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Social-Media-Debatte Ja, der Thrombose-Vergleich zwischen Astrazeneca und Pille hinkt, aber das ist nicht das Problem

Hübsche Verpackungen lenken von der Tatsache ab, dass die Pille ein Medikament und kein Lifestyle-Produkt ist
Hübsche Verpackungen lenken von der Tatsache ab, dass die Pille ein Medikament und kein Lifestyle-Produkt ist
© Jochen Tack/ / Picture Alliance
In den sozialen Medien verbreiten sich Zahlen zum Thromboserisiko der Antibabypille im Vergleich mit den angeblichen Nebenwirkungen der Astrazeneca-Impfung. Experten tun dies ab, dabei sollte das jetzt der Anlass sein, sich die Pille einmal genauer anzuschauen.

Nach dem vorläufigen Impfstopp von Astrazeneca verbreiteten sich in den sozialen Medien Memes, die das Thromboserisiko der Antibabypille den angeblichen Risiken der Astrazeneca-Impfung gegenüberstellten. Experten der Stunde, wie SPD-Politiker Karl Lauterbach führten an, dies sei kein guter Vergleich.

Die Thrombosen, die womöglich in Zusammenhang mit dem Impfstoff von Astrazeneca stehen, lösten die viel seltener vorkommende Hirnvenenthrombose aus, während bei der Antibabypille "nur" Beinvenenthrombosen entstünden, so die Experten. Thrombose sei nicht gleich Thrombose. Doch ist es wirklich so einfach? Laut NDR sterben 800 bis 1200 Frauen von einer Million an einer Lungenembolie, ausgelöst durch eine Thrombose, die auf die Antibabypille zurückzuführen ist. Ohne hormonelle Verhütung erkranken 200 von einer Million Frauen an einer Thrombose. Mit der Einnahme von Pillen der dritten und vierten Generation sind es schon 800 bis 1100. 

 

Pille trotz Risiko oft unkritisch verschrieben

Und trotzdem ist die Pille auch heute noch die Standardlösung, wird Mädchen, teils erst 13 Jahre alt, verschrieben. Auch jenseits der Thrombose ist die Pille bekannt dafür, Depressionen, Angststörung und Suizidgedanken zu verursachen, sie steht im Zusammenhang mit Migräne und Schlaganfällen und auch Libidoverlust, Haarausfall, und starke Gewichtszunahme durch Hormonchaos gehören zu den Nebenwirkungen des Medikaments. 

Ich selbst bekam die Pille direkt bei meinem ersten Frauenarztbesuch im Alter von 15 Jahren verschrieben. "Was für die Haut", sagte meine Ärztin damals, während sie sich die Pubertätsakne in meinem Gesicht anschaute. Dass meine Tante zu diesem Zeitpunkt mit Mitte 30 das zweite Mal wegen einer Lungenembolie auf der Intensivstation lag, ausgelöst durch die Antibabypille, wurde in den 2000ern noch mehr oder weniger ignoriert.

Die Pille als Allheilmittel

"Ich nehme die Pille nicht zum Verhüten", sagte mal eine meiner besten Freundinnen zu mir – und genau das ist das Problem im Umgang mit dem Medikament. Schlechte Haut, starke Schmerzen und Blutungen, aber auch Endometriose, Zyste oder Unterleibsschmerzen. Der Gynäkologe rät zur Pille, obwohl man mittlerweile um die heftigen Auswirkungen auf die vor allem jungen Frauenkörper weiß. Die Entwicklung sinnvoller Behandlungsalternativen ist längst überfällig. Wie schnell von der Forschung ein wirksames Mittel gefunden werden kann, zeigt uns die Corona-Pandemie. Geht es "nicht nur" um Frauen, scheinen Probleme schneller gelöst zu werden.

Rita Maglio und Jana Pfenning

Lehre und Forschung hinken hinterher 

Die Autorin, Podcasterin und angehende Heilpraktikerin Isabel Morelli hat mit 13 Jahren die Pille verschrieben bekommen. Nach dem Absetzen stürzte ihr Körper in ein solches Hormonchaos, dass sie mit gerade einmal Anfang 20 postmenopausale Beschwerden bekam. Der Rat der Ärzte: Hormone! Resigniert sah sie sich gezwungen, sich ganzheitlich mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen. Heute klärt sie junge Frauen zu alternativen Verhütungsmethoden auf, gründete den Blog "Generation Pille" und schrieb sie unter anderem das Buch "Kleine Pille, große Folgen".

Hier befragte sie auch mehrere Gynäkologen, warum sie so gerne die Pille verschrieben. Die Probleme beginnen laut Morelli schon in der Facharztausbildung selbst. Die absolvieren junge Ärzte nämlich im Krankenhaus, wo sie sich mit Geburtshilfe und Onkologie beschäftigen. Dort sitzt kein 15-jähriges Mädchen und beschwert sich über Schmerzen und starke Blutungen. Arbeiten die Ärzte dann später in der Praxis, so griffen sie erst einmal zum Lehrbuch. Dort wird seit Jahrzehnten die Pille als Lösung angepriesen. Zumindest für die Symptome.

Die Besorgnis um Astrazeneca ist verständlich

Selbstverständlich kann ich die Besorgnis um mögliche Nebenwirkungen bei einem Impfstoff verstehen, schließlich sind auch jetzt sechs Menschen an den Folgen einer Hirnvenenthrombose gestorben. So einen Verdacht sollte man keinesfalls leichtfertig hinnehmen. Bei jedem Medikament bekommt der Patient einen Beipackzettel und wird über die Nebenwirkungen aufgeklärt und so sollte das auch bei diesem Impfstoff sein.

Doch auch die Pille ist eben ein Medikament mit großen Nebenwirkungen, das genauso wenig leichtfertig verabreicht werden sollte, wie ein Vakzin, das womöglich ähnliche Risiken birgt. Und genau das ist der Grund für den Aufschrei in den sozialen Medien. Dass Experten diese Nebenwirkung in Form einer "einfachen" Beinvenenthrombose nun bagatellisieren, ändert nichts an dem Problem. 

Ja, der Vergleich zum Astrazeneca-Impfstoff hinkt, aber er zeigt umso mehr: Man muss jetzt in der Forschung ansetzen. Es muss mit ähnlichem Eifer, wie in der Corona-Pandemie auch an besseren Alternativen zur Pille gearbeitet werden. Jungen unausgereiften Körpern mit Hormonen eine Schwangerschaft vorzutäuschen, kann einfach keine gute Lösung sein.

Quellen:  NDR, Vice


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