Serie "9 Milliarden. Wie werden alle satt?" Die Ausbeutung der Bauern Afrikas


Mosambik verkauft seine Ländereien an Großunternehmer aus China, Brasilien und Japan. Und will damit die industrielle Landwirtschaft voranbringen. Was bedeutet das aber für die einheimischen Bauern?
Von Joel K. Bourne, Jr.

Die Ankunft des großen Traktors kam völlig unerwartet für Flora Chirime. Erst pflügte er ihre Bananenstauden unter. Dann ihren Mais. Als der Staub sich legte, war ein fremder Konzern Herr des Bodens, der sie und ihre fünf Kinder ernährt hatte. Ihr Land im Mündungsdelta des Flusses Limpopo in Mosambik war Teil einer 20 000-Hektar-Farm geworden, bewirtschaftet von Chinesen. Rund um den Globus kaufen oder pachten international operierende Konzerne seit einigen Jahren riesige Flächen. Vor allem in Afrika.

Gewaltige Baumaßnahmen wurden in Angriff genommen, viele von Staaten mitfinanziert, die sich mit der politischen Führung in Mosambik gut stellen und etwas vom Kuchen abbekommen wollen. Landwirtschaftsminister José Pacheco wirbt in aller Welt um Investoren. Seit 2004 sind etwa 2,4 Millionen Hektar – sieben Prozent des fruchtbaren Bodens – an ausländische und heimische Firmen verpachtet worden. Bei den 24 Millionen Einwohnern des Landes ist von diesen Geldströmen allerdings bislang wenig angekommen.

Hoyo Hoyo, die Hochburg für den Sojabohnenanbau im Norden Mosambiks, sollte zum Musterprojekt für Afrikas neue Landwirtschaft werden. Stattdessen wurde dies das Lehrbeispiel, wie solche Deals scheitern können.

Megaprojekt ProSavana

2009 verpachtete der Staat die knapp 10000 Hektar einer aufgegebenen Staatsfarm an ein portugiesisches Unternehmen. Allerdings hatten die Bewohner der umliegenden Dörfer dort jahrelang Lebensmittel für ihre Familien angebaut. Als die Portugiesen das Gut übernahmen, versprachen sie den Dorfältesten einen Ausgleich an anderer Stelle: doppelt so große Flächen für ihre Felder, eine Schule, eine Klinik, neue Brunnen. Nur wenig davon wurde eingehalten. Vor fünf Jahren unterzeichnete Mosambiks Regierung eine Übereinkunft mit Brasilien und Japan über den Aufbau eines landwirtschaftlichen Megaprojekts: ProSavana. Fast 14 Millionen Hektar sollen im Norden des Landes für den großindustriellen Sojabohnenanbau bereitgestellt werden – weltweit die bislang größte Übernahme nutzbaren Bodens.

Haltlose Versprechen

In Mosambik sollen nun in einem Landstreifen, so groß wie die Schweiz und Österreich zusammen, moderne 10.000-Hektar-Farmen angelegt werden – geführt von Agrarunternehmen aus Brasilien. Geplant waren außerdem Schulungszentren, in denen einheimische Bauern lernen sollten, die Erträge von Maniok, Bohnen, Gemüse und Soja zu steigern. Doch als eine Gruppe brasilianischer Farmer im vergangenen Jahr die Region bereiste, erwartete sie eine Überraschung.

"Sie fanden gute Böden – aber es gab überall auch Siedlungen", sagt Anacleto Saint Mart, der für die private amerikanische Hilfsorganisation TechnoServe mit Bauern aus der Region arbeitet. Wirklich ungenutzt, so fanden Experten nach eingehendem Kartenstudium heraus, seien von den versprochenen 14 Millionen Hektar nur etwa 950000 Hektar – und die seien für die Landwirtschaft am wenigsten geeignet.

Ausbeutung durch industrielle Landwirtschaft?

"Das für ProSavana vorgesehene Land wird derzeit von Kleinbauern bestellt. Manche Agrarkonzerne mögen gute Absichten hegen. Aber zunächst einmal profitieren sie von niedrigen Bodenpreisen und Arbeitslöhnen. Ich fürchte, industrielle Landwirtschaft wird mehr Ausbeutung bedeuten." Zwar könnten auch Kleinbetriebe produktiv arbeiten, sagt Devlin Kuyek von der Nichtregierungsorganisation GRAIN, und verweist auf die Reisbauern in Vietnam und die kleinen Milchviehhalter in Kenia, die mehr als 70 Prozent des Milchbedarfs im Land decken.

Frauen sind die Lösung

Schon durch eine einzige Maßnahme könnte man die Nahrungsmittelproduktion in Mosambik um bis zu 30 Prozent steigern: Man müsste nur den Frauen, die die Mehrheit unter Afrikas Bauern stellen, den gleichen Zugang zu Land, Krediten und Düngemitteln gewähren wie den Männern. Doch das ist nicht die Sichtweise der mosambikanischen Regierung..

"ProSavana wird gemeinsam mit der Region des Sambesi-Flusstals das Rückgrat der Lebensmittelproduktion unseres Landes bilden", sagt Raimundo Matule, ein leitender Ökonom im Landwirtschaftsministerium. "Keine Riesenfarmen wie in Brasilien, eher mittelgroße Produzenten mit drei bis zehn Hektar Fläche. Die Brasilianer haben das Know-how, die Technologie und die Maschinen, die wir an die Bedürfnisse mittelgroßer Farmen anpassen können."

"Ich habe dafür gebetet"

Einige Meilen von Hoyo Hoyo entfernt liefert eine Sojafarm das Beispiel für so einen Mittelweg. Sie wird von Armando Afonso Catxava betrieben, einem Lehrer im Ruhestand. Heute pflanzt er auf etwa 26 Hektar Sojabohnen für das Unternehmen African Century Agriculture, das ihm Saatgut besorgt und das Unkraut maschinell jätet. Dafür verkauft er seine Ernte zu einem vorab vereinbarten Preis. Bisher haben beide Seiten profitiert.

An einer Straße im Herzen von Mosambik, in der Region, wo das Großprojekt ProSavana vorangetrieben wird, unterhalte ich mich mit dem 35 Jahre alten Bauern Costa Ernesto und seiner Frau Cecilia. "ProSavana? Nie gehört", sagen sie. Zwei weitere Männer kommen heran. Ich frage, ob sie ihre kleinen Höfe für einen Job auf einer großen Farm aufgeben würden. "Ja", antworten sie, ohne zu zögern. "Ich habe dafür gebetet", antwortet der Älteste.

Wie es ist, kann es nicht bleiben

Welches Modell das Beste ist für die Bauern in Afrika, bleibt offen: Liegt die Zukunft in industriell arbeitenden Farmen mit ausländischen Investoren nach westlichem Vorbild? Bei den mittelgroßen Betrieben mit Vertragsbindung an Großunternehmen? Oder doch bei den vielen Kleinbauern, sofern man ihnen Bildung, Kredite und Düngemittel verschafft? Nur in einem Punkt sind sich die Vertreter aller Modelle einig: Wie es ist, kann es nicht bleiben.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker