Die tödlichen Schüsse an Karsamstag vergangenen Jahres hatten für große Aufregung in der Kurstadt Bad Nauheim gesorgt - vor dem Landgericht Gießen hat jetzt der Mordprozess um die mutmaßliche Blutrache begonnen. Angeklagt sind der 29 Jahre alte mutmaßliche Schütze, dem die Staatsanwaltschaft heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen in zwei Fällen zur Last legt, sowie sein 36 Jahre alter Bruder wegen Beihilfe. Beide wollten sich zu den Vorwürfen zum Prozessauftakt nicht äußern.
Am späten Nachmittag des 19. April 2025 soll der Jüngere der beiden Männer im Alter von 28 und 59 Jahren vor ihrem Wohnhaus in Bad Nauheim überrascht und sie erschossen haben. Die Männer starben noch am Tatort an schweren inneren Verletzungen. Das jüngere der beiden Opfer war der Schwiegersohn des anderen Toten. Sowohl die Angeklagten als auch die Opfer sind türkische Staatsangehörige.
Staatsanwaltschaft vermutet "Vergeltungsakt"
Die Staatsanwaltschaft geht von einem "Vergeltungsakt" als Hintergrund aus. Ein Bruder eines der beiden Opfer soll zuvor in der Türkei den Vater der beiden Angeklagten getötet haben. "Seitdem herrschte zwischen beiden Familien eine Blutfehde", sagte die Staatsanwältin. Um die Tötung ihres Vaters zu rächen und vermeintlich die Familienehre wiederherzustellen, hätten sie beschlossen, die beiden Männer zu töten.
Der 36-Jährige soll seinen jüngeren Bruder vor der Tat unterstützt haben. Laut Anklage soll er ihn zunächst zu einem Schwimmbad gefahren haben. Dort soll sich der 29-Jährige einen Energydrink gekauft und über einen Livestream des älteren späteren Opfers via TikTok "sekundengenau" verfolgt haben, wo sich die beiden Männer gerade aufhielten. Am Tatort soll der 29-Jährige dann gewartet haben, bis die beiden Männer an der Wohnanschrift des älteren eintrafen. Dann soll er "mindestens zehn Schüsse" auf die Opfer abgegeben und je viermal getroffen haben.
Ehefrau schildert Todesdrohungen gegen 59-Jährigen
Es wird mit einem umfangreichen Prozess mit zahlreichen Zeugen und Sachverständigen gerechnet. Zum Auftakt hörte das Gericht die Frau des 59-jährigen Opfers als Zeugin, deren Schilderungen von einer Dolmetscherin übersetzt wurden. Die Frau beschrieb, dass ihr Mann immer wieder vom älteren der beiden Angeklagten bedroht, beleidigt und unter Druck gesetzt worden sei.
Dabei seien auch Sätze gefallen wie: "Ich werde die Pistole in deinem Kopf leer machen." Ihr Mann habe versucht, beruhigend auf ihn - den mittlerweile 36-Jährigen - einzuwirken und ihm gesagt "Blut wäscht man nicht mit Blut, wohin soll das noch gehen?"
Im Zusammenhang mit der Tötung des Vaters der beiden Angeklagten vor rund viereinhalb Jahren sei von einem "Ehrenmord" die Rede gewesen, so die Zeugin, die genauen Hintergründe dafür kenne sie aber nicht. Seither seien drei Häuser ihrer Familie in Brand gesetzt, ein Pferd der Familie erschossen, Hühner mit Benzin übergossen und angezündet worden. Auch eine Geldzahlung von rund 100.000 Dollar, für die mehrere ihrer Angehörigen zusammengelegt hätten, habe es gegeben.
Mutmaßlicher Schütze stellte sich selbst
Der 29-Jährige hatte sich einige Tage nach der Tat bei der Polizei im Hanauer Stadtteil Großauheim selbst gestellt und die Tat kurz nach seiner Festnahme eingeräumt. Sein älterer Bruder hingegen hatte bestritten, Beihilfe geleistet zu haben.
Zum Prozessauftakt hörte das Gericht auch einen Nachbarn der Familie der beiden Opfer als Zeuge. Anders als zuvor bei einer polizeilichen Vernehmung schilderte er, dass er am Tattag Schreie aus dem Treppenhaus gehört und die Beine des jüngeren Opfers auf den unteren Treppenstufen gesehen habe. Der ältere Mann sei aus dem Haus gerannt und von hinten von dem Täter, dessen Gesicht er nicht gesehen habe, "regelrecht hingerichtet" worden.