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Rezension

"Factfulness" von Hans Rosling: Die Welt ist viel besser als wir alle glauben – dieser Forscher hat es bewiesen

Der Gesundheitsexperte Hans Rosling hat in seinem Buch "Factfulness" gezeigt, dass der Großteil der Menschen die Welt falsch sieht – und warum wir in dieser Hinsicht dümmer als Schimpansen sind. Damit hat er auch Barack Obama begeistert.

Hans Rosling

Gegen die Bezeichnung "Optimist" wehrt sich Hans Rosling. Der Schwede legt Wert darauf, ein reiner Realist zu sein.

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Zu Beginn eine kleine Aufgabe. Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz:

In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung ...

a) nahezu verdoppelt.

b) nicht oder nur unwesentlich verändert.

c) deutlich mehr als halbiert.

Wenn Sie Ihre Antwort gegeben haben, gleich noch eine kurze Frage: Glauben Sie, dass Sie mehr über die Welt wissen als ein Schimpanse? Beide Antworten könnten Sie überraschen. Aber dazu gleich mehr.

Der Gedanke, dass früher alles besser war, ist so etwas wie Gemeingut. Damals gab es noch Solidarität, weniger Kriege und Katastrophen, und die Kluft zwischen den Armen und Reichen klaffte noch nicht ganz so weit. Länderübergreifend stimmen mehr als 50 Prozent der Befragten der Aussage "Es wird immer schlimmer" zu. Die Welt, so der vorherrschende Eindruck, steht am Abgrund.

Hans Rosling stellt Fakten gegen Gefühle

Aber lässt sich dieses Gefühl auch mit Fakten untermauern? Dieser Frage hat Hans Rosling den Großteil seines Berufslebens gewidmet. Der im vergangenen Jahr verstorbene Professor für Internationale Gesundheit in Stockholm hat seine Erkenntnisse in dem posthum veröffentlichten Buch "Factfulness" zusammengetragen. Sie sind, wie gesagt, überraschend. Und dürften einigen Menschen die Augen öffnen.

Womit wir bei der Aufgabe vom Anfang wären. Die richtige Antwort ist c): In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung deutlich mehr als halbiert. Er ist von 29 auf neun Prozent zurückgegangen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die extreme Armut schneller vermindert als in jeder anderen Phase der Weltgeschichte, zeigt Rosling anhand von statistischen Daten. Das ist eine gute Nachricht, eine sehr gute sogar. Allerdings wissen die meisten Menschen nichts davon. 

Nur sechs Prozent der Deutschen, denen diese Aufgabe gestellt wurde, gaben die richtige Antwort, in den waren es nur fünf Prozent. Am besten waren die Werte in Schweden und Norwegen, dort wählten immerhin 25 Prozent die richtige Antwort. Grämen Sie sich nicht, wenn auch Sie daneben lagen: Selbst bei einem Treffen von Nobelpreisträgern kamen die klügsten Köpfe der Welt auf so schlechte Werte, dass Rosling es kaum glauben konnte.

Warum wir dümmer als Schimpansen sind

Der Wissenschaftler und sein Team entwickelten einen so genannten "Gapminder-Test" mit 13 Fragen zum gesundheitlichen und gesellschaftlichen Fortschritt in der Welt. Dazu stellten sie jeweils drei Antwortmöglichkeiten zur Auswahl. Insgesamt 12.000 Menschen in 14 Ländern wurden befragt. Im Schnitt beantworteten sie zwei der 13 Fragen richtig. (Hier können Sie den Test selbst machen. Und hier sehen Sie die Ergebnisse der Studie.) "Jede Gruppe, die ich befrage, glaubt, die Welt sei weitaus bedrohlicher, gewalttätiger und hoffnungsloser – in einem Wort: dramatischer –, als sie in Wirklichkeit ist", so Rosling. 

Allein mit fehlendem Wissen lässt sich das nicht erklären. Denn die Werte liegen bei so gut wie allen Fragen deutlich unter dem Zufallswert. Und damit also zu der Frage nach dem Schimpansen: Würde man den Test einem Affen vorlegen, müsste der nämlich statistisch gesehen bei drei Möglichkeiten zumindest auf 33 Prozent richtige Antworten kommen. Zwei richtige Antworten bei 13 Fragen sind 15 Prozent. "Das ist keine Frage der Intelligenz", stellte Rosling fest: "Alle scheinen ein vollkommen falsches Bild von der Welt zu haben." Dieses Bild zu korrigieren, hatte sich Rosling zur Lebensaufgabe gemacht. "Daten als Therapie" lautete seine Lösung.

Anhand von Zahlen und Statistiken räumt er in dem Buch, das nach seinem Tod von seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund veröffentlicht wurde, mit einem Trugschluss nach dem anderen auf. Rosling ging es darum, ein realistisches Weltbild zu vermitteln, eines, das sich auf Fakten stützt. Und das in vielen Fällen weit weniger bedrohlich wirkt als dasjenige, das anscheinend die große Mehrheit der Menschen hat.

Die Welt verändert sich – das Denken bleibt oft gleich

Rosling nennt das "die überdramatisierte Weltsicht". Sie stützt sich meist auf veraltete Kenntnisse und einseitige Darstellungen. Gerade in Europa und in den USA stagniere die Sicht auf den Rest der Welt seit Jahrzehnten. Während der Fortschritt auch in vielen anderen Ländern Einzug hält, regiert in den Köpfen der Menschen im Westen immer noch das Bild einer primitiven, verarmten Dritten Welt.

Hans Rosling zeigt, dass sich die Welt durchaus zum Besseren entwickelt hat – und das nicht zu knapp. Nur noch 13 Länder auf der Erde ließen sich als Entwicklungsländer bezeichnen, schreibt er. Natürlich herrschen nicht überall auf der Welt Lebensbedingungen wie in Deutschland, die allermeisten Menschen sind aber mittlerweile in der Lage, ihren Grundbedürfnissen gerecht zu werden. Die vergangenen Jahrzehnte waren die friedlichsten in der Menschheitsgeschichte, noch nie gab es weniger Tote durch Kriege oder Konflikte. 

Leider nur bekommt das kaum jemand mit. Stattdessen werden die Nachrichten, die unsere Sicht auf die Welt prägen, von Schreckensmeldungen dominiert. Eine Bombe kann eine jahrzehntelang gewachsene Infrastruktur in Sekundenbruchteilen zerstören. Das ist dann eine Nachricht. Fortschritt aber ist meistens ein langer und oft mühsamer Prozess. Und Prozesse sind selten heiße News mit spektakulären Bildern.

Factfulness: Mit Fakten gegen die Angst

Rosling selbst hat die Veröffentlichung seines Buches nicht mehr erlebt. Bei dem wurde 2016 Pankreas-Krebs diagnostiziert, im Februar 2017 starb er an der Krankheit. "Factfulness" aber ist eine Art Vermächtnis, mit dem er Menschen auf informative und humorvolle Art Mut macht. An zahlreichen Beispielen zeigt er auf, dass zu viel Schwarzmalerei betrieben wird, ordnet Geschehnisse unaufgeregt ein und gibt zudem wertvolle Tipps, wie Leser sich ihre eigene, faktenorientierte Meinung bilden können. 

"Es darf nicht die Angst sein, die uns die Prioritäten diktiert", lautet einer seiner Schlüsselsätze. Eine Aussage, die inmitten von alternativen Fakten und Fake News noch einmal ganz anders klingt als sie es vor ein paar Jahren vermutlich getan hätte.

Damit hat Rosling auch bei Barack Obama einen Nerv getroffen. Der ehemalige US-Präsident hat Roslings Buch in diesem Sommer gelesen und schwärmte: "Es ist ein hoffnungsvolles Buch über die Möglichkeiten des menschlichen Fortschritts, wenn wir auf Grundlage von Fakten arbeiten statt von Vorurteilen."

Ist nun alles wunderbar? Dieser Illusion hat sich auch Hans Rosling nie hingegeben. Jeder Mensch, der in Kriegen, an Hunger oder verdrecktem Trinkwasser stirbt, war für ihn eine Tragödie. "Die Welt lässt sich ohne Zahlen nicht verstehen. Sie lässt sich aber auch nicht mit Zahlen allein verstehen."

Henning Schneider, Asklepios Kliniken, über die Zukunft der Patientenversorgung
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