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Er fordert mehr Geld und Aufmerksamkeit "Nicht wenige sagen, ich habe keinen Bock mehr": Deutschlands bekanntester Krankenpfleger fordert mehr Hilfe

"Gerade wird transparent, was in den letzten 25 Jahren schiefgelaufen ist" - Alexander Jorde über das deutsche Gesundheitssystem
"Gerade wird transparent, was in den letzten 25 Jahren schiefgelaufen ist" - Alexander Jorde über das deutsche Gesundheitssystem
© Peter Steffen/ / Picture Alliance
Seit Alexander Jorde live im Fernsehen Angela Merkel mit den Zuständen im deutschen Gesundheitssystem konfrontierte, kämpft er für bessere Arbeitsbedingungen. In der Coronakrise zeige sich nun, "was in den letzten 25 Jahren schiefgelaufen ist", erzählt er im Interview.

Sie arbeiten rund um die Uhr und begeben sich freiwillig in Kontakt mit Corona-Patienten - die Rede ist von Deutschlands Krankenpflegerinnen und Pflegern. Sie sind eine der wesentlichen Säulen zur Eindämmung der Pandemie. Ärzte und Pfleger stünden "in diesem Kampf in der vordersten Linie“, versicherte die Kanzlerin in einer ihrer Ansprachen: "Was Sie leisten, ist gewaltig, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür."

Pflegekräfte bekommen in diesen Tagen Applaus von den Balkonen, erhalten Dankesschreiben über soziale Netzwerke, werden mitunter sogar als Helden bezeichnet. Das wollen viele der Beteiligten jedoch gar nicht. Sie fordern stattdessen nur eines: endlich bessere Arbeitsbedingungen.

Einer der prominentesten Kritiker des Gesundheitssystems ist Alexander Jorde. Er wurde deutschlandweit bekannt, als er 2017 in der ARD-Wahlarena Angela Merkel mit dem Mangel an Pflegekräften konfrontierte. Und auch jetzt, mitten in der Coronakrise, zeigt er sich im Gespräch mit dem stern kritisch: "Gerade wird transparent, was in den letzten 25 Jahren schiefgelaufen ist." (lesen Sie hier das volle Interview)

"Das ist unverantwortlich und kaum zu bewältigen"

Jorde arbeitet als Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Hannover, "seit Wochen ausschließlich mit Covid-19-Patienten", erzählt er im stern-Interview. Bei ihm kommen in der Regel zwei Patienten auf eine Pflegekraft - damit sei er noch gut dran, wie er betont. "Auf anderen Stationen kümmert sich eine Pflegekraft um vier Patienten oder, da die Personaluntergrenzen aufgehoben wurden, zum Teil um noch mehr. Das ist unverantwortlich und kaum zu bewältigen."

Im stern-Gespräch kritisiert er auch die jüngsten Gesetzesentwürfe, etwa das Pflegefachkräfte und anderes medizinisches Personal im Notfall zum Einsatz verpflichtet werden können. "Das ist meiner Ansicht nach nichts anderes als Zwangsarbeit. Unsere Rechte werden zunehmend aufgehoben. Nicht wenige Kollegen sagen jetzt: Ich hab‘ da keinen Bock mehr drauf." Dass immer mehr Kollegen sich nach anderen Stellen, gar anderen Jobs umsehen, halte er für nachvollziehbar.

+++ Sie arbeiten in der Pflege? Dann schreiben Sie uns an leseraufruf@stern.de, wie Sie die Coronakrise erleben +++

Jordes Forderung ist eindeutig: "Obwohl wir angeblich in einem so guten Gesundheitssystem leben, haben wir im europäischen Vergleich einen der schlechtesten Personalschlüssel. Was wir brauchen, ist eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung. Wir müssen Geld dort einsetzen, wo es sinnvoll ist: bei den Fachkräften. Und nicht für die Rendite privater Konzerne."

Was Alexander Jorde außerdem am deutschen Pflegesystem kritisiert, warum er die angekündigten Prämien und finanziellen Boni in der Coronakrise für nicht ausreichend hält und wie ein besseres Gesundheitssystem aus seiner Sicht finanzierbar wäre, können sie im kompletten Interview nachlesen.

cf

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