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"Das Buch Alice" "Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten": Die Geschichte eines Plagiats mit spätem Happy End

Alice Urbach
Alice Urbach beim Kochunterricht 1979 in den USA
© Karina Urbach
Nach der Flucht der jüdischen Autorin Alice Urbach vor den Nazis wurde ihr Bestseller "So kocht man in Wien" arisiert und unter anderem Namen verkauft. Enkelin und Historikerin Karina Urbach hat die Enteignung erforscht.

Alice Urbach war eine Karrierefrau. Im Wien der 1920er-Jahre eröffnete sie eine Kochschule, organisierte Ausstellungen, erfand den ersten Catering-Service des Landes und schrieb Bücher, die Bestseller wurden. Sie hatte den richtigen Riecher fürs Geschäft und fürs Zeitgeschehen. Die Prominenz der Stadt ging bei ihr ein und aus, lernte bei ihr das Kochen. Dann kamen die Nazis. Die Jüdin Alice Urbach floh nach England, ihre Bücher aber wurden weiterhin verkauft - arisiert und unter einem anderen Namen. Ein Plagiat?

Karina Urbach ist die Enkelin von Alice. Für "Das Buch Alice" hat die bekannte Historikerin die Geschichte der Großmutter erforscht und aufgeschrieben. Entstanden ist ein weitverzweigtes Buch über eine Familie mit Biografien wie aus einem Thriller. Im stern-Interview berichtet sie von dem Kampf um das Werk der Großmutter.

Frau Urbach, in "Das Buch Alice" erzählen Sie die Geschichte Ihrer Familie. Es geht um Wien in den 20er-Jahren, es geht um Nazi-Verbrechen, Geheimagenten und Plagiat. Für einen Roman könnte man die Geschichten nicht besser erfinden. War Ihnen von Anfang an klar, welche Biografien da schlummern?

Nein. Eigentlich wollte ich ein Buch über meinen Vater Otto und seine Geheimdienstoperationen gegen die Nazis schreiben. Meine Cousine fand die Familienkorrespondenz und darin spielt Ottos Mutter Alice eine große Rolle. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber irgendwann hat Alice dann einfach übernommen und dominiert. Am Ende wurde es eine große Familiengeschichte.

Ihre Großmutter Alice ist die Autorin von "So kocht man in Wien“. Das Koch- und Haushaltsbuch war ein Bestseller zur damaligen Zeit. Auch während der NS-Zeit wurde das Buch fleißig weiterverkauft – allerdings arisiert und unter einem anderen Namen. Ihre Großmutter war Jüdin und musste emigrieren. Autor blieb auch nach dem Krieg ein Mann namens Rudolf Rösch, wer war das?

Diesen Mann habe ich wirklich überall gesucht. Die NS-Verlagswerbung bezeichnete Rudolf Rösch als "Mitglied des Reichsnährstandes“, aber dort ist er nicht verzeichnet. Auch der Reinhardt-Verlag, der das Buch veröffentlichte, konnte in seinem Verlagsarchiv keine Unterlagen zu ihm finden. Mein neuestes Indiz ist ein Rudolf Rösch, der ab 1933 drei Sendungen über Traubensaft und Zwetschgenknödel im Münchner Radio gemacht hat. Aber auch der Bayrische Rundfunk hat keine weiteren Informationen über ihn. Der Mann ist ein Rätsel. Die Suche geht weiter. Falls ihn jemand kennt, unbedingt bei mir melden.

Alice erfuhr von all dem zufällig, als sie 1949 aus der Emigration zurückkam und ihr Buch in einer Wiener Buchhandel entdeckte. Ihr Versuch es zurückzubekommen blieb erfolglos, dabei muss es doch unzählige Beweise gegeben haben …

Dass sie schon 1949 um ihr Buch kämpfte, habe ich überhaupt nur herausgefunden, weil ihr Verleger das ganz offen in einer Verlagsfestschrift aus dem Jahr 1974 beschreibt. Darin erklärt er, dass diese Frau Urbach zurückgekommen sei und tatsächlich das Buch zurückverlangt habe. Er habe ihr sofort erklärt, dass es nicht mehr ihr Buch sei, schließlich sei es erweitert und umgeschrieben worden und habe mit ihrem Werk nichts mehr zu tun.  

Stimmt das?

Er hat insofern recht, als dass das Buch im Laufe der verschiedenen Publikationen verändert wurde – sehr geschickt verändert. Rösch hat Sachen umgestellt, ein paar eigene Rezepte ergänzt. Manche Rezepte mit jüdischen Namen wie das Rothschild-Omelette oder die Jaffa-Torte wurden gestrichen, andere verdeutscht. Alle feministisch angehauchten Textpassagen über Haushaltsführung entfielen. Ein Plagiat aber ist es zu mindestens 60 Prozent noch immer. 

Karina Urbach

Karina Urbach ist Historikerin und Schriftstellerin. Sie forscht in Princeton und lehrt in London.
© Dan Komoda

Auch die Bilder wurden beibehalten. Wer genau hinschaut, kann auf diesen Ihre Großmutter entdecken – oder zumindest Teile von ihr.

Die Hände, ja. Das ist die große Ironie. Man wollte das Buch auf Nazilinie bringen und zeigte trotzdem weiter ihre jüdischen Hände. Das fand Alice bizarr. Sie erwähnte es noch 1980 in einem Interview.

Wie steht der Reinhardt-Verlag heute zum damaligen Vorgehen?

Als das Buch diesen Herbst erschien, reagierte die neue Geschäftsführerin sehr gut. Sie schrieb mir der Verlag habe sich damals moralisch falsch verhalten und das Buch hätte nach 1945 an meine Großmutter zurückgegeben werden müssen. Mittlerweile haben wir eine Lösung gefunden. Der Reinhardt-Verlag wird das Buch in der Auflage von 1935/1936 nachdrucken lassen. Es soll dann kostenlos an Bibliotheken und Interessierte verteilt werden.

Bevor Österreich von Deutschland annektiert wurde, war Ihre Großmutter eine richtige Karrierefrau. Sie gründete in den 20er-Jahren in Wien eine Kochschule und eröffnete auch den ersten Catering-Service des Landes überhaupt. Wie hat sie das geschafft?

Nach dem Ersten Weltkrieg stand sie völlig mittellos mit zwei kleinen Kindern da und musste überleben. Sie liebte Kochen und entdeckte durch Zufall eine Marktlücke. Es gab damals viele junge Frauen, die nicht wussten, wie man kocht. Sie kannten keine schönen Zutaten, im Krieg war alles rationalisiert gewesen. Viele dieser Frauen waren berufstätig, sie mussten nebenher ihre Familien versorgen und sie benötigten Hilfe dabei, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Alice erkannte das. Sie schrieb 1925 ihr erstes Kochbuch mit ihrer Schwester Sidonie und hielt viele Vorträge mit Titeln wie "Das Girl am Herd" oder "Schnellküche für die berufstätige Frau." 

Buchcover
"Das Buch Alice: Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten" ist im Propyläen Verlag erschienen, 432 Seiten, 25 Euro.
© Propyläen Verlag

Eine emanzipatorische Meisterleistung …

Alice erzählte, dass es vor dem Krieg für Frauen nicht möglich war ohne Ehemann oder Vater ein Kaffeehaus zu besuchen. 1918 fielen viele dieser Barrieren.

Die Kochschule ihrer Großmutter war renommiert. Hinz und Kunz kam zu ihr, um Kochen zu lernen. Darunter auch einige Prominenz.

Auf diese Mischung war Alice stolz. Es kamen Köchinnen, die von ihren Herrinnen geschickt wurden, aber auch Damen aus der Mittelschicht und viel Prominenz. Einige Schülerinnen hatten noch nie in ihrem Leben eine Mahlzeit zubereitet, darunter waren die Schriftstellerin Prinzessin Amelié Rives Troubetzkoy, eine Gräfin Aehrenthal und die ehemalige Primaballerina Grete Wiesenthal. Auch Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, ließ sich von Alice beraten. 

Das alles nahm 1938 ein jähes Ende. Alice floh zunächst nach England, später wanderte sie nach Amerika aus. Konnte sie an die einstige Karriere noch einmal anknüpfen?

In England leitete sie ein jüdisches Kinderheim und erst 1946 konnte sie zu ihren Söhnen nach Amerika ausreisen. Aber auch hier musste sie wieder von ganz unten anfangen. Sie arbeitete in einem Hotel als Diätköchin und erst im Alter unterrichtete sie wieder an einer Kochschule – und das bis sie 95 Jahre alt war. Allerdings aus Spaß und nicht mehr um Geld zu verdienen. Zum Schluss trat sie sogar noch als Kochlehrerin im amerikanischen Fernsehen auf.

Das Buch aber konnte sie zu Lebzeiten nicht zurück erkämpfen, sie starb 1983 im Alter von 97 Jahren. Hatte sie mit diesem Teil Ihrer Geschichte abgeschlossen?

Ihre drei Schwestern waren im Holocaust ermordet worden und darüber konnte sie einfach nicht reden. Sie hat es verdrängt und stattdessen über das Kochbuch gesprochen. Sie war stolz darauf. Anfang der 80er-Jahre schrieb sie: "Herr Jungk, (Anm. d. Red.: Verleger) hat mir versprochen, dass mir mein arisiertes Kochbuch zurückgegeben wird und ich habe es nie zurückbekommen." In einem Interview nannte sie es ihr "drittes Kind“. Ihr großer Traum war es, eine Übersetzung des Kochbuchs in den USA zu veröffentlichen, aber das wurde nie Wirklichkeit. Umso mehr freut es mich, dass es nun über einen Umweg gelingt. In der englischen Übersetzung von "Das Buch Alice“ werden wir in einem Anhang auch Alices beste Rezepte abdrucken.

"Das Buch Alice: Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten" von Karina Urbach ist im Propyläen Verlag erschienen, 432 Seiten, 25 Euro.

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