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Analyse

Deal mit größtem Öko-Verband: Bei Lidl gibt's bald Bioland: Warum das eine Sensation ist

Aggressive Preispolitik, hohe Mengenanforderungen und dubiose Geschäftspraktiken werden dem Discounter Lidl nachgesagt. Methoden, die die Biobranche eigentlich ablehnt. Trotzdem hat der größte Öko-Verband Deutschlands einen Deal mit dem Discounter geschlossen. Ist das gut?

Lidl bioland

Lidl stellt auf Bioland-Produkte um. Eine Sensation.

Getty Images

Es hat sich bereits seit Jahren angekündigt: Die Großkonzerne der Lebensmittelindustrie stehen unter Druck. Schuld daran sind die Millennials. Vor allem sind sie Großkonzernen ein Dorn im Auge, weil sie Transparenz wollen. Und sich für Lebensmittel von guter Qualität interessieren, die im besten Fall aus der Region kommen.

Das wissen auch Discounter wie Lidl oder Aldi. Bislang reichte es den Billgheimern allerdings, eigene Bio-Produkte (mit recht laschen Auflagen) in die Regale zu räumen.  Eine Zusammenarbeit mit den großen Verbänden gab es nicht.

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Lidl - alles nur Greenwashing?

Lidl geht jetzt einen Schritt weiter. Der Discountriese kooperiert mit dem größten Öko-Verband Deutschlands und will ab November Bioland-Produkte listen. Ein Schritt, der vor allem in der Biobranche kontrovers diskutiert wird. Ist das der Ausverkauf der Bio-Idee? Lebensmittel mit dem grünen Bioland-Siegel unterstehen strengen Regularien: tabu sind künstliche Dünger und Pestizide, Tiere müssen artgerecht gehalten, die biologische Vielfalt und Bodenfruchtbarkeit müssen gefördert und die Nachhaltigkeit für Mensch und Landwirtschaft gewährleistet werden. Die Kriterien gehen über das gesetzlich vorgeschriebene EU-Bio-Siegel weit hinaus.

 Die Bioland-Produkte, mit denen strengen Regularien, will Lidl nun dem Verbraucher zugänglich machen. Ein Meilenstein. Vor allem, wenn man bedenkt, was der Lebensmittelriese vorhat: Äpfel, Kresse und Gartenkräuter sollen bereits ab November bundesweit in Bioland-Manier in der Auslage liegen. Ab Januar 2019 folgt die Umstellung nahezu aller Molkereiprodukte der Eigenmarke "BioOrganic" wie Käse, Milch und Butter auf Bioland-Standards. Auch Weizen- und Dinkelmehl sowie Bioland-Kartoffeln sind zeitgleich in allen deutschen Lidl-Filialen geplant. Schrittweise werden weitere Obst- und Gemüseartikel im bundesweiten oder regionalen Angebot je nach Verfügbarkeit folgen.

Und damit nicht genug: Bioland und Lidl haben sich vertraglich dazu verpflichtet, gemeinsam konventionelle Betriebe oder EU-Bio-Betriebe auf Bioland-Kriterien umzustellen. Damit sollen hohe Margen gewährleistet werden. Schließlich hat Lidl über 3.000 Filialen, in denen Millionen Kunden einkaufen gehen. Fast anderthalb Jahre waren der Öko-Verband und der Lebensmittelriese in Gesprächen. Natürlich verfolgt Lidl eine klare Strategie: Längst zählen Bio-Produkte zu den Umsatztreibern. Im vergangenen Jahr knackte der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln erstmals die 10-Milliarden-Euro-Grenze in Deutschland. Allein sechs Milliarden Euro wurden in Discountern und Supermärkten umgesetzt. Damit werden Bio-Produkte viel häufiger in Supermärkten als im Bio-Laden gekauft. Für Discounter wie Lidl bedeutet das: Sie müssen grüner und transparenter werden - auch, um eine jüngere Zielgruppe abzuholen.

Der Wandel hat bereits begonnen  

"Es ist ein schwieriger Prozess für die Großunternehmen und es ist kaum noch möglich, weltweite Marken aufzubauen. Der Markt ist gesättigt. Mainstream gibt es so eigentlich nicht mehr. Den kann man sich nicht mehr kaufen. Der Geschmack differenziert sich", sagt Ernährungsforscherin Hanni Rützler zu dem Thema im Gespräch mit dem stern.

Millennials haben ein neues Verständnis von Werten. Die Produkte, die sie kaufen, sollen natürlicher, einfacher, regionaler sein – und wenn möglich, von so kleinen Unternehmen wie möglich stammen.

Man sieht den Wandel bereits in den Supermärkten: Die geben kleinen Marken immer mehr Aufmerksamkeit und prominente Plätze in den Regalen. Die großen Player, die immer noch Zucker und Farb- und Zusatzstoffe in ihre Fertigprodukte geben, verlieren an Profit. Die kleinen Start-ups, die sich auf Natürlichkeit und Regionalität eingeschossen haben, gewinnen.

Jetzt beugt sich auch Lidl diesem Trend und schlägt damit in genau die richtige Kerbe. Dennoch brodelt's in der Biobranche. Die einen haben Angst, dass der Bio-Fachhandel darunter leiden wird, die anderen, dass die Bio-Idee damit verwässert und verkauft wird.

Der Bioland-Verband sieht das ganz anders: "Wir sind in der Tat oft gefragt worden: Seid ihr euch bewusst, mit wem ihr euch da einlasst? Aber die entscheidende Frage ist doch, was wir insgesamt erreichen wollen. Alle –Bioland-Erzeuger wie bestehende Marktpartner – sind sich einig, dass die Land- und Lebensmittelwirtschaft ökologisch umgebaut werden muss. Wer diesen Prozess aktiv mitgestalten will, kann nicht nur auf den Discount schimpfen. Wenn der auf uns zukommt und eine faire Partnerschaft anbietet, schubst man ihn nicht zur Seite, sondern prüft, ob der Umbau gemeinsam möglich ist. Genau das haben wir getan", sagt Bioland-Präsident Jan Plagge im Interview mit der Lebensmittel-Zeitung.

Auch der Lidl-Einkaufschef Jan Bock verspricht, dass Bioland-Produkte nicht verramscht werden sollen: "Wir werden Bioland nicht über den Preis vermarkten, sondern ganz klar über die Mehrwerte der Ware. Das ist ein echtes Novum für uns."

Ist das also alles nur Marketing oder wirklich der erste Schritt zur Veränderung? Hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, hin zu echten Bio-Produkten beim Discounter? Der Pressesprecher von Bioland, Gerald Wehde, verspricht im Gespräch mit dem stern, dass die Kooperation "mit Greenwashing nichts zu tun hat. Dann hätte es auch keinen Vertrag gegeben. Lidl ist an einer ernsthaften Sortimentsumstellung interessiert. Die Kunst ist es jetzt, den Mehrwert von Bioland gegenüber dem EU-Bio-Siegel zu kommunizieren."

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