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Serie "9 Milliarden. Wie werden alle satt?": Der Mensch ist, was seine Vorfahren gegessen haben

Noch heute essen Angehörige urtümlicher Volksgruppen das Gleiche wie ihre Vorfahren vor vielen tausend Jahren. Wir können von ihnen lernen - aber mit Bedacht.

Von Ann Gibbons

Abendessenszeit im Amazonas-Tiefland in Bolivien. Über einem Feuer, das auf dem Lehmboden ihrer strohgedeckten Hütte glimmt, rührt Ana Cuata Maito einen Brei aus Kochbananen und Maniok. Da hört sie die Stimme ihres Mannes, der mit seinem dürren Jagdhund aus dem Wald zurückkehrt. "Hoffentlich bringt er Fleisch mit", sagt sie. Doch heute hatte der 39-­Jährige kein Glück, er kommt ohne Fleisch nach Hause. Als er schließlich Gemüsebrei aus einer Metallschüssel löffelt, klagt er, dass es zurzeit nicht leicht sei, genügend Wild für die Familie zu beschaffen.

Wären wir gesünder, wenn wir uns ernähren würden wie die Menschen in der Steinzeit?

Ähnliche Geschichten höre ich von allen Familien hier im Dorf Anachere, rund 90 Menschen, die dem Indianerstamm der Tsimane angehören. Sie leben knapp 400 Kilometer von der Hauptstadt La Paz entfernt, zum nächsten Marktflecken San Borja sind es von Anachere aus zwei Tagesreisen im motorisierten Einbaum. Deshalb besorgen sich die Tsimane ihre Lebensmittel zum größten Teil aus dem Dschungel, dem Fluss oder ihren Gärten.

Welchen Einfluss es auf die Gesundheit der Indianer hat, wenn sie sich von ihrer traditionellen Ernährung und Lebensweise entfernen und wenn sie das, was der Wald ihnen bietet, eintauschen gegen Zucker, Salz, Reis und Öl, gegen Trockenfleisch und Dosensardinen, das ist die Frage, die den amerikanischen Kultur-Anthropologen Asher Rosinger interessiert. Die Forscher dokumentieren, was die Menschen im Regenwald essen und welche Folgen die Anpassung an die Zivilisation hat. Die Erkenntnisse der Anthropologen über die Ernährung indigener Völker am Amazonas und anderswo könnten Hinweise liefern, was der Rest der Welt idealerweise essen sollte.

Bis zum Jahr 2050 wird die Erde noch zwei Milliarden Menschen mehr ernähren müssen als heute. Damit wird die Frage, was wir essen wollen und sollen, immer dringlicher. Unsere Entscheidungen werden große Auswirkungen auf unseren Planeten haben. Denn eine Ernährung, bei der Fleisch und Milchprodukte im Mittelpunkt stehen, beansprucht unseren Planeten viel mehr, als wenn wir überwiegend Vollkorngetreide, Nüsse, Obst und Gemüse verzehren.

Im Jahresdurchschnitt beziehen Jäger und Sammler auf der ganzen Welt rund 30 Prozent ihrer Kalorien von Tieren. Oft müssen sie magere Zeiten durchstehen, in denen sie pro Woche nur eine Handvoll Fleisch essen. Eine Ausnahme waren lange Zeit wohl nur die Inuit und einige andere Volksgruppen in der Arktis, deren Essen traditionell bis zu 99 Prozent aus dem Fleisch von Robben, Narwalen und Fischen bestand.

Traditionelles Essen beugt Krankheiten vor

Schon heute sind Studien bei den Tsimane am Amazonas, den Inuit in der Arktis und den Hadza zu einem wichtigen Ergebnis gelangt: Bei diesen Völkern gab es ursprünglich weder Bluthochdruck noch Atherosklerose oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Der Satz "der Mensch ist, was er isst" sollte also eigentlich eher lauten: "Der Mensch ist, was seine Vorfahren gegessen haben." Menschen haben ein breites Spektrum an Nahrungsmitteln, je nach ihrem genetischen Erbe. Dazu gehört der vegetarische Speisezettel der indischen Jainisten ebenso wie die fleischreiche Nahrung der Inuit und die fischlastige Ernährung des Bajau-Volkes in Malaysia.

Gesundheitliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn Menschen ihre traditionelle Ernährung aufgeben und sich westliche Gewohnheiten zu eigen machen. Diabetes zum Beispiel war bei den mittelamerikanischen Maya bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts so gut wie unbekannt. Erst mit dem Umstieg auf zuckerreiche Lebensmittel wurde die Krankheit zum Problem.

Revolution durch Kochen

Nach Ansicht des Primatenforschers Richard Wrangham von der Harvard-Universität fand die größte Revolution in der Ernährung der Menschen statt, als sie kochen lernten. Durch Zerkleinern und Erhitzen wird die Nahrung "vorverdaut". Unser Darm muss weniger Energie für den Abbau aufwenden, kann mehr Nährstoffe gewinnen als aus rohen Lebensmitteln, und beschafft so mehr Energie für das Gehirn.

Was den Jägern und Sammlern der Steinzeit allerdings Energiereserven für die Entwicklung des Gehirn und die Aufzucht ihrer Kinder verschaffte, macht uns heute zu Opfern unseres eigenen Erfolgs. Zum ersten Mal in der Evolution nehmen sehr viele Menschen deutlich mehr Kalorien zu sich, als sie verbrauchen. Weltweit nimmt die Vielfalt der Lebensmittel und ihrer Zubereitungsweisen ab und gleichzeitig die Anzahl übergewichtiger Menschen und der damit zusammenhängenden Krankheiten zu.

Am letzten Tag meines Besuchs bei den Tsimane am Amazonas berichtet mir die 13-jährige Albania, eine von Deonicio Nates Töchtern, ihr Vater und ihr Halbbruder hätten endlich Glück gehabt bei der Jagd. Zwei Gürteltiere werden zusammen mit gehackten Süßkartoffeln als Eintopf gekocht. Drei Nasenbären sollen am Feuer gebraten werden. Heute Abend, hier im Dschungel, ist die Diabetesdebatte weit weg. Es gibt Fleisch, und das ist gut so.

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