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Neustart für US-Gastronomie: Teil-Öffnung von Restaurants in den USA: "Wie ein Pflaster auf einem abgetrennten Bein“

Nach dem Corona-Lockdown fährt die USA die Wirtschaft langsam wieder hoch. Auch die Gastronomie kann in vielen Staaten den Betrieb wieder aufnehmen. Es ist ein Neustart mit angezogener Handbremse und reduziertem Publikumsverkehr. Reicht das oder kommt die Öffnung zu früh?

Von Tina Pokern

Gäste in einem Restaurant in Roswell, Georgia.

Erste Gäste nach der Restaurant-Wiederöffnung in der 1920 Tavern in Roswell im US-Bundesstaat Georgia.

Picture Alliance

In Teilen der USA dürfen Restaurants und Cafés unter starken Restriktionen ihre Türen wieder öffnen. Viele US-Gastronomen schlagen beim Gedanken an die Wiedereröffnung allerdings die Hände über dem Kopf zusammen.

Zu viele Unbekannte lauern in der Gleichung: Wie risikoreich ist die frühe Öffnung? Lohnt sich der Restart trotz Kapazitätsbeschränkungen? Welche Folgen hätte eine neuerliche Schließung?

Denn genauso wie der Lockdown kostet den Gastronomen auch die Wiedereröffnung Geld. Alexander Hall ist Gastronom in Iowa. Gegenüber dem "EATER" spricht er von allein 15.000 Dollar, die er in die Hand nehmen müsste, um sein größtes Restaurant wieder zum Laufen zu bringen. 

„Angst vor Welle 2“

Denn mit Tür aufschließen und Licht anschalten ist der Neustart nicht getan. Der Finanzaufwand sei enorm. Zu den laufenden Kosten komme die Reinigung nach Wochen der Pause ebenso wie das Auffüllen der Vorratskammern und Kühlschränke, bevor wieder Gäste willkommen geheißen werden können.

Eine Risikogeschäft in einer Zeit, in der nicht sicher ist, ob die Gefahr einer zweiten Covid-19-Welle nicht bereits an der nächsten Ecke lauert. "Was den meisten von uns Angst macht, ist Welle 2", sagt auch Alex Smith, Präsident der Atlas Restaurant Group, die unter anderem in Houston und Baltimore gehobene Gastronomie anbietet, der "New York Times". Er könne zwar das Geld für eine Wiedereröffnung auftreiben, für eine zweite Runde würde es aber wohl nicht reichen.

Bereit für den Restart?

"Das größte Risiko besteht darin, dass man zu schnell und zu breit öffnet und eine weitere Infektionsrunde, eine zweite Welle, auslöst", sagt Mark Zandi, Chefökonom bei Moody's Analytics gegenüber dem gleichen Blatt. Das wäre, so Zandi, "der Nährboden für eine wirtschaftliche Depression. Das würde das Vertrauen völlig untergraben." 

Einer aktuellen Umfrage von "NBC News" zu Folge ist die Sorge der US-Amerikaner vor einer zu schnellen Lockerung der Restriktionen größer als die Sorge vor den Auswirkungen auf die Wirtschaft. Und ob die Lust der Amerikaner auf Restaurantbesuche in nächster Zeit über die Angst vor einer Ansteckung siegen wird, stellen viele Gastronomen außerdem in Frage.

Halbe Kapazität bei voller Miete

Dazu sorgen viele die Auswirkungen der Abstandsregelungen. Vielerorts ist die Öffnung der Gastronomie nur mit halber Kraft, also einer 50 Prozent Auslastung möglich. Miete und Betriebskosten müssen bei halbierter Einkommensmöglichkeit weiter aufgebracht werden.

"Ich kenne das Restaurantgeschäft ziemlich gut. Ich mache das seit 27 Jahren, und bei einer Auslastung von 50 Prozent funktionieren die Restaurants nicht“, so Hall zum "EATER". " Es sei denn, der Vermieter gibt Ihnen 50 Prozent Miete, und MidAmerican Energy gibt Ihnen 50 Prozent Rabatt auf die (Energie-)Rechnung." 

Etwas Halbes, nichts Ganzes

Die Öffnung auf Raten können viele Gastronomen daher nicht als Entlastung sehen – zumal die 50 Prozent Auslastung ein Maximum und nicht ein Ist an Einkommen darstellt. Claire Sprouse besitzt das "Hunky Dory" in Brooklyn. Der Laden ist Café und Bar in einem.

Noch muss sie sich keine Gedanken darüber machen, wann sie ihren Laden wieder öffnen kann. New York zeigt sich derzeit weit von einer Wiedereröffnung entfernt. Dennoch beginnt auch sie bereits zu rechnen.

Der Hauptteil von Sprouses Geschäft wird am Wochenende gemacht. Dem "EATER" hat Sprouse vorgerechnet, was 50 Prozent in Wahrheit für sie bedeuten würden. "Wenn das Restaurant nur die Hälfte der Wochenendkunden sehen würde, die es vor dem Coronavirus hatte", schätzt Sprouse, blieben ihr unterm Strich lediglich 40 Prozent von dem, was der Laden sonst abgeworfen hat.

Finanzielle Geschenke mit Hürden

Das Paycheck Protection Program (PPP) soll den Gastronomen in der Corona-Zeit finanziell Luft verschaffen, sorgt derzeit aber zusätzlich für Sorgenfalten. Das spezielle Darlehen ist unter anderem an die Wiederanstellung aller Festangestellten bis zum 30. Juni gekoppelt. Gerade das können sich viele Gastronomen aber nicht leisten.

Das vermeintliche Geschenk kann so schnell zum finanziellen Klotz am Bein werden. Sprouse hat dennoch einen Kredit beantragt, allerdings noch keine Zusage. „Es ist gerade, als würden sie ein Pflaster auf ein abgetrenntes Bein kleben“, meint sie und plädiert stattdessen für flexible Einigungen mit den Vermietern – "für uns das Beste Szenario". 

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Prognose ist düster

Obschon die ersten US-Staaten langsam das öffentliche Leben wieder hochfahren, heißt das nicht, dass sich die Wirtschaft von den Auswirkungen der Pandemie schnell erholen wird. Im Gegenteil. Selbst die optimistischsten Schätzungen gehen laut "New York Times" davon aus, dass es Monate, wenn nicht Jahre dauern werde, bis sich die wirtschaftliche Lage stabilisiert habe.

Das öffentliche Leben werde nur langsam zu einer Normalität, wie es sie vor Covid-19 gegeben hat, zurückfinden. Der Blick in die Zukunft ist dunkel. So Diane Swonk, Volkswirtin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton, zur "New York Times": "Es wird viel länger dauern, die Wirtschaft aufzutauen, als sie einzufrieren."

Quellen: New York Times, EATER, NBC News