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Cannabis: Schmerzfrei durch Joints

Eine Selbstbehandlung mit Cannabis ist noch immer grundsätzlich verboten - obwohl das Rauschgift nachweisbar chronische Beschwerden lindert.

Darauf wies zuletzt auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hin, das die Beschwerde eines Schmerzpatienten gegen eine Geldstrafe nicht zur Entscheidung annahm. Der Mann hatte aus den Niederlanden Haschischöl und Marihuana nach Deutschland gebracht. Ähnlich ging es einer Frau, die beim Amtsgericht Meiningen - ohne Erfolg - die Erlaubnis zur Aufzucht von Cannabis-Stecklingen und Hanfpflanzen in ihrem Garten beantragt hatte, da sie nach einer Krebsoperation unter chronischen Schmerzen litt.

Die Hanfpflanze gilt als traditionelles Heilmittel. "Auch Hildegard von Bingen hatte schon Cannabis", sagt Bernd Fiebich, Leiter des Neurochemischen Labors in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Freiburg. Fiebich leitet eine Studie, bei der Cannabisextrakte auf ihre Wirkung in Nervenzellen getestet werden. Das Projekt steht in einem größeren Rahmen: Ein internationales Forscherteam untersucht seit Mitte Juni die Wirksamkeit von Cannabis gegen Migräne und Arthritis. Zwei Jahre dauert das Forschungsvorhaben, die EU hat dafür 1,5 Millionen Euro bewilligt.

Studien belegen Hilfe bei chronischen Krankheiten

Klinische Studien belegen bislang in erster Linie die Hilfe von Cannabis bei Übelkeit nach Chemotherapie und bei der so genannten Auszehrung von Aids-Patienten. Nach Angaben des Geschäftsführers der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin, Franjo Grotenhermen, können diese Wirkungen von Tetrahydrocannabinol (THC) als gesichert angesehen werden. Vor zwei Jahren habe eine britische Studie zudem gezeigt, dass Cannabis Symptome der Multiplen Sklerose lindern könne. Andere Wirkungen würden berichtet, seien jedoch selten wissenschaftlich belegt.

Weshalb Cannabis gegen zahlreiche Krankheitssymptome hilft, erklärt das Fachmagazin "Spektrum der Wissenschaft" so: Das menschliche Gehirn produziert so genannte Endocannabinoide. Da THC hirneigene Stoffe imitiert, kann es an deren Rezeptoren andocken. Aber: "Cannabis wirkt nicht spezifisch. Die im einen Fall erwünschte Wirkung kann im anderen Fall unerwünscht sein", schreibt Grotenhermen in seinem Buch "Hanf als Medizin".

Selbstbehandlung aber noch immer verboten

Wie viele andere Rauschmittel ist Cannabis in Deutschland verboten. Handel und Herstellung werden mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet. Allerdings greift im Betäubungsmittelgesetz ein so genannter Befreiungsvorbehalt in jenen Fällen, in denen Cannabis-Produkte wie das Medikament Dronabinol ausdrücklich vom Arzt verschrieben werden.

Weitgehende Übereinstimmung besteht nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1994 darin, "dass Cannabisprodukte keine körperliche Abhängigkeit hervorrufen". Gewarnt wird aber allgemein vor psychischer Abhängigkeit. Vor allem bei Menschen mit ohnehin seelischen Problemen kann die Droge nach Expertenangaben zur Sucht werden, weil sie hilft, Alltagsprobleme zu bewältigen. Veränderungen, die mit dem Cannabis-Konsum im Gehirn entstünden, seien mit Absetzen der Droge jedoch umkehrbar.

"Joints sind natürlich schlecht"

Nach Angaben Grotenhermens löst Cannabis keine Funktionsstörungen im Körper aus und schädigt auch keine Organe. Laut der Fachzeitschrift "Der Schmerz" sind Cannabinoide nicht gefährlicher als Nikotin und Alkohol. Jedoch sollten sie nicht von Schwangeren und Herzkranken genommen werden. Bekannte Nebenwirkungen seien eingeschränkte Fahrtüchtigkeit, Stimmungsschwankungen, manchmal Depressionen, selten Panikanfälle, vereinzelt Blutdruckabfall und Herzrasen.

Grotenhermen führt "die wichtigsten Nebenwirkungen medizinischen Cannabisgebrauchs auf die rechtliche Situation, die Illegalität des Cannabiskonsums" zurück. Marihuana weise auf dem Drogenmarkt unterschiedliche THC-Konzentrationen auf. So sei es für den Verbraucher schwer, die Menge zu kontrollieren.

Cannabis ist also keinesfalls harmlos - aber offensichtlich besser als sein Ruf. "Es ist bedauerlich, dass Gespräche über Cannabis immer darauf hinauslaufen, ob Joints gut oder schlecht sind. Die sind natürlich schlecht", sagt Wissenschaftler Fiebich. Dagegen habe Cannabis bei der Schmerzbekämpfung eine positive Wirkung.

Yvonne Pioch/AP

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