Spurenworkshop
Mit DNA auf Täter-Spur und manchmal ein Anruf fürs Drehbuch

Kleinste Proben können dank DNA bei Ermittlungen eine große Rolle spielen. Foto: Stefan Sauer/dpa
Kleinste Proben können dank DNA bei Ermittlungen eine große Rolle spielen. Foto
© Stefan Sauer/dpa
Teils eine Zelle kann schon zu einem wichtigen Beweis in Ermittlungen werden - dank DNA. Auch alte Fälle können noch geklärt werden. Forensiker helfen teils auch Drehbuchautoren.

Nach einem Gewaltverbrechen fehlen Zeugen und Anhaltspunkte. Doch dann werden auf einmal doch noch Hautpartikel gefunden und der Täter wird per DNA-Analyse überführt. So oder so ähnlich kennen es viele aus Fernsehkrimis. Die Realität ist mitunter deutlich komplexer, weiß zum Beispiel Anja Klann vom Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald.

"Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand Hautschüppchen überträgt?", ist etwa eine der möglichen Fragen bei der Deutung von Spuren. "Jede Hautstruktur ist anders. Jeder Mensch verliert unterschiedlich viele Hautschüppchen. Es ist eine Frage der Zeit. Wie lange war jemand irgendwo? Wie lange war der Kontakt? Wie intensiv lag Reibung vor?"

Um solche Fragen der sogenannten Kontextualisierung geht es unter anderem beim 46. Spurenworkshop der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der aktuell in Greifswald stattfindet.

"Quantensprung gemacht"

Fakt ist, DNA-Analysen gehören wie die Untersuchung von Fingerabdrücken mittlerweile zum Standard-Repertoire. Das sagt auch Katja Anslinger von der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die technischen Möglichkeiten hätten sich dabei enorm verbessert. "Wir haben einen Quantensprung gemacht, was die Sensitivität der Untersuchung angeht." Wo früher noch eine ganze Blutspur zur DNA-Bestimmung notwendig gewesen sei, reiche heutzutage mitunter eine einzelne Hautschuppe. Man arbeite teils mit einzelnen Zellen.

Doch die Wissenschaftler müssen nicht nur im Labor sattelfest sein, sondern mitunter auch in Gerichtssälen als Gutachter. "Diese Situation vor Gericht ist noch was ganz Spezielles für uns und was, mit dem sich, glaube ich, viele Kolleginnen und Kollegen erstmal schwertun." So sprächen Juristen mitunter eine eigene Sprache, derer man sich erst einmal bemächtigen müsse. Zudem müssten etwa auch Schöffen verstehen, was die Wissenschaftler berichten.

Mehr Arbeit an Cold Cases

DNA-Datenbanken führen laut Anslinger zu einer verstärkten Arbeit an Altfällen, sogenannten Cold Cases. Man könne "auch aus Fällen, die 40, 50 Jahre alt sind, wirklich noch vernünftige Ergebnisse erzielen". In ihrem Institut würden seit etwa 10 bis 15 Jahren praktisch ständig auch solche alten Fälle bearbeitet. Diese würden dann mitunter auch doch noch gelöst. "Ich habe wirklich keine Zahlen. Ich habe die nie gezählt, aber richtig, richtig viele."

Zum Spurenworkshop in Greifswald kamen mehr als 300 Wissenschaftler, Richter, Strafverteidiger und Sachverständige aus Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt. Organisatorin Klann bezeichnete die Tagung als zentrale Veranstaltung im deutschsprachigen Raum zur Spurenuntersuchung mit Schwerpunkt forensische Genetik.

In Greifswald liefen praktisch permanent forensische DNA-Analysen. "Das kann schon in die Hunderte gehen, auch bei einem Fall manchmal. Deswegen haben wir auch kontinuierlich immer was zu tun", sagt Klann. Die Fälle reichten von Einbruchsdelikten bis hin zu Tötungsdelikten. "Eine extrem hohe Qualität" habe die forensische Genetik in Deutschland. Dafür sorgten auch ein Akkreditierungssystem und externe Begutachtungen. 

Teils Zeitung aufschlussreicher als Unterlagen

Während die Analyse von Proben im Labor extrem standardisiert sei, müssten für die Interpretation der Ergebnisse noch stärker Standards festgelegt werden. "Es gibt ja wirklich unendlich viele Übertragungsszenarien. Und da muss man vor allem Standards entwickeln, wie man diese Art der Untersuchung überhaupt vergleichbar macht."

Das ist auch insofern wichtig, als davon mitunter viel abhängt. Je nach Fall seien DNA-Spuren unterschiedlich bedeutend, sagt Klann, die in Greifswald den Arbeitsbereich Forensische Molekulargenetik leitet. "Es kann natürlich auch in einer Urteilsbegründung unter Umständen einen hohen Stellenwert haben." Besonders, wenn es etwa zuvor keine Zeugenaussagen gegeben habe und eine gute DNA-Spur direkt zu einer Person führt, könne das ein großer Vorteil sein.

Drehbuchautoren fragen nach

Die konkrete Geschichte hinter den Analysen bleibt den Wissenschaftlerinnen mitunter verborgen, erklärt Anslinger. "Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Spuren vollständig anonymisiert kommen." Sie könne teils schon erkennen, ob es sich etwa um ein Tötungsdelikt handelt. Aber teils erfahre sie mehr aus dem Radio und der Zeitung als aus ihren Unterlagen. "Und das ist auch gut so. Ich brauche das nicht. Ich soll ein neutrales Gutachten machen."

Sie selbst schaut gern Krimis. "Es muss ein leicht verdaulicher Krimi sein. Ich lache auch mal gern beim Krimi. Es darf nicht ganz so gruselig sein." Als Expertin raufe sie sich ab und zu auch die Haare. "Ich glaube, das geht jedem so, dessen Fachgebiet in so einem Krimi behandelt wird." Dem wollen Autoren offensichtlich auch vorbeugen. "Man erlebt es durchaus, dass bei dem Schreiben eines Drehbuchs mal jemand anruft und sagt "Hey, ich will das richtig machen. Wie sollte das denn sein?" Und das finde ich auch wieder cool."

dpa