Berlin erlebt den längsten Stromausfall der Nachkriegsgeschichte. Viele Tausende Menschen müssen ohne Strom und Wärme in dunklen und kalten Wohnungen oder in Ausweichquartieren ausharren. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und der Geschäftsführer der landeseigenen Gesellschaft Berlin Stromnetz, Bernhard Büllmann, versicherten ihnen, dass sie bis Donnerstag wieder mit Strom versorgt werden.
Am Tag vier des Blackouts im Südwesten der Hauptstadt sind noch rund 25.500 Haushalte und 1.200 Geschäfte und Firmen nach Angaben des Betreibers ohne Strom. Für sie gibt es praktische Hilfsangebote: So sollen drei Bäder in dem betroffenen Bereich rund um die Uhr öffnen, damit die Menschen duschen können. Einem Großteil der Menschen sei dies derzeit nicht möglich, sagte Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Man könne sich dort natürlich auch aufwärmen oder das Handy laden. Das Angebot sei kostenlos.
Die Bundeswehr hilft laut Innenverwaltung vor allem bei Transport, Aufbau, Anschluss und Dieselversorgung von Notstromaggregaten. Die Soldaten versorgen die Menschen vor Ort auch mit warmen Essen und Tee. In Notquartieren oder anderen Anlaufstellen wärmen sich Betroffene auf. Sie können dort auch etwas essen und trinken und ihr Handy aufladen. Etwa 20 Schulen bleiben den zweiten Tag in Folge geschlossen.
Helfer gehen von Tür zur Tür
Um möglichst alle Menschen zu erreichen, gehen Mitarbeiter von Ordnungsämtern, der Polizei, der Malteser und anderen Besuchsdiensten seit Sonntag von Tür zu Tür.
Manche Menschen sind in Hotels gegangen. Betroffenen werden die Kosten für Hotelzimmer erstattet, wie Berlins Regierender Bürgermeister Wegner auf X mitteilte. Der Senatsverwaltung für Wirtschaft zufolge gilt das für entsprechende Partnerhotels der Berliner Tourismusagentur Visit Berlin.
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Rund 160 Häuser beteiligen sich inzwischen laut Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD). Bisher konnten solche Zimmer in Hotels, Hostels und Pensionen bereits zu Sonderkonditionen gebucht, mussten aber selbst bezahlt werden. Nun kann die Rechnung beim Sozialamt des Bezirks Steglitz-Zehlendorf eingereicht werden. Zudem bieten Museen, Kinos und der Zoo Berlin "Orte zum Aufwärmen und für eine kleine Auszeit", wie die Senatskanzlei mitteilte.
Netzbetreiber: Gut im Zeitplan
Der Netzbetreiber arbeitet unterdessen daran, dass wieder alle Menschen mit Strom versorgt werden. Laut Betreiber sind die Tiefbauarbeiten für die beiden provisorischen Kabelverbindungen inzwischen abgeschlossen. Nun begännen die elektrischen Arbeiten zur Herstellung der Verbindung. Damit liege man "sehr gut im Zeitplan", sagte ein Sprecher.
Strom für alle Pflegeheime
Laut Betreiber sind inzwischen alle 74 betroffenen Pflegeeinrichtungen wieder mit Strom versorgt. Aktuell seien 36 große Notstromaggregate im Einsatz. Unterstützung kam aus Nordrhein-Westfalen: Nach Angaben eines Sprechers der Berliner Feuerwehr trafen fünf Notstromersatzanlagen in der Nacht ein und wurden angeschlossen.
Auch die Stromversorgung für alle drei betroffenen S-Bahnhöfe ist laut Stromnetz wiederhergestellt. Das seien die Stationen Mexikoplatz, Nikolassee und Wannsee. Somit könnten die Bahnhöfe wieder genutzt werden. Die Züge der S1 und S7 fahren wieder im 20-Minuten-Takt, wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn mitteilte. Nach und nach öffnen auch mehr Supermärkte.
Polizei verstärkt Präsenz
Die Polizei hat in Wannsee und den benachbarten Ortsteilen ihre Präsenz deutlich erhöht. Man habe Unterstützung durch die Bundespolizei und sei mit bis zu 550 Beamtinnen und Beamten im Einsatz, sagte Polizei-Vizepräsident Marco Langner.
Man sei sehr eng mit der Bundespolizei in Abstimmung, um zusätzliche Lichtmasten zu erhalten. In der Nacht war die Polizei auch mit einem Hubschrauber unterwegs, um die Kräfte am Boden zu unterstützen. Bei Bedarf stünden auch Polizeihunde und -pferde der Bundespolizei bereit. Bislang sei die Situation aber "erstaunlich ruhig", sagte Langner. Es gebe kein gesteigertes Notrufaufkommen.
Videomaterial sichergestellt
Parallel setzt die Polizei ihre Ermittlungen zu dem Brandanschlag fort. Nach Zeugenaufrufen seien Hinweise im "mittleren zweistelligen Bereich" eingegangen, sagte Langner. Acht davon seien erfolgversprechend.
Zudem habe die Polizei mehrere Hundert Stunden Videomaterial sichergestellt. Dieses müsse ausgewertet werden von der Ermittlungsgruppe, die beim für politische Straftaten zuständigen Staatsschutz der Polizei den Fall bearbeitet. Laut Langner wird überlegt, ob weitere Beamte hinzugezogen werden müssten.
Generalbundesanwalt soll Fall übernehmen
Innensenatorin Spranger und Regierungschef Wegner drängen darauf, dass der Generalbundesanwalt die Ermittlungen zu dem Brandanschlag übernimmt. Spranger wiederholte, sie gehe von einem linksterroristischen Anschlag aus. Darüber habe sie am Montag mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gesprochen. "Er sieht es genauso", sagte sie. Wegner sagte: "Hier ging es um einen terroristischen Akt, und dafür ist das Bundeskriminalamt, die Bundesanwaltschaft, zuständig."
Unterdessen kursieren im Internet Spekulationen darüber, ob Russland und einer seiner Geheimdienste die eigentlichen Täter sein könnten. Die Polizei spricht allerdings klar von Linksextremisten.
Längster Blackout in Berlin seit Krieg
Zu dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf hatte sich eine linksextremistische Gruppierung bekannt. In der Folge waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom.
Laut Stromnetz handelt es sich inzwischen um den längsten Stromausfall in der Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Blackout vom September 2025 im Berliner Südosten hatte rund 60 Stunden gedauert. Die Dimension des damaligen Stromausfalls sei vergleichbar mit dem aktuellen Fall, hieß es. Damals waren rund 50.000 Stromkunden betroffen.