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Zweifelhafte PR: Scheinbar im Namen der Patienten

Der "Koalition Pro Patienteninformation" geht es angeblich darum, Patienten besser über Medikamente zu informieren. Deshalb rebelliert sie gegen das EU-Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneien. Seine Finanzquellen will der Initiator der Kampagne jedoch nicht offenlegen - dafür ist er jetzt gerügt worden.

Von Markus Grill, Hamburg

Das Ziel scheint edel, die Mittel basisdemokratisch. Eine Koalition, getragen von Patientenverbänden, setzt sich leidenschaftlich für Verbraucherrechte ein. Offen und ehrlich, fordert die Gruppe, die sich "Koalition Pro Patienteninformation" nennt, müssten Patienten über neue Medikamente informiert werden. Nur so entstehe mehr Transparenz auf dem heiß umkämpften Markt für Arzneimittel. Der Gegner ist die Europäische Union, das Ziel klar definiert: "Die Abschaffung des Informationsverbots für verschreibungspflichtige Arzneimittel." So zumindest steht es auf der Homepage der Gruppe. Das in Europa gültige Werbeverbot für rezeptpflichtige Medikamente will man lockern, weil es angeblich dem Informationsbedürfnis im Wege stehe. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, werden auf der Homepage die vermeintlichen Mitglieder der Koalition aufgelistet: Diese bestehe aus "einem Netzwerk aus Patientenverbänden und Einzelpersonen", wird dort behauptet. Bei den Patientenverbänden handele es sich aber um die "Parkinson-, Osteroporose- und Morbus Bechterew-Bundesverbände."

Die Koalition scheint wirkungsmächtig. Nach Angaben der "Financial Times Deutschland" wandte sich Jan Burdinski, der Initiator des Bündnisses, im Oktober vergangenen Jahres mit einer Petition an die Europäische Kommission, um das Werbeverbot zu kippen. Auf diese Petition wurde von höchster Stelle reagiert, von EU-Kommissar Günther Verheugen. Positiv. Die EU-Kommission will nun im Jahr 2009 vorschlagen, das bisher strikte Informationsverbot aufzuheben. Verheugen sagte vor kurzem im EU-Parlament in Straßburg: "Die Grenze zur Produktwerbung wird nicht überschritten werden. Und es wird ganz klar festgelegt werden, an welchen Regeln und Kriterien sich die Informationen orientieren müssen." Ein Erfolg für "Pro Patienteninformation"?

Deckungsgleiche Interessen mit der Industrie

Ein Erfolg auf jeden Fall für die Pharmaindustrie. Denn die Interessen der vermeintlichen Koalition sind deckungsgleich mit den Interessen der Konzerne. Auch ihnen liegt viel daran, das Brüsseler Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu lockern. In Deutschland darf bisher nur für Hustensaft, Schnupfenspray, Knoblauchpillen etc. geworben werden - nicht aber für rezeptpflichtige Medikamente. Werbung für Medikamente, so fürchten Verbraucherschützer, kurbelt nur künstlich die Nachfrage an - schadet so letztlich den Patienten. Die Pharmaindustrie hält clever dagegen. Ihre Vertreter betonen allesamt, dass auch sie gegen Werbung seien, aber "informieren" müsse man die Patienten doch wohl dürfen.

Ob die Industrie angesichts dieser Gemengelage auch die Koalition Burdinskis unterstützt hat, ist zwar eine interessante Frage - aber auch eine Frage, die bisher unbeantwortet blieb. Denn zu Einzelpersonen, die seine "Koalition" unterstützen, will Burdinski keine Angaben machen. Auf Anfrage von stern.de versichert er nur, dass die Kampagne niemand anderes finanziert als er selbst. "Das ist eine private politische Initiative", sagte er. "Ich finde Gesundheitspolitik spannend." Auf die Frage, ob Pharmaunternehmen zu den Kunden seiner Agentur gehören, antwortet Burdinski nur: "Das ist eine interessante Frage." Auch auf Nachfragen will er nichts über mögliche Pharmakunden verraten: "Nur wenn ein Kunde so was wünscht, gebe ich darüber Auskunft."

Rüge durch den Deutschen Rat für Public Relations

Ganz koscher ist die Angelegenheit offenbar nicht. Denn am Montagabend hat der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) offiziell eine Rüge gegen den Berliner Politikberater ausgesprochen. Dabei bemängeln die Sittenwächter der PR-Branche vor allem, dass Burdinski möglicherweise versucht hat, mit einer Koalition Politik zu machen, die es nur auf seiner Homepage gibt. Burdinski habe, befindet der Rat, die Interessen der "allem Anschein nach virtuelle Koalition Pro-Patienteninformation" verfolgt, die vor allem in dem Ziel der Freigabe werblicher Produktinformationen für Patienten durch die Pharmaindustrie bestand. Das habe Burdinski gegenüber Abgeordneten und anderen Politikern getan - und dabei vage auf etliche Träger und rund 55.000 Patienten verwiesen. Der DRPR kritisierte, dass Burdinski nicht über seine Geldquellen noch darüber informiert habe, wer eigentlich genau zu dieser "Koalition" gehört habe. "Der Gerügte legte weder seine Finanzquellen noch die Träger dieser Koalition offen", kritisierte das Gremium. Die Nichttransparenz sei als vorsätzlich und der Verstoß als schwerwiegend zu bewerten.

Patientenverband bestreitet Zusammenarbeit

Aber Burdinski verweigert nicht nur Angaben zu seinen Finanziers - offenbar stimmt es auch nicht, dass er im Namen von Patientenverbänden gegen Brüssel agitiert. Denn wer etwa beim Bundesselbsthilfeverband Osteoporose nachfragt, weshalb er die Kampagne unterstützt, erfährt Erstaunliches. "Das ist falsch. Wir und die beiden anderen Selbsthilfeverbände haben uns nur mal in Köln mit dem Betreiber der Kampagne, Jan Burdinski, getroffen", sagte Geschäftsführer Thorsten Freikamp stern.de. "Burdinski hat uns gefragt, ob wir für eine solche Kampagne zur Verfügung stehen. Aber wir haben ihm gesagt, dass wir als Unterstützer nicht in Frage kommen."

Dass die Patientenverbände dennoch als Unterstützer auf der Homepage genannt werden, ärgert Freikamp. "Ich dachte, das ist schon längst gelöscht." Freikamp versichert auch, dass sein Verband die Kampagne nie finanziell unterstützt hat. "Wir wurde nicht mal danach gefragt", sagte er. Wie Burdinski seine Koalition finanziert, ist auch dem Verbandsvertreter schleierhaft. "Das war eine Frage, die wir auch gestellt haben, die konnte der Herr Burdinski aber letztendlich nicht zufrieden stellend beantworten", sagte Freikamp.

Mit 26 Jahren FDP-Sprecher

Wovon Burdinski jenseits seiner Kampagne lebt, ist bekannt. Der Mann betreibt in Berlin das "IPAS - das Institut politische Analysen und Strategie". Dieses versteht sich als "politischer Think Tank." - "Als Instanz für proaktives und strategisches Agenda-Setting plant und initiiert IPAS Kommunikationsmaßnahmen, die die Agenda von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik rahmen", heißt es. Bei Burdinski kann man Gutachten kaufen (ab 30.000 Euro), Studien (ab 60.000 Euro) und Themenabende (ab 15.000 Euro).

Auf der Homepage von Burdinskis Institut findet sich auch eine "Studie" zu "Auswirkungen des Wettbewerbsverbots verschreibungspflichtiger Arzneimittel (...) mit anschließender Konferenz und Promotion der Kampagne." Schon vor seinem jetzigen Koalitionsgebaren machte Burdinski von sich reden: 1996 wurde er mit 26 Jahren direkter Sprecher des FDP-Landesvorsitzenden in Berlin. "Der Tagesspiegel" berichtete damals über ihn: "Der junge Mann mit der ungewöhnlichen Stellung wird durch eine Spende bezahlt - Absender unbekannt."

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