In gut sechs Wochen dürfen die Menschen in Baden-Württemberg an der Urne ihre Stimme abgeben: Bei der Landtagswahl am 8. März geht es diesmal nicht nur um die neue Sitzverteilung im Parlament, sie entscheidet auch darüber, wer neuer Ministerpräsident nach Langzeit-Amtsinhaber Winfried Kretschmann (Grüne) wird. Lange gab es keine Umfragen mehr, die einen Rückschluss auf die Stimmungslage in der Bevölkerung zuließen. Nun zeigt eine neue Umfrage, dass bis zur Wahl noch einiges passieren kann. Fünf Lehren aus den Zahlen:
1. Der Kampf um die Spitze kann noch spannend werden
Lange sah es nach einer recht klaren Sache aus: Seit vielen Monaten liegen die Grünen mit Spitzenkandidat Cem Özdemir deutlich hinter der CDU von Spitzenmann Manuel Hagel zurück. Der Vorsprung der Christdemokraten betrug teils mehr als zehn Prozentpunkte und die Partei wittert die Chance, die 2011 an die Grünen verlorene Macht im Südwesten wiederzuerlangen.
In den nächsten Wochen könnte es im Kampf um die Macht aber nochmal spannend werden. An der Spitze der Umfragen steht die CDU in der neuen Umfrage zwar weiterhin - allerdings stagniert sie. Und: Die Grünen holen wenige Wochen vor der Wahl in der Gunst der Bürgerinnen und Bürger auf und machen drei Prozentpunkte auf die Union gut. Der Abstand zwischen den beiden Parteien beträgt nur noch sechs Prozentpunkte - so wenig wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr.
2. CDU und Grüne werden wohl wieder zusammenarbeiten müssen
Auch wenn CDU-Chef Manuel Hagel keinen Hehl daraus macht, dass er nach dem 8. März gerne ohne die Grünen an seiner Seite regieren würde: Im Falle eines Wahlsiegs dürfte er der aktuellen Umfrage zufolge wieder auf die Grünen als Partner angewiesen sein. Andere Koalitionsoptionen hätten demnach keine Mehrheit.
Eine von Hagel - und vor allem von der FDP - immer wieder ins Spiel gebrachte Deutschlandkoalition aus CDU, SPD und FDP hätte mit derzeit 42 Prozent der Stimmen keine Mehrheit im Landtag. Ändert sich die Lage nicht noch gravierend, dürften die Ministerien in Land auch künftig von den beiden Parteien geführt werden, die bereits seit 2016 zusammenarbeiten.
3. Der Landtag dürfte bunter werden
Die Handwerker, die nach der Wahl im Plenarsaal in Stuttgart die Tische und Stühle der Abgeordneten neu anordnen, können sich wohl schon mal auf größere Umbauarbeiten einstellen. Neben den bisherigen Parteien dürfte nach aktuellem Stand mit der Linken eine weitere Fraktion in den neuen Landtag einziehen. Seit einigen Monaten liegt die Partei in den Umfragen mit sieben Prozent stabil über der Fünf-Prozent-Hürde. Getragen wird der Linken-Boom von gesellschaftlicher Unzufriedenheit, wachsender sozialer Ungleichheit, der Wohnungsnot in vielen Städten. Inhaltlich setzt die Partei folgerichtig auf lebensnahe Themen wie Mieten, Gesundheitsversorgung, Kitas oder ÖPNV.
Relevant wird die Fünf-Prozent-Hürde, die Parteien für den Einzug in den Landtag überspringen müssen, auch für die FDP. Die Partei liegt in ihrem Stammland der aktuellen Umfrage zufolge derzeit bei genau 5 Prozent und müsste um den Einzug ins Parlament bangen. Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke hat die Wahl deswegen auch bereits zu einer Art Schicksalswahl für die Liberalen erklärt. Schaffe es die Partei im Südwesten nicht mehr, in den Landtag zu kommen, dann nehme man ihr dieses Ziel nirgends mehr ab, so die Argumentation.
4. Es geht um Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft
Die Parteien haben sich in ihren Wahlprogrammen alle bereits entsprechend aufgestellt: Kein Thema brennt den Menschen im Südwesten der Umfrage zufolge vor der Wahl so unter den Nägeln wie die wirtschaftliche Lage im Autoland Baden-Württemberg. 29 Prozent der Befragten sehen das Thema als größtes Problem. Die Wirtschaft verdrängt damit sogar den Dauerbrenner Migration, der lange auf Platz 1 rangierte.
Kein Wunder: Die einst so starke Automobil-Industrie im Südwesten schwächelt, beinahe im Wochentakt verkünden Autohersteller und große Zulieferer Personalabbau und Gewinneinbrüche. Das schlägt auch auf die Stimmung der Befragten. Nur 13 Prozent glauben, dass die wirtschaftliche Lage in einem Jahr wieder besser wird, mehr als ein Drittel (36 Prozent) rechnet sogar mit einer weiteren Talfahrt.
5. Zuwachs der AfD ist erstmal gestoppt
Für die Rechtspopulisten gab es in den Umfragen über viele Monate nur noch eine Richtung: bergauf. Dieser Anstieg ist der aktuellen Umfrage zufolge nun erst einmal gestoppt. Die Partei, die im Südwesten als vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, kam bei der Oktober-Umfrage mit einem Allzeithoch von 21 Prozent noch vor den Grünen auf den zweiten Platz.
Nun folgt ein kleiner Dämpfer: Mit 20 Prozent ist der dauerhafte Anstieg zumindest unterbrochen - und weil die Grünen zulegten, landet die AfD nun nur noch auf dem dritten Platz. Mit einem Ergebnis um die 20 Prozent wäre die Partei aber trotzdem ein großer Sieger der Wahl. Bei der Landtagswahl 2021 kam die Partei auf 9,7 Prozent und wurde damit kleinste Oppositionsfraktion im Landtag.