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Bienen: Sanfter Anflug, süße Landung

Von großen und kleinen Brummern: Auf dem Hamburger Flughafen überprüfen Bienen als Bio- Detektive die Reinheit des Luftraums. Und produzieren dabei leckeren und erstaunlich sauberen Honig.

Von Thomas Eckert

Es grollt und es rollt, es röhrt und es dröhnt. Links und rechts, oben und unten, einfach überall. Dabei sieht es eigentlich so friedlich aus, harmonisch geradezu, wie eine deutsche Kleinbürgeridylle. Akkurat nebeneinander aufgereiht, stehen am Waldesrand sechs Bienenstöcke, davor eine sattgrüne Wiese, auf der Gänseblümchen, Löwenzahn und Klee ihre Blüten im Sommerwind wiegen. Wenn es hier nur nicht so verdammt laut wäre.

Keine 500 Meter von den Bienenstöcken entfernt lärmt es ganz gewaltig, denn wir befinden uns auf dem Flughafen Fuhlsbüttel. Hier starten und landen jedes Jahr 170.000 Maschinen, das macht im Schnitt mehr als 450 Flugbewegungen am Tag. Eine moderne Hölle, sollte man meinen, nichts als Pest und Schwefel, als Abgas und Gift. "Völlig falsch", sagt Ingo Fehr. Im Hauptberuf ist er Umweltingenieur am Flughafen Lübeck, im Nebenberuf Imker am Flughafen Fuhlsbüttel. Als Fachmann urteilt er: "Dies hier ist ein perfektes Biotop."

Vielleicht ist das Biotop nicht durchgängig perfekt, immerhin versiegeln die Landebahnen den Boden. Rundherum jedoch scheint es mustergültig: Auf dem 570 Hektar großen Gelände des Hamburger Airports gibt es weite Grasflächen, auf denen alles wächst, bis hin zu seltenen Flechten. "So eine Vielfalt finden Sie selbst in der freien Natur kaum noch", schwärmt Fehr. Natürlich ist der Umweltexperte nicht hier, um sich an der Flora zu erfreuen, sein Auftrag ist es festzustellen, ob die Luft über dem Flughafen tatsächlich so rein ist, wie sie sein sollte

Bienen-Biomonitoring

Das Verfahren, das Fehr dazu anwendet, heißt Biomonitoring. Er misst nicht mit raffiniertesten Hightech-Sensoren (die, sagt Fehr, wären auch nicht präzise genug), er nimmt Apis mellifera, auf Deutsch: westliche Honigbienen. "Das sind die empfindsamsten Tiere, die ich kenne." Sie reagieren sehr sensibel auf Giftstoffe.

100.000 bis 150.000 Bienen summen und brummen über den Flughafen. Nähmen sie dabei auch nur kleine Mengen eines giftigen Pflanzenschutzmittels oder Reste von Kerosin auf, schafften sie es in der Regel nicht einmal mehr zurück in den Bienenstock. Und wenn doch, würden sie noch am selben Tag verenden. "Spätestens dann weiß ich, dass etwas faul ist." Bislang war noch nie etwas faul. Fehr hat alles, was er über Bienen weiß, von seinem Vater gelernt. Der war 38 Jahre lang Imker in Büchen, einem kleinen Ort in Schleswig- Holstein. Mittlerweile kümmert der Sohn sich auch um die Bienenvölker des Vaters.

seit 1991 läuft das Projekt Bienen-Biomonitoring in Hamburg. Und nicht nur die Hansestadt setzt darauf: Auch die Flughäfen von Nürnberg, Köln-Bonn oder Dresden lassen ihre Luft von sensiblen Brummern überprüfen.

Im Radius von 1,5 Kilometern schwirren die Bienen um ihren Stock

Hat Fehr seinen Flughafen-Honig eingesammelt, schickt er Proben an die Orga Lab GmbH im bayerischen Zirndorf. Das Labor untersucht den goldgelben Rohstoff auf Schwermetalle oder PAK, eine giftige Substanz, die bei unvollständiger Verbrennung von organischen Stoffen, zum Beispiel Kerosin, entsteht. Wenige Wochen später weiß Fehr, woran er ist. Das Ergebnis: Egal ob Arsen, Blei, Cadmium, Chrom, Kupfer, Nickel oder Zink - die gemessenen Werte liegen weit unter den von der EU als zulässig festgesetzten Höchstwerten.

Fehr wundert das nicht: Die Rückstände von Kerosin, vom Brennstoff, der die Turbinen der Fugzeuge antreibt, fielen ja nicht senkrecht zur Erde, sondern würden vom Winde verweht und landeten dann irgendwo, nur eben kaum auf dem Gelände des Flughafens. Fehrs Bienen schwirren in einem Radius von 1,5 Kilometern rund um ihren Stock. Was außerhalb dieses Gebiets passiert, muss wenigstens die Tiere nicht kümmern.

Zweimal im Jahr wird der Flughafen- Honig geerntet, zweimal wird er analysiert. Dabei geht es nicht nur um Schadstoffe, denn schließlich soll der Honig auch schmecken. "Es ist zwar kein Biohonig", sagt Fehr. "Aber er erfüllt alle Anforderungen, die die offiziellen Verordnungen an Honig stellen." Auch das überprüft und dokumentiert Fehr. Damit sich nicht die kleinste Ungereimtheit einschleichen kann, vergleicht er jede Ernte seines Flughafen- Honigs mit dem Honig, den ihm seine Bienen in Büchen bringen, wo der Raps blüht und auch sonst die Honig-Umwelt noch so ist, wie sie sein sollte. Das Ergebnis: In manchen Jahren ist der Stoff aus Fuhlsbüttel sogar noch sauberer als der aus Büchen. Da kommt selbst der Fachmann ins Staunen.

1200 Gläser à 250 Gramm beträgt die Ausbeute eines guten Flughafen-Jahrgangs. Das ist nicht viel, und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Herren von der Stabsstelle Umweltschutz am Flughafen Fuhlsbüttel, Ingo Fehrs Auftraggeber, das rare Goldgelbe lieber ganz für sich behalten. Zu besonderen Anlässen reicht die Stabsstelle ein Gläschen an verdiente Mitarbeiter oder hohe Gäste. Auf dem freien Markt gibt es den Honig aus Fuhlsbüttel nicht. Ingo Fehr blinzelt in die Sonne über der Rollbahn. "Macht doch nichts!", sagt er. "Warum nehmen Sie nicht ein Gläschen von meinem Honig aus Büchen? Der ist auch nicht schlecht."

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