Aufarbeitung zum NSU-Terror
Großer Zuspruch - Dokumentationszentrum zum NSU zieht Bilanz

In einer Ausstellung erinnert das Chemnitzer Dokumentationszentrum an die zehn Mordopfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU. Fot
In einer Ausstellung erinnert das Chemnitzer Dokumentationszentrum an die zehn Mordopfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU. Foto
© Hendrik Schmidt/dpa
Von Familienfotos bis zur Gebetskette: Persönliche Gegenstände erinnern in Chemnitz an die NSU-Opfer. Das Dokumentationszentrum ist das Erste seiner Art bundesweit und weit mehr als eine Ausstellung.

Das bundesweit erste Dokumentationszentrum zum Terror des rechtsextremen NSU geht ins zweite Jahr und nimmt weitere Zielgruppen und Themen in den Blick. Dabei werde der 15. Jahrestag der Selbstenttarnung der Terrorzelle im Herbst eine Rolle spielen, aber auch die sogenannten Baseballschläger-Jahre in den 1990ern, sagt Geschäftsführerin Nora Krzywinski der Deutschen Presse-Agentur dpa. Ziel sei es, migrantischen Gruppen und Personen, die von rechtsextremer Gewalt und Rassismus betroffen sind, mit niedrigschwelligen Angeboten stärker Raum zu bieten.

Das Dokumentationszentrum war im Mai 2025 eröffnet worden und Teil des Chemnitzer Programms als Kulturhauptstadt Europas. Die Dauerausstellung erinnert an den rechtsextremen Terror - allen voran die zehn Mordopfer: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Neben Aquarellporträts werden auch persönliche Gegenstände gezeigt: von Familienbildern und Postkarten über eine Gebetskette bis hin zur Dienstmütze und einer Taschenuhr als Erbstück. 

Erwartungen übertroffen - rund 15.000 Besucher im ersten Jahr

Die Schau mit dem Titel "Offener Prozess" spannt den Bogen aber noch viel weiter. Thematisiert werden das langjährige Versagen von Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung der rassistischen Mordserie, deutsche Migrationsgeschichte, die Kontinuität von rechtem Terror in Deutschland und Lücken, die es bis heute in der Aufklärung des NSU-Komplexes gibt - etwa mit Blick auf geschredderte und unter Verschluss gehaltene Akten. Neben der Schau bietet das Zentrum auch ein Archiv zum NSU-Komplex und eine sogenannte Assembly - Räume für Bildungsarbeit und Partizipation.

Im vergangenen Jahr seien rund 15.000 Besucherinnen und Besucher gezählt worden, bilanziert Krzywinski. Alle Angebote seien ausgebucht gewesen und manche Anfragen hätten abgelehnt werden müssen. "Unsere Erwartungen sind im Positiven übertroffen worden. Das zeigt die Relevanz der Arbeit, die wir hier tun." Auch dieses Jahr gebe es bereits viele Anfragen. 

 Krzywinski mahnt weitere Aufklärung zu NSU-Terror an 

Um die Arbeit über das Kulturhauptstadtjahr hinaus fortzusetzen, wurde eine neue gemeinnützige GmbH als Träger gegründet. Den Großteil der Finanzierung von rund 2,6 Millionen Euro für die Arbeit in diesem Jahr zahlt das Land, einen kleinen Teil trägt auch der Bund bei. Allerdings muss die Finanzierung von Jahr zu Jahr neu erstritten werden, bedauert die Geschäftsführerin. 

"Wir sind dankbar, dass das Land mit der Aufnahme in den Haushalt bis 2028 Verantwortung übernimmt", sagt Krzywinski. "Da die zugesagten Mittel jedoch deutlich hinter dem tatsächlichen Bedarf zurückbleiben, bleibt die langfristige Absicherung der Arbeit eine stetige Herausforderung."

Dass der Name "Offener Prozess" weiter Programm sei, zeige der aktuelle Prozess am Oberlandesgericht Dresden gegen die mutmaßliche NSU-Vertraute Susann E. "Das Unterstützernetzwerk des NSU-Trios ist nach wie vor nicht aufgedeckt", erklärt Krzywinski. Das nötige Wissen habe Rechtsterroristin Beate Zschäpe, doch ihre bisherigen Aussagen zeigten nicht, dass sie zu Recht ins Aussteigerprogramm für Neonazis aufgenommen wurde. "Es stellen sich mehr Fragen, als dass man das Gefühl hat, hier wird zur Aufklärung beigetragen."

Programm 2026: Filme, Musik und Theater

Zum Veranstaltungsprogramm in diesem Jahr gehören eine Filmreihe zu jüdischem und migrantischem Leben, Workshops zu Hip-Hop als widerständige Kultur und ein Kinder- und Nachbarschaftsfest. Außerdem wird im Oktober das Theaterstück "Auch Deutsche unter den Opfern" von Tuğsal Moğul gezeigt, das den Angaben zufolge das Staatsversagen im NSU-Komplex aufarbeitet und die Perspektive der Angehörigen in den Fokus rückt. Im Herbst ist ein Konzert des queeren Chores canta:re aus Berlin geplant. Zum 15. Jahrestag der Selbstenttarnung der NSU-Terrorzelle im November soll es verschiedene Veranstaltungen in Zwickau und Chemnitz geben. Die konkreten Planungen dafür stünden noch am Anfang, heißt es. 

Chemnitz und Zwickau waren einst Rückzugsorte des NSU. Hier lebte das aus Thüringen stammende Kerntrio jahrelang unbehelligt, hatte zahlreiche Unterstützer und organisierte seine Mordserie an mindestens zehn Menschen - acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Zudem ist das Trio für mehrere Bombenanschläge verantwortlich; in Südwestsachsen selbst verübten sie mehrere Raubüberfälle.

dpa