Janina Krick kam im Gespräch mit ihrer rheinhessischen Winzer-Familie über Wege aus der Weinkrise auf die Idee: "Die Flasche könnte der Gamechanger sein." Denn nur einen neuen Riesling oder Chardonnay zu entwickeln, bringe nicht wirklich voran, sagt die 29-Jährige. Das Ergebnis ihrer Überlegungen ist eine Flasche aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff mit einem "Glasherz".
Gemeinsam mit ihrem Vater Jörg fand Janina Krick einen Partner, der in einem Hightech-Verfahren die Kunststoffflaschen mit einer hauchdünnen Glasschicht im Inneren produziert. "Qualität und Aroma werden bewahrt und die Flasche ist nachhaltig", sagt Janina Krick. "Der Wein wird vor Sauerstoff geschützt", ergänzt ihr Vater.
Glas ist in Deutschland Standard
"In Deutschland ist der sehr hohe Anteil an Glasverpackungen traditionell gewachsen", sagt Professor Dominik Durner vom Weincampus in Neustadt an der Weinstraße und der Hochschule Kaiserslautern. Nur etwa fünf Prozent des Weins würden in anderen Verpackungen verkauft. Das sei in andern Ländern ganz anders, vor allem Bag-in-Box und Tetrapaks hätten im Ausland deutlich höhere Anteile an den Verpackungen.
Die Ansprüche an die Verpackung seien bei Wein hoch, weil er kein Mindesthaltbarkeitsdatum habe, also Dichtigkeit, Lichtschutz und Transportsicherheit sehr lange gewährleistet sein müssten, erläutert der Fachmann für Lebensmitteltechnologie und Oenologie.
Plastikflaschen seien sehr anfällig für Oxidation. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Entrepreneurship vom Weincampus, Marc Dreßler, gibt auch zu Bedenken: "Plastik kann auch Inhaltsstoffe abgeben, das ist für den sensorisch sensiblen Wein sicher nicht die Zukunft."
Glas hat aber Nachteile
"Glasflaschen sind nicht nur schwer und unhandlich, der CO2-Verbrauch ist auch hoch", sagt die promovierte Expertin für Marketing und Konsumverhalten, Krick. Am Weincampus in Neustadt an der Weinstraße befassen sich mehrere Wissenschaftler mit dem Thema, darunter Dreßler und Durner.
Bei einem durchschnittlichen Gewicht von rund 530 Gramm für eine 0,75 Liter Einweg-Glasflasche entfalle etwa die Hälfte des CO2-Fußabdruckes bei der Produktion auf die Glasverpackung, haben sie festgestellt. Zudem seien Glasflaschen für Winzer infolge des Krieges in der Ukraine viel teurer geworden.
Wenig Mehrweg-Systeme
Mancher Winzer oder Gastronom setzt auf Mehrweg-Systeme. Doch die flächendeckende Einführung in der Branche ist nach Ansicht der Wissenschaftler schwierig. "Es ist nahezu kein Flaschenmodell standardisiert", stellen sie fest. Lagerflächen für Leergut und eine verlässliche Spüllogistik fehlten häufig. Dazu kämen Logistik-Kosten und die Kunden müssten sensibilisiert werden, obwohl Deutschland eigentlich Recycling-Weltmeister sei.
Die Mehrwegquote für Wein auf dem deutschen Markt liegt Durner zufolge etwa bei 5,6 Prozent. Meist seien dies Getränkemärkte - und Baden-Württemberg Vorreiter. "Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich etwas höher, weil viele Verbraucher ihre Flaschen zum Weingut zurückbringen."
Kunststoffflasche mit dünner Glasschicht
Die Kunststoffflaschen von Kricks könnten für 25 Cent im Flaschenautomaten abgegeben werden, sagen sie. Das Flaschengewicht verringere sich von 450 (Glas) auf 50 Gramm. Die dünne Glassicht löse sich beim Recyceln auf. "Sie geht im Dampf auf und ist weg", erläutert Jörg Krick.
Der CO2-Verbrauch bei der Herstellung sei nur halb so hoch wie bei Glasflaschen. Die Herstellung solle künftig mit Solar funktionieren und sei dann noch nachhaltiger. Einzelheiten über den Produktionsstandort irgendwo in Deutschland und über seinen Partner verrät Krick noch nicht.
Innovation ist in der Weinkrise wichtig
Wenn die Verbraucher die Flaschen akzeptierten, könnten sie ein Gamechanger werden, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut. "Die Weinbranche geht ja immer mehr in Richtung Nachhaltigkeit." Dreßler ist überzeugt: "Wir brauchen das Argument der Nachhaltigkeit, sonst wird es keine Veränderung geben." Durner betont: "Innovation ist ganz wichtig. Wer nichts ausprobiert, kann nichts gewinnen." Die kriselnde Weinbranche müsse Wege finden, sich neue Konsumgruppen zu erschließen - außerhalb von 65 plus.
Winzerweine aus Rheinhessen
Und der Inhalt? "Wir wollen Winzerweine in die Flasche bringen", sagt Jörg Krick. Dafür haben sie zunächst drei rheinhessische Betriebe im Boot. Das Weingut der Familie Wendel in Bingen und das benachbarte Dessoy sowie Laubenstein in Gerolsheim. Ein digitaler Sommelier namens Weintoni informiert über einen QR-Code über die abgefüllten Tropfen.
Zahl der Flaschen pro Jahr vervierfachen
Verkaufsstart für die Flaschen des Startups weinton/ WNTN GmbH war Mitte Dezember online über die Firmenhomepage. Im ersten Jahr will das Unternehmen rund 150.000 Flaschen produzieren, wie Jörg Krick sagt. Ab 2026 wolle man die Menge dann jedes Jahr vervierfachen. 600.000 bis eine Million sollen es schon im kommenden Jahr sein.
Mehr als zwei Milliarden Flaschen Wein würden im Jahr in Deutschland verkauft, einen Marktanteil von zehn Prozent hält Krick langfristig für möglich. Geplant ist ab Juli auch noch eine kleine 187 Milliliter-Flasche zum Probieren oder für das eine Glas am Abend - die dann allerdings ausschließlich aus recyceltem Kunststoff.