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"Speakers' Corner" in Berlin Google ist das Volk


Google macht jetzt auch Politik. Zwischen der Erinnerung an Mauerfall und Kristallnacht platziert der Internet-Riese den Versuch, in Berlin eine Speakers’ Corner nach Londoner Vorbild einzurichten. Historiker, Hacker, Senioren und Google-Kritiker haben das Wort.
Von Sophie Albers

Es ist ein kalter vernebelter 9. November am Brandenburger Tor in Berlin. Die Gold-Else auf der Straße des 17. Juni schimmert durch die trübe Suppe. Gesine Schwan schlägt den Kragen ihres schwarzen Mantels hoch und lächelt trotzdem. Schließlich ist die Präsidentin der Viadrina-Universität und Ex-Präsidentschaftskandidatin gekommen, um über Meinungs- und Redefreiheit zu sprechen.

In Berlin soll es eine Speakers' Corner (Redner-Ecke) geben wie im Londoner Hyde-Park. Ein Ort, wo jeder seine Meinung sagen kann und jeder zuhören. Das finden jedenfalls der Speakers'-Corner-Trust, die Künstlerinitiative Zentrum für politische Schönheit und vor allem die Internetmacht Google.

Keine Narrenfreiheit

Gesine Schwan steigt auf die Holzpaletten, die am Brandenburger Tor liegen. Anders als die Redner im Hyde Park musste sie keine Kiste mitbringen, um sich draufzustellen. Ein Mikrofon hat sie auch. Vor ihr war Speakers'-Corner-Trust-Direktor Peter Bradley dran, der mit der schönen Perikles-Paraphrase endete, dass alle Nutznießer einer Demokratie, die sich in diese nicht einbringen, unnütze "Idioten" seien. Schwan ist da freundlicher in ihren fünf Minuten, die jedem Redner zustehen. Meinungsfreiheit sei ein großes Geschenk, aber nicht leicht zu praktizieren, führt sie aus - sei es wegen persönlicher Scheu, politischer Repression oder dass sie zur Farce gemacht würde, indem Probleme nur innerhalb eines "Machtspiels in den Raum gestellt werden". In der deutschen Politik werde zu wenig begründet und argumentiert, so Schwan. "Meinungsfreiheit ist nicht Narrenfreiheit."

Etwa 50 Leute stehen um die Paletten herum, die Hälfte wohl Journalisten. Ein paar Touristen bleiben stehen. CDU-Politiker und Alterspräsident des Berliner Abgeordnetenhauses Uwe Lehman-Brauns mahnt, dass "Demokratie kein Ruhekissen" sei. Die Touristen gehen weiter, weil sie kein Deutsch verstehen. Max Senges vom Google-Politik-Team spricht ein bisschen von den alten Medien Buch, Zeitung, Radio, die ihn nicht ausreichend informiert hätten, aber dass es nun ja zum Glück das Internet gebe. Eine globale Speakers' Corner, um Positionen zu schaffen und Debatten zu führen, an denen zwei Milliarden Menschen teilhaben könnten.

Aber warum stehen wir dann hier, fragt sich der frierende Zuhörer. Weil eine Brücke zwischen damals und heute gebaut werde, sagt Senges. Und während man über die Brücke nachdenkt, freut er sich über seine Wortschöpfungen "Speakers' Tube" und "You Corner", so dass man froh ist, als später ein Berliner Fotograf namens Benjamin Richter darauf hinweist, dass in unserer Welt nicht mehr Politiker, sondern Konzerne das Sagen hätten. Dass Google die Herausforderung der Zukunft sei, weil es unsere Meinung durch Rankings und Algorithmen bestimme.

Timothy Garton Ash und das Volk

Dem stimmt auch der britische Historiker und Essayist Timothy Garton Ash zu: "Google ist mächtiger als Deutschland", sagt er, nachdem er vorher - angesichts des Datums sehr ungelenk - über neue "Informationsmauern" sprach am Beispiel des strikten Umgangs mit Holocaust-Leugnern im deutschen Netz. Mit dem Ausspruch "Wir sind das Volk - auch bei Google" hat er dann alle wieder in der Tasche. Und macht auch noch Werbung für eine Studie über die "Spielregeln der Meinungsfreiheit in der globalisierten Welt", die er für die Universität Oxford durchführt. Manchen reichen fünf Minuten eben doch nicht.

Eine Frau mit Trisomie 21 allerdings kommt mit weniger aus, als sie sich vom Redner das Mikrofon nimmt: "Vor 73 Jahren war die Reichspogromnacht, wo jüdische Menschen getötet wurden, und keiner hat etwas dagegen getan." Sagt es, gibt das Mikrofon zurück und geht wieder.

Die verbrannten Hoffnungen Deutschlands

Ein bisschen nervig sind die Vertreter des Zentrums für politische Schönheit, die an schwarzen Schlieren im Gesicht zu erkennen sind. "Wir wühlen in den verbrannten Hoffnungen Deutschlands", erklärt es Gründer Philipp Ruch. Moral sei politische Schönheit, fährt er fort. Vorbilder seien Menschen wie Simon Wiesenthal und Roméo Dallaire. So schön, so gut. Am Brandenburger Tor gibt es stattdessen einen anstrengenden Moderator im Shakespeare-Duktus und Aktionskunst wie den Vortrag eines Kanzlers aus der Zukunft zu sehen, der der Jugend von heute vorwirft, den gesellschaftlichen Zusammenbruch nicht verhindert zu haben.

Was noch? Bewohner eines Altersheims dürfen sagen, dass das Essen manchmal nicht schmeckt oder Erinnerungen an Ostpreußen teilen. Die Jazz-AG einer Schule im Wedding tanzt kurz zu Jesse J's Zeilen "Ich kann mir an die Eier fassen wie ein Kerl". Es gibt Agit-Prop und Möchte-gern-Rio-Reisers zu hören - und Karen, die für das Internet-Projekt Tor spricht, das Aktivisten in autoritären Staaten unterstützt, und die darauf hinweist, dass viele von uns in Form ihrer Mobilgadgets "die Stasi in der Jackentasche" mit sich herumtragen.

Wie Schwan schon sagte: Meinungsfreiheit ist nicht leicht zu praktizieren. Aber auf Google.de hat der Begriff immerhin 2.140.000 Treffer.


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