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Ukraine-Krieg Sozialpsychologe Welzer warnt vor einer neuen "Ästhetik und Rhetorik des Krieges" in Deutschland

Prof. Harald Welzer
Professor Harald Welzer lehrt an der Europa-Universität Flensburg und an der Universität St. Gallen
© Jens Steingässer
Der Sozialpsychologe Harald Welzer ist erstaunt, wie schnell längst überholt geglaubte Ansichten sich nun im Zuge des Ukraine-Kriegs wieder breitmachen.
Harald Welzer

"Wir werden bis zum Ende kämpfen. Wir werden weiter für unser Land kämpfen, koste es, was es wolle, in den Wäldern, auf den Feldern, an den Ufern, auf den Straßen." So der ukrainische Präsident Selenskyj in einer Video-Rede vor dem britischen Unterhaus am 8. März. Okay, es wird jetzt niemanden überraschen, dass der Medienprofi Selenskyj auch Churchill kann, aber solche Rhetorik verfängt doch auf erstaunliche Weise: Der ganze Westen ist ergriffen.

Aber hätte noch vor vier Wochen irgendjemand in Deutschland außer notorischen Rechten applaudiert, wenn jemand "bis zum Ende kämpfen" wollte? Hätte irgendjemand gewählten Vertretern eines modernen Staates ernsthaft Bewunderung gezollt, die in olivgrünen T-Shirts vor die Kamera treten, unrasiert und übernächtigt, damit man ihnen den Dauereinsatz für ihr Land auch abnimmt und ihre Abgekämpftheit auch glaubt, wenn man nicht mal weiß, in welchem Studio die Aufnahmen gemacht werden? Weiter: Wer hätte es für gut gehalten, dass Begriffe wie "Tapferkeit", "Vaterland", "Held" usw. usf. plötzlich nicht nur sagbar, sondern positiv verstanden werden könnten?

"Was sind das für Rollenbilder, die hier gefeiert werden?"

Zur Erinnerung: In vielen westlichen Ländern herrschte bis zum 24. Februar ein zum Teil ins Bizarre ausfransender Krieg um korrekte Sprache, in der um Gottes Willen auch nicht die allergeringste Spur von real existierender Gewalt mehr aufscheinen durfte. Student*innen forderten Triggerwarnungen und begannen Referate zu halten, in denen – unbesorgt um jede historische Tatsache – etwa von "Diktator*innen" die Rede war, und sie bildeten jederzeit sprachkampfbereite Einsatzgruppen, wenn jemand etwas aus ihrer Sicht Falsches sagte. Sie schleiften Heldendenkmäler und attackierten toxische Männlichkeit – und nun, von einem Tag auf den anderen, gibt es plötzlich männliche Kriegshelden, die martialisch agitieren und dafür Titel wie "Widerstandsikone" oder "Freiheitsheld" verliehen bekommen, sogar vom stern.

Und nicht nur das: Die Medien bringen ohne Unterlass Berichte von (wehrlosen) Frauen und Kindern, die weinend in Sicherheit gebracht wurden, während die Männer sich mannhaft die Tränen aus den Augen wischten und an die Front gingen. Tapferes Volk, die Ukrainer, jaja, und nirgends von der Genderfront hört man auch nur die Frage: "Moment mal, was sind denn das für Rollenbilder, die hier gefeiert werden? Ist gerade 1914?" Und neuerdings spricht Selenskyj gar vom Volkskrieg, das ist 19. Jahrhundert pur.

Ich persönlich kriege sehr unangenehme Gefühle, wenn jemand "tapfer für sein Land" kämpft, wenn Zivilisten aufgefordert werden, Molotowcocktails zur privaten Verteidigung der Heimat zu basteln, wenn eine Ästhetik und Rhetorik des Krieges zelebriert wird, die wir seit Jahrzehnten für nicht mehr gesellschaftsfähig gehalten hatten. Ich fand es gut, in einer postheroischen Zeit zu leben, Deserteure und "Schwächlinge" zu rehabilitieren und Generäle als Kriegsverbrecher zu dekonstruieren, wenn sie es denn waren. Und auch wenn mir der neue Reinheitsfetischismus der Sprachpolizist*innen suspekt war und ist, scheint er mir immer noch moderner als das Gefühl, beim Lesen der Zeitung gerade den Sound von Heinrich Manns "Untertan" entgegengeweht zu bekommen.

Kurz: Mich erschreckt es, wie rasend schnell ein Narrativ aktivierbar ist, das der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entstammt und – als hätte es die ganze Zeit als Untoter im mentalen Untergrund geschlummert – frisch aufgerufen werden kann, als seien zwischendurch nicht hundert Jahre und zwei Weltkriege vergangen. Als der Kanzler seine sogleich als "historisch" bezeichnete Rede im Bundestag hielt, in der er satte drei Tage nach Kriegsbeginn den kompletten turnaround der gemütlichen und bequemen bundesdeutschen Friedseligkeit verkündete, hätte es mich nicht gewundert, wenn der eine oder andere FDP-Abgeordnete gleich noch "Hurra, Hurra!" gerufen hätte.

Die Story von unendlich vielen Guten. Und einem Bösen

Warum geht so etwas – ohne Debatte, ohne Konflikte, sogar ohne Bedenkenträger? Weil die Story so gut ist. Hier ist ein Krieg, zu dem man sich ohne jede Differenzierung verhalten kann – glasklar aufgeteilt in unendlich viele Gute und den einen Bösen. In dem völlig unzweifelhaft ist, wer Täter und wer Opfer ist. Wo es keine zwei Meinungen gibt, sondern alles mal endlich eindeutig ist. Keine Uneinigkeit des Westens, kein Klein-Klein im Parteiengezänk, kein "Ja, aber"-Journalismus, Aufrüstung first, Bedenken second, keine Ambivalenz, sondern geradezu befreiend klar die Entscheidung, wo man zu stehen hat. David gegen Goliath, tapfer gegen tückisch, imperialistisch gegen demokratisch, der Diktator gegen die Freiheit. Und, schwups, funktioniert die gute alte Geschichte von der Bewährung im Krieg, von der Hingabe an sein Land, vom Kämpfen bis zum Ende.

Natürlich war diese Geschichte nie weg – sie trägt "Star Wars" genauso wie "Game of Thrones", Ballerspiele genauso wie "James Bond" und "Mission Impossible". Da ist nie etwas unmodern geworden an dieser Story, alltagskulturell lief sie immer mit, und siehe da: Plötzlich gibt es den Kriegshelden, den Guten, den Aufopferungsvollen, der durch die Hölle zu gehen bereit ist, für sein Land, auch in echt. Wow!

Selenskyj und seine Leute wissen, wie man ihn inszeniert, den männlichen Helden, und als gelernter Schauspieler performt er fehlerfrei. Dabei interessiert mich seine Psyche so wenig wie die von Putin, denn beider persönliche Motive sind ganz unerheblich für das, was sich entfaltet: nämlich die Logik der Gewalt, die immer dynamisch ist und immer zur Entgrenzung tendiert. Und weil Sprache zugleich Deutung von Wirklichkeit ist, gibt die Story von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, von Tapferkeit und Tücke, eine Richtung vor, in der die Empathie mit den Opfern, gerade im Angesicht der äußersten Brutalität des Angriffs, immer größer wird und mit ihr die Bereitschaft, die Unterstützung auszuweiten.

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Aber es ist eine fatale Überblendung ganz unterschiedlicher Problemstellungen, wenn die Sicht der Angegriffenen die Logik des Handelns vorgibt. Sich zu wehren ist das eine, aber wenn man die Ukraine unterstützen und zugleich eine neue Sicherheitsordnung bauen will, ist es mit Wehren nicht getan. Das kann sogar kontraproduktiv sein, weil eine Ausweitung des Angriffskrieges zum Volkskrieg unendlich viele Menschenleben fordert und das Ende des Krieges immer weiter verzögert. Und im Übrigen, da Kriegsgewalt ganz eigene Dynamiken entfaltet, immer in Richtung Eskalation und Totalisierung. Weshalb man Gewalt tunlichst nicht mit mehr Gewalt bekämpft.

Es kann nicht um "Gewinnen um jeden Preis" gehen

Wohlgemerkt: Alle meine Sympathie liegt aufseiten der angegriffenen Bevölkerung, absolut keine aufseiten des Aggressors. Aber wenn es darum geht, Krieg vor Entgrenzung zu bewahren, liefert die Story von Gut und Böse ein schlechtes Drehbuch. Denn die übergreifende Perspektive auf ein möglichst schnell herbeizuführendes Kriegsende und die Orchestrierung einer neuen Nachkriegsordnung, die die geopolitische Renaissance des Imperialismus, nicht nur des Putin’schen, ernst nimmt und in Rechnung stellt, lässt sich keineswegs aus der Sicht der Angegriffenen entwickeln. Einer solchen Perspektive kann es nicht um "Gewinnen um jeden Preis" gehen – was übrigens bedeutet, dass man sich sein Handeln vom Aggressor aufzwingen lässt –, sondern darum, Handlungsspielräume zu schaffen, die Möglichkeiten für ein Ende der Gewalt eröffnen.

Genau deshalb muss man zwei Dinge tun: Den Angegriffenen auf jede erdenkliche Weise, außer der militärischen, helfen, erstens. Und zweitens sich auf keinen Fall in eine weitere Eskalation treiben lassen, sondern die Mittel bereitstellen und die politische Strategie entwickeln, mit der gewährleistet bleibt, dass Menschen in Freiheit und unter rechtsstaatlichen Bedingungen leben können.

Da Europa in dieser Hinsicht seit dem Mauerfall weit hinter dem Notwendigen zurückgeblieben ist, obwohl die Zahl der Demokratien weltweit abnimmt, muss der Angriffskrieg von Putin als ein letztes Signal dafür verstanden werden, dass kein erreichter zivilisatorischer Standard je gesichert ist, sondern immer verteidigt werden muss. Und dass Dinge endlich im Zusammenhang gesehen werden müssen, die wir bequemerweise in unterschiedliche Schubladen sortiert haben: Sicherheit und Abhängigkeit, Klimawandel und Konsumkultur, die soziale und die ökologische Frage, Macht und Freiheit sind Teile ein und desselben Zusammenhangs. Und genau deshalb ist die Story von Gut und Böse falsch.

Und gefährlich. Weil die bedingungslose Solidarität mit der guten Seite möglicherweise zu Entscheidungen führt, die den Raum zum Handeln jenseits der Gewalt verkleinern und nicht vergrößern.

Lesen Sie die Meinungen der anderen vier Intellektuellen: 

Erschienen in stern 12/2022

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