HOME

Underground Farming: Brokkoli und Thai-Basilikum aus Londoner Bunkern

Es klingt wie Zukunftsmusik, ist aber knackige Realität: Im Londoner Untergrund wird Gemüse kultiviert. Das ist verrückt, aber in Bio-Qualität.

Von Denise Wachter

Erbsen, Rucola, Schnittlauch, Wiesenampfer, Koriander und Rettich sind die Ersten, die in 30 Metern Tiefe wachsen dürfen. Später sollen sich noch Tomaten und Pilze dazugesellen. Ihre Ziehväter Richard Ballard und Steven Dring sind die Pioniere von "Zero Carbon Food". Sie pflanzen! Und zwar in einer ganz neuen Dimension: unter der Erde und klimaneutral.

Ausgediente Bunker aus dem zweiten Weltkrieg sind der Arbeitsplatz des Farmer-Duos: Die unterirdische Farm schlägt ihre Wurzeln über einen Hektar Fläche unter der U-Bahn-Linie Northern Line im Londoner Süden. Bei der Produktion der Kräuter, Sprossen und des Gemüses soll absolut kein Kohlenstoffdioxid entstehen. Denn spezielle energiesparende LED-Lampen, kontrollierte Bewässerung und gleichbleibende Temperaturen halten den Energiekonsum auf ein Minimum. Und auch der Strom ist grün: Sämtliche Energie wird aus ökologischen Quellen bezogen.

Dennoch können die Produkte selbst nicht als Bio-Lebensmittel zertifiziert werden: ""Zero Carbon Food" baut auf hydroponische Systeme. Das heißt, die Pflanzen wurzeln nicht in der Erde, sondern auf natürlichen Substraten wie Kokosfasern oder werden in speziellen Wasser-Rinnen-Systemen, der sogenannten Nutrient film technique (NFT) angebaut. Dadurch fällt eine Bio-Zertifizierung leider aus", so Volkmar Keuter, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Zentrums in Duisburg, der an Systemen zur Lebensmittelproduktion in Städten forscht. "Natürlich können die Produkte auch ohne die Zertifizierung von hervorragender Qualität sein."

Eine Mischung aus Alkohol und Inspiration

Richard und Steven sind beide auf Bauernhöfen groß geworden und kennen sich aus Schulzeiten. "Unsere Idee kam uns in einem Pub. Wir stritten uns über die Zukunft von London und wie wir in Zeiten von Verstädterung gute Lebensmittel kultivieren können. Eine Mischung aus Alkohol und Inspiration führte uns zu Underground Farming ", sagt Steven lachend. "Richard kannte die Bunker im Süden Londons durch verschiedene Dreharbeiten als Filmemacher. Wir haben uns an die Stadt gewandt und sie hielten uns für total durchgeknallt." Trotz anfänglicher Skepsis verpachtet die City of London die Bunker an die beiden für die nächsten 25 Jahre. Die ersten Reaktionen auf das Projekt der Londoner waren durchweg positiv. "Zero Carbon Food" vereint drei wichtige Aspekte: Sozial durch Nachbarschaftsimpulse, nachhaltig durch energiesparende Anbaumaßnahmen und günstig, da die Transportwege gleich Null sind.

Das hochwertige Gemüse ist vor allem für Restaurants, Markthändler und Londoner gedacht. Verkauft wird das ganze unter dem Namen "Growing Underground". Die Wege sollen kurz sein und die Ernte innerhalb von vier Stunden beim Endverbraucher liegen. Der Markt für Produkte dieser Qualität ist riesig und die Vorteile liegen auf der Hand: Kurze Wege, keine Pestizide, innovativer Geschmack und zu jeder Zeit. Ob im Sommer, Frühling, Herbst oder Winter - knackige Kräuter und Sprossen sind jetzt nicht mehr von der Jahreszeit abhängig.

Sternekoch und Küchenchef im Londoner Gourmetrestaurant "La Gavroche", Michel Roux, ist von diesem Projekt so begeistert, dass er sogleich als Geschäftsführer bei den Bunker-Landwirten eingestiegen ist: "Als ich die Jungs das erste Mal traf, dachte ich mir, sie seien furchtbar verrückt", sagt Michel Roux. "Aber ihre Verrücktheit haben sie aus dem richtigen Grund. Sie sind leidenschaftlich wie ich. Deshalb musste ich ihnen folgen." Der Sternekoch ist sich sicher: "Das ist der Anfang von etwas ganz Großem".