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Zollfahndung: "Geschmuggelt wird immer"

Der Frankfurter Flughafen ist der größte Airport Deutschlands - und er ist Einfallstor und Umschlagplatz für Verbotenes: Illegale Drogen, gefälschte Markenware oder geschützte Tiere und Pflanzen. stern.de zeigt, was der Zoll alles gefunden hat.

Von Karin Spitra

Der Flug war lang, der Sitz zu eng, das Essen an Bord mittelmäßig und neben einem saß wieder einmal die Labertasche des Universums. Jetzt nur noch raus aus dem Flieger und weiter zum Gepäckband gehastet, den Koffer vom Band geklaubt und dann endlich ab nach Hause. "Nichts zu verzollen" steht über dem Korridor, den die meisten Passagiere nehmen. Doch nicht alle haben tatsächlich nur "normales" Gepäck dabei. Und genau diese Reisenden hat die Zollfahndung am Frankfurter Flughafen im Visier: Von geschützen Pflanzen, über niedliche Äffchen bis zu Drogenkurieren fischen Zollbeamte tagtäglich verbotene Fracht ab. Fast 900 Finanzbeamte, denn das sind Zöllner, arbeiten am Flughafen. Und sie haben ein weites Feld vor sich: Frankfurt gilt als internationales Drehkreuz für Passagier- und Warenströme aus aller Welt, der Flughafen ist mit 53 Millionen Passagieren (2006) der größte Airport Deutschlands.

Auf ihrer jährlichen Pressekonferenz präsentierten die Fahnder von Hauptzollamt und Zollfahndung am Flughafen denn auch eine eindrucksvolle Bilanz : 2006 wurde von den Beamten 1575 Kilogramm Rauschgift sichergestellt, sie konfeszierten in 2181 "Grenzbeschlagnahmeverfahren" Plagiate und beschlagnahmte im Rahmen des Washingtoner Artenschutzabkommens 14.346 lebende Tiere und 1334 lebende Pflanzen. Nicht alles davon stammt aus Koffern: "Der Frankfurter Flughafen ist auch der wichtigste Standort für den Umschlag von Luftfracht und Luftpost aus der ganzen Welt," erzählt Oberfinanzpräsident Klaus Behnke, dem die beiden Zoll-Truppen unterstehen.

Oft helfen die deutschen Beamten ausländischen Kollegen: "So wurden Zollbeamte, die im Internationalen Postzentrum eingesetzt wurden, in zunehmendem Maße auf Briefsendungen aufmerksam, die gefälschte Ausweisdokumente enthielten und überweigend an Empfänger in Großbritannien adressiert waren," so Behnke. Zusammen mit Europol, den britischen Behörden, BKA und Staatsanwaltschaft wurde in einer länderübergreifenden Aktion über mehrere Monate hinweg insgesamt knapp 2700 Sendungen aus Westafrika abgefangen. Inhalt: gefälschte oder gestohlende Dokumente wie nigerianische und britische Blankopässe, Sozialversicherungsausweise oder Blanko-Geburtsurkunden.

Eine Milliarde Euro Schaden verhindert

Mit Hilfe dieser falschen Identitätspapiere wären die Empfänger in der Lage gewesen, finanzielle Leistungen bei den britischen Sozialbehörden zu erschleichen. Allein der Wert eines dieser Dokumente wurde von britischer Seite auf rund 10.000 britische Pfund geschätzt. 34 Personen wurden dann bei Folgeermittlungen in Großbritannien verhaftet, der verhinderte Schaden wurde auf eine Milliarde Euro beziffert.

Doch der Zoll hilft nicht nur dabei, Straftaten zu verhindern, er spült dem Finanzminister auch ordentlich Geld in die Kasse: Etwa die Hälfte des gesamten Steueraufkommen des Bundes stammt von Zolleinnahmen. In Frankfurt waren das 2006 immerhin 2,3 Milliarden Euro - 230 Millionen mehr, als im Vorjahr. Einiges davon stammt auch aus den Zollzuschlägen. Dieser "monetäre Schlag auf den Hinterkopf" wird Reisenden verpasst, die kleinere Ordnungswidrigkeiten begehen, erzählt Andreas Urbaniak, Pressesprecher des Hauptzollamts am Flughafen. Meist handelt es sich dabei um das häufigste Schmuggelgut, um Zigaretten. Wer bis zu vier Stangen dabei hat, kommt mit einem blauen Auge davon: "Das ist dann eine Steuer-Odnungswidrigkeit und man zahlt die Steuer nach, plus dem Zollzuschlag." Ab der fünften Stange wird es dann deutlich teurer, es gibt ein Steuerstrafverfahren. Einziger Trost: Die Zigaretten werden am Flughafen nicht beschlagnahmt.

Eier unter der Brust

Dabei verlassen sich die Zollbeamten meist auf ihren Instinkt - und auf die Reiseroute. Flüge aus Südamerika werden genauer kontrolliert, als Maschinen aus einem Nachbarland wie Belgien. So gelingen immer wieder spektakuläre Funde: Bei der Kontrolle brasilianischer Passagiere wurde bei einer 43-jährigen Frau ein ungewöhnliches Schmuggelverstecke festgestellt. Sie trug in einem Gürtel unterhalb der Brust 28 Vogeleiern, von denen sieben bereits beschädigt waren. Durch Genanalyse wurde nach dem Schlüpfen festgestellt, dass es sich um geschützte Diamantamazonen handelte, eine Papageienart. Mit der Frau wurde auch der Drahtzieher, ein Tscheche, verhaftet. Er erhielt eine Strafe von 3000 Euro und acht Monate auf Bewährung.

Die Reiselust und der Reiz des Exotischen machen die Zollfahnder denn auch für den Schmuggel - und Handel - mit vom Aussterben bedrohten Arten verantwortlich. Dies hat sich zu einem lukrativen Geschäft entwickelt, wie die die Zollstatistik belegt: 2006 wurden 7024 Schlangen, 5000 Wasserschildkröten und 3500 Leguane beschlagnahmt - lebend natürlich.

Schmuggelversteck Plattenhülle

Sehr kreativ sind auch Drogenschmuggler: Bei der Röntgenüberprüfung einer Kuriersendung fanden die Beamten der Rauschgiftüberwachung ein Kilo Kokain. Das Rauschgift war im Polster eines Reitsattels aus Leder versteckt, auf dem Röntgenbild aber gut erkennbar. Die Kuriersendung - deklariert als "von privat an privat" war in Buenos Aires/Argentinien aufgegeben worden. Aber auch Körbe, aus mit Kokain getränktem Papier oder Schallplattenhüllen als Schmuggelversteck sind den Fahndern schon untergekommen.

Zwar führen- neben Zigaretten - Drogen die "Hitparade" des Schmuggelgutes an, doch eine Gruppe holt laut Urbaniak rasant auf: die Plagiate. Da sich die Aufgaben der Zollbeamten auch auf die Kontrolle und Abfertigung des grenzüberschreitenden Warenverkehrs erstecken, werden sie auch gerne von den Herstellern von Markenprodukten zur Sicherstellung von Kopien herangezogen. In ordentlichem Amtsdeutsch nennt man dies "Grenzbeschlagnahmeeverfahren" - und da kommt einiges zusammen. "Denn," so Urbaniak, "was hier passiert, hat Modellcharakter für den Rest der Republik."

19.000 nachgemachte iPod Nano

So haben die Frankfurter Zöllner seit Oktober 2006 für die Firma Apple von einer Gruppe von zehn immer wieder auftretenden Absendern bisher 19.000 gefälschte iPod Nanos beschlagnahmt. "Die meisten Käufer von Plagiaten müssten eigentlich wissen, dass sie bei einem Preis von knapp zehn Euro keine Markenware bekommen," so Urbaniak. Vom Zoll gibt's dann nur einen schriftlichen Bescheid, dass die Ware einbehalten wurde. Dabei werden die Plagiate meist durch ein bekanntes Online-Auktionshaus bestellt. Erst bei größeren Bestellmengen langt der Zoll dann richtig zu. Den einfachen Reisenden, der "doof-blauäugig am Basar einkauft", haben die Zollfahnder eigentlich gar nicht am Kieker. "Der kriegt ein Bußgeld und fertig," so Urbaniak. Denn den Zoll interessieren die großen Fische, die Hintermänner und Drahtzieher von Drogenschmuggel und Produktpiraterie. Auch wenn er eines gelernt hat in seiner Zeit am Flughafen: "Geschmuggelt wird immer."

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