VG-Wort Pixel

Die Nominierten Vorentscheidung der Jurys: Das sind die drei besten Arbeiten jeder Preis-Kategorie

Die Trophäen des Nannen Preises
Die Trophäen des Nannen Preises. Der Nannen Preis ehrt herausragende Arbeiten im deutschsprachigen Journalismus.
© Lukas Schulze/ / Picture Alliance
Am 1. Juni werden die Nannen Preise 2021 verliehen. Die Jurys haben 700 Arbeiten aller Mediengattungen gesichtet und bewertet. Nun stehen die besten drei der Kategorien "Geschichte des Jahres", "Republik", "Lokal", "Investigation" und "Egon Erwin Kisch-Preis" fest.

"Wir können richtig stolz auf unseren guten und breit aufgestellten Journalismus sein." Dieses Fazit zieht Dunja Hayali, ZDF-Moderatorin und Mitglied des neu ins Leben gerufenen Beirats des Nannen Preises, kurz vor Ende der intensiven Jurierungsphase. Sie und die 49 anderen Jurorinnen und Juroren der fünf Kategorien des Nannen Preises 2021 haben im Lauf der vergangenen zweieinhalb Monate die vielfältigen Arbeiten im neu ausgerichteten Wettbewerb gesichtet, verglichen und bewertet.

Stern Logo

Erstmals ist der Nannen Preis Wettbewerb 2021 für Arbeiten aus allen medialen Gattungen geöffnet, die ihm Lauf des vergangenen Jahres veröffentlicht worden sind. Von Print bis Podcast, von TV bis Social Media, von Fotografie bis Radio, ob analog, digital oder crossmedial: der Nannen Preis zeichnet Qualitätsjournalismus aus, egal auf welchen Kanälen er verbreitet wird. "Wer meint, der Journalismus sei tot, dem kann ich nur die Beiträge der Bewerber ans Herz legen", sagt Melanie Bergermann, Reporterin der "Wirtschaftswoche" und Jurorin für die Kategorie "Investigation" des Nannen Preises. "Ich bin mir sicher: Sie werden dann zu einem anderen Urteil kommen."

Die Auszeichnung der diesjährigen Preisträger wird am 1. Juni ab 19 Uhr als feierliches Live-Event im Netz übertragen und ist für alle zugänglich.

Die Nominierten der fünf Preis-Kategorien des Nannen Preis 2021 nennen wir samt eines kurzen Abrisses der Erwägungen, die in den Diskussionen der jeweiligen Jury relevant gewesen sind.

"Geschichte des Jahres"

Sandra Ciesek, Christian Drosten, Norbert Grundei, Korinna Hennig, Aline König, Johanna Leuschen, Katharina Mahrenholtz, Anja Martini, NDR info: Das Coronavirus Update mit Christian Drosten

Was für ein Glücksfall: eine Redaktion, die früh eine dringende Sehnsucht nach Wissen erkennt; ein Sender, der großzügig Ressourcen bereitstellt; ein Team aus Journalist:innen, das sich in Windeseile in die komplexe Materie gräbt; zwei Wissenschaftler, die mit größter Verständlichkeit das Rätselhafte erläutern. Kein Wunder, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit den „Drosten-Podcast“ als Sound der Pandemie im Ohr hat, aufklärend, beruhigend, Orientierung schaffend. Das Team von NDR-Info hat so jeden Tag unaufgeregt und professionell die Geschichte des wichtigsten Ereignisses des Jahres geschrieben, eine bewundernswerte Leistung. 

Christoph Giesen, Cathrin Kahlweit, Lena Kampf, Klaus Ott, Frederik Obermaier, Nicolas Richter; Katja Riedel, Jörg Schmitt, Meike Schreiber, Jan Willmroth, Nils Wischmeyer, Süddeutsche Zeitung: Die letzten Tage von Wirecard und weitere Artikel der SZ-Serie zum Wirecard-Skandal (Serien-Teile 1, 2, 3, 4)    

Der Betrug war aufgedeckt, der Skandal bekannt, da machten sich die Reporter daran, das Innenleben dieses monströsen Falls aufzuschlüsseln – und zu belegen, wie viel noch zu erzählen ist, wenn scheinbar alles gesagt wurde. Aus einer Vielzahl von Quellen rekonstruierte das Recherche-Team minutiös den Untergang des ökonomischen Sitzriesen Wirecard und legte zugleich die tieferen Schichten dieses gewaltigen Wirtschaftsbetrugs offen: die kollektive Sehnsucht nach wenigstens einem deutschen Internetstar, den großen Selbstbetrug.

Mai Thi Ngyuen-Kim, Melanie Gath, Lars Dittrich: Mailab/funk: Corona geht gerade erst los

2. April 2020, die Corona-Pandemie geht in ihren dritten Monat, der Lockdown lähmt Deutschland, quälend sind Verunsicherung und Angst – da nimmt ein Youtube-Video jede Hoffnung auf ein schnelles Ende. Und setzt gerade deswegen den publizistisch bedeutsamsten Moment der Pandemie: Weil die ernüchternd harte Botschaft so präzise und so nachvollziehbar, so zeitgemäß und vor allem so menschlich vermittelt wird, dass Millionen sie hören wollen. Faktenschwere und federleichte Aufklärung zugleich, ein wissenschaftsjournalistischer Geniestreich.

"Egon Erwin Kisch-Preis"

Johannes Böhme:  Täter und Opfer, Süddeutsche Zeitung Magazin *

Diese bemerkenswerten Reportage über einen Kindersoldaten, der zum Schlächter wurde, wirft abgründige Fragen auf: Wie lässt sich richten über einen, der nur Ungerechtigkeit erlebt hat? Wie viel Schuld trägt jemand, der als Kind zum Killer abgerichtet wurde? Nach jahrelanger Recherche schreibt der Autor über das Leben und Morden des Dominic Ongwen auf bewegend präzise Weise, ohne je die Distanz zu verlieren – und ohne dem Leser die Mühe zu nehmen, ein eigenes Urteil zu finden über diesen Menschen, der alle Dimensionen des Bösen sprengt.

Vanessa Vu, Khuê Phạm:  "Bete für mich", Die Zeit *

Ende 2019, die britische Polizei entdeckt einen Lastwagen mit 39 Toten, alle stammten aus Vietnam. Wer waren sie? Was hat sie in die Todesfalle geführt? Die Autorinnen sind diesen Fragen mit beeindruckender Hartnäckigkeit nachgegangen. Sie haben mit 38 der 39 Opferfamilien gesprochen, um schließlich am Beispiel zweier Schwestern in größter sprachlicher Klarheit und Eindringlichkeit die verzweifelte Sehnsucht nach dem besseren Leben zu beschreiben – und am Beispiel des erstaunlich gut funktionierenden Schleppernetzwerkes gleichsam die Infrastruktur der globalen Träume.

Xifan Yang:  Die Gesandte des Konfuzius, Die Zeit *

Wie funktioniert Globalisierung? Nicht so gut für die junge Chinesin, die bei Hannover in einem Pflegeheim zu arbeiten beginnt. Und auch nicht für den Heimleiter, der hofft, die Studentin sei nur die erste von vielen Chinesinnen, die helfen könnten, den Notstand in der deutschen Altenpflege zu beheben. Aus dieser Konstellation destilliert die Autorin eine zuweilen groteske Geschichte voller Missverständnisse und Enttäuschungen – die sie lakonisch und mit wunderbarem Gespür für die Zwischentöne scheiternder Verständigung erzählt. Die Jury vermisst an dieser meisterhaften Reportage nur eines: die Fortsetzung.

"Lokal"

Sebastian Manz (Radio Bremen), Reiko Pinkert (NDR): Vowurf des Rechtsextremismus und Mobbing bei der Bremer Feuerwehr, buten un binnen, butenunbinnen.de, bremen zwei – ab 24.11.2020 (Einreichung Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Der Ausgangspunkt: anonym zugespielte Chatprotokolle, die belegen, wie rassistische, rechtsradikale Propaganda unter Bremer Feuerwehrleuten kursiert. Der vorläufige Endpunkt: Der Innensenator übernimmt die Leitung der Feuerwehr und setzt eine Sonderermittlerin ein. Dazwischen mehrmonatige, intensive Recherchen, um die Vorwürfe hieb- und stichfest zu machen – und um die Whistleblower zu schützen. Eine wichtige, umsichtige und crossmedial exzellent vernetzte Lokalberichterstattung.

Stefan Proetel: Die Geschäfte des Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel, Mannheimer Morgen ab 14.08.2020 (Einreichung Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5) *

Kungeleien bei Mietgeschäften; öffentlich gegen Wohnungsknappheit reden, aber privat bei Airbnb vermieten; unsaubere Trennung von Mandats- und Parteidingen, möglicherweise Straftaten – die Liste der Machenschaften, die die Artikel-Serie dem CDU-Bundestagsabgeordneten Löbel nachweisen konnte, war lang. Und die Gegenwehr heftig: Drohungen, Beschimpfungen, Arroganz der Macht. Vergeblich. Der Reporter ist drangeblieben, auch weil ihn Redaktion und Verlag immer gestützt haben – vorbildlicher Lokaljournalismus!

Sabine Schicketanz; Mitarbeit: Henri Kramer, Thorsten Metzner: Unter Verdacht, Potsdamer Neueste Nachrichten vom 09.06.2020 *

Zu Beginn der Pandemie sterben im Bergmann-Klinikum in Potsdam Dutzende Menschen am Corona-Virus, eine Tragödie, wie sie sich an vielen Krankenhäusern Deutschlands ereignet. Hier gelingt es einem Team um die Haupt-Rechercheurin die Gründe und Hintergründe der tödlichen Ansteckungen in bemerkenswerter Prägnanz aufzudecken: Sie beschreiben Fehler en detail, sie benennen Schuldige, sie legen ein Gewebe aus Ignoranz und Nachlässigkeit offen – so unwiderleglich, dass etliche Führungskräfte gehen müssen. Die Presse möge gerade auch im Lokalen eine Kontrollfunktion erfüllen: Hier wird diese Hoffnung Wirklichkeit.

"Republik"

Daniel Deckers: Berichterstattung zum Thema sexueller Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Daniel Deckers hat sich wie kein zweiter Journalist in Deutschland mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche beschäftigt: systematisch, kritisch, über 20 Jahre hinweg und gegen erheblichen Widerstand der Kirche, aber auch vieler Leser und mancher Kollegen. Damit hat er sich um unser Gemeinwesen verdient gemacht.

Friedrike Böge, Lea Sahay,Xifan Yang: Auslandsberichterstattung aus China, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit

Herausragende Auslandsberichterstattung vermittelt tiefes Verständnis von Gesellschaften und Kulturen und fungiert als publizistisches Korrektiv zu ideologisch motivierten Zerrbildern. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird die Arbeit von Auslandskorrespondenten zunehmend erschwert und behindert. Kaum irgendwo wird das so deutlich wie in China. Die furchtlose Arbeit von Friederike Böge, Lea Sahay und Xifan Yang in China steht stellvertretend für den Mut und die Hartnäckigkeit von Korrespondenten weltweit.

Literatur-Redaktion von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur:  Literaturkritik im Deutschlandradio,  Deutschlandradio

Literaturkritik ist ein oft übersehenes journalistisches Genre, das aber besonders in Zeiten der Coronakrise wesentlich ist für die kulturelle Verständigung der Gesellschaft. Die Jury würdigt die Arbeit der Literatur-Redaktion des Deutschlandfunks und von Deutschlandfunk Kultur, die durch Stimmenvielfalt und Breite des redaktionellen Angebots der Republik einen publizistischen Dienst erweist.

"Investigation"

Roman Dobrokhotov, Matthias Gebauer, Christo Grozev, Roman Lehberger, Fidelius Schmid, Jörg Diehl, Christian Esch:  Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten, Der Spiegel (in Kooperation mit Bellingcat, CNN, The Insider)

Die Anatomie eines Staatsverbrechens offenlegen, die Mordagenten namentlich ans Licht holen und einen Autokraten vor der Weltöffentlichkeit düpieren – dem Recherche-Team ist eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche, weltbewegende Arbeit gelungen. Es nutzte dafür modernste Recherchemethoden und ein weltweites Netzwerk aus Kooperationspartnern – und bewies so, zu welchen investigativen Leistungen der Journalismus heute fähig ist. Ein Bravourstück.

Jörg Diehl, Roman Lehberger, Fidelius Schmid: Der König der Spione, Der Spiegel *

Die Autoren haben den bislang tiefsten Blick in die moralische Halbwelt der V-Männer geworfen: Ihr Porträt des wohl wichtigsten Polizeispitzels der deutschen Nachkriegsgeschichte liest sich atemlos und atemberaubend, auch weil es die vielen Zwielichtigkeiten dieses Mischmilieus aus Verbrechen und Verfolgung nicht ausspart. Und weil es den Reportern gelungen ist, die Behauptungen des Informanten von unabhängigen Quellen bestätigen zu lassen – was die Arbeit in den Rang eines Zeitdokuments erhebt.

Katrin Langhans, Eva Achinger, Ann-Kathrin Wetter: Riskante Dosis - Serie über den problematischen Umgang mit Cytotec, BuzzFeed.News, BR, ARD (in Kooperation mit Süddeutsche Zeitung)

Mit welch‘ haarsträubender Gleichgültigkeit gebärende Frauen und ihre Kinder in tödliche Gefahr gebracht wurden! Die Artikelserie über die achtlose Dosierung des Medikamentes Cytotec lässt sich nur mit kopfschüttelndem Unglauben lesen, so aberwitzig sind die Versäumnisse, die sie offengelegt hat. Mit großem Erfolg: Das umstrittene Medikament wird nicht mehr nach Deutschland importiert.

* Grundlage der Jury-Beurteilung war die Print-Version des Artikels


Mehr zum Thema