus. Schwerer dagegen wird der Verzicht auf diejenigen jungen Menschen wiegen, die den "sozialen Mehrwert" schaffen, wie Kerstin Griese, Vorstand beim Diakonischen Werk, die Betreuung bedürftiger Personen es nennt. "Von den Zivildienstleistenden hängt nicht so sehr die fachgerechte Versorgung alter und behinderter Menschen ab, sondern vielmehr ihr allgemeines Wohlergehen, so Griese. Dieser zwar nicht überlebensnotwendige aber lebensqualitätssteigernde Bereich könnte, wenn nicht für Ersatz gesorgt wird, wegfallen.

Die Wohlfahrtsverbände setzen deshalb auf den Ausbau des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ). Schon jetzt absolvieren rund 40.000 junge Leute bundesweit ein FSJ - Tendenz stark steigend. Die Diakonie bekommt mittlerweile doppelt so viele Anfragen wie sie Plätze hat. Allein: Es mangelt am Geld, denn "ein Freiwilliges Soziales Jahr ist rund dreimal so teuer wie eine Zivistelle", sagt Kerstin Griese. Weil aber FSJ'ler nach Ansicht der Wohlfahrtsverbände ein guter Ersatz für die Wehrdienstverweigerer wären, fordern sie, die durch das Ende des Zivildienstes frei werden Gelder, für das FSJ bereitzustellen. Damit könne das Angebot von jetzt 37.000 auf 60.000 Stellen ausgeweitet werden, sagt Caritas-Präsident Peter Neher.

Zu wenig Freiwillige erwartet

Den Vorschlag von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) allerdings, einen freiwilligen Zivildienst einzuführen, lehnen die Sozialverbände ab: Ein weiterer Freiwilligendienst würde eine "unnötige Parallelstruktur und Konkurrenz" zu bestehenden Diensten schaffen, so Peter Neher. Bei der Arbeiterwohlfahrt heißt es, freiwilliges Engagement ließe sich nicht wie der bisherige Zivildienst staatlich verordnen und verwalten, zudem seien die zu erwartenden 35.000 Freiwillige zu wenig.

Der Mangel an Pflegekräften ist ohnehin ein Problem, über das sich die Sozialeinrichtungen den Kopf zerbrechen - mit oder ohne Zivis oder FSJ'ler. Bislang diente der Zivildienst auch schlicht als Rekrutierungsinstrument für den Nachwuchs. "Viele junge Männer werden erst durch ihren Ersatzdienst auf Pflegeberufe aufmerksam", sagt Johanna Knüppel vom Berufsverband Pflegeberufe zu stern.de. Junge Männer, die sonst nie auf den Gedanken gekommen wären, sich mit dem Thema Alter und Behinderung auseinanderzusetzen. Nun, da der Zwangsdienst wegfällt, könnte das FSJ die Funktion der Werbetrommel übernehmen, hofft Knüppel.

70.000 Kräfte fehlen

Allerdings, und das sei ihrer Ansicht nach das entscheidende Problem, leiden die Pflegeberufe unter schlechtem Leumund, schlechter Ausbildung, schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen: "Deutschland ist, was die Pflege betrifft, international ein Entwicklungsland", sagt Knüppel. Allein in Krankenhäusern würden bis zu 70.000 Stellen fehlen. "Die Diskussion über den Pflegenotstand wäre früher oder später ohnehin auf uns zugekommen", sagt Knüppel. Vielleicht wird die nun vorgezogen - dank des Verteidigungsministers.

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