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Corona-Pandemie Chinesische Studie dämpft Hoffnung auf Antikörper-Therapie gegen Covid-19

Corona-Pandemie: Chinesische Studie dämpft Hoffnung auf Antikörper-Therapie gegen Covid-19




- „Eine akute Infektion kann man mit den Antikörpertests nicht nachweisen. Dafür braucht es immer noch den Rachenabstrich, den man macht, wenn man krank ist.“ 
- „Wenn man so einen Test herstellt, werden Bruchteile des Virus gezüchtet und auf die Innenwandung des Reagenzgefässes gebracht.” 
Linda Richter, stern-Reporterin:
 „Vor etwa sechs Wochen hatte ich eine Erkältung mit hohem Fieber. Seitdem frage ich mich, ob ich das Corona-Virus vielleicht schon hatte. In Hamburg kann man sich über die Hausärzte auf die Antikörper testen lassen. Und dort, bei meiner Hausärztin, frage ich jetzt nach.“
Immun gegen Corona? Seit meiner Krankheit beschäftigt mich die Frage, ob eine Begegnung mit dem Virus schon hinter mir liegt. Einen Infekt mit 39 Grad Fieber hatte ich zwei Wochen bevor es in Deutschland zur  Kontaktsperren  kam. Damals wurde noch nicht in großem Maße getestet - auch ich bin damals nicht auf Covid-19 getestet worden.
Mit Hilfe von Antikörpertests können Mediziner im Nachhinein herausfinden, ob Menschen bereits immun gegen das Virus sind. Jetzt frage ich bei meiner Ärztin nach, ob dieser Test für mich sinnvoll wäre:
Dr. Bettina Heitmann, Ärztin: 
 „Eine akute Infektion kann man mit den Antikörpertests nicht nachweisen. Dafür braucht es immer noch den Rachenabstrich, den man macht, wenn man krank ist. Wenn die Krankheit aber zurückliegt und ich sehe bei Ihnen ist das jetzt schon fast sechs Wochen her, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Körper Abwehrkräfte gebildet hat, Antikörper eben, die verhindern, dass sich der Körper noch einmal ansteckt. In diesem Fall ist das für Sie durchaus sinnvoll.“
Wie viele Deutsche sind immun? Die Datenlage dazu ist noch ungenau. Experten schätzen, dass sie bei zwei bis drei Prozent liege. An Orten, die stark von dem Virus betroffen waren, wie dem Kreis Heinsberg, haben Forscher Antikörper bei 15 Prozent der dort Lebenden gefunden. Immer wieder gibt es Berichte, dass Menschen mit nur leichten Symptomen positiv auf Covid-19 getestet wurden.
Gehöre auch ich zu denen, die das Virus schon hatten? Mein Blut kann darüber Aufschluss geben. Oder besser gesagt: das Serum meines Blutes. Nach der Blutabnahme wird die Probe zentrifugiert – zurück bleibt eine gelbe Flüssigkeit.
Linda Richter, stern-Reporterin 
„Das ist meine Blutprobe. Ob sich Antikörper darin befinden, müssen medizinische Experten im Labor nun überprüfen. In Hamburg Altona sitzen solche Experten und dort fahren wir jetzt hin.“
Im Aesculabor werden täglich zwischen 200 und 300 Elisa-Antikörpertests durchgeführt. Das Elisa-Verfahren ist derzeit der einzig zugelassene Test auf dem Markt. Kapazitäten hat das Labor nach eigenen Angaben für bis zu 5500 Testungen am Tag. Meine Probe wird zuerst gesichtet: Stimmen die Angaben auf dem ärztlichen Schein? Ist die Qualität in Ordnung? Und ist genug Blutserum für die Analyse darin? Danach wird das Röhrchen im Informationssystem des Labors erfasst.
Professor Dr. med. Kai Gutensohn ist Leiter des Labors. Der Hämastesiologe und Transfusionsmediziner erzählt, was in den nächsten Schritten mit meinem Plasma passiert:
Dr. med. Kai Gutensohn, Transfusionsmediziner, Aesculabor
„Von dem Überstand wird ein Teil pipettiert und in eines dieser Reagenzien überführt. Das sind 96 Wellplatten, Platten mit 96 Vertiefungen, an deren Innenwänden Bestandteile des Coronavirus kleben. Sofern Antikörper vorhanden sind im Blut würden sie an diese Zielstruktur der Wand binden. Wie ein Schlüssel in ein Schloss, danach mit einem Marker makiert werden, der dann zu einer Farbreaktion führt und dann das Ergebnis sichtbar macht.“
Jede Vertiefung in diesem Testgefäß enthält die Probe eines Patienten. Wird die Flüssigkeit gelb, zeigt das Antikörper im Blut an. Alle Testergebnisse im Labor werden von einem technisch-medizinischen Assistenten überprüft und eingeordnet.
Auf das Ergebnis meiner Probe muss ich bis zum nächsten Tag warten. Aber wie verlässlich ist es eigentlich? Beim Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf wurde der sogenannte Elisa-Test überprüft.  Der Leiter der Transfusionsmedizin am UKE, Dr. Sven Peine, erklärt, was die Forscher dabei über die Genauigkeit der Tests herausgefunden haben.
Dr. med. Sven Peine, UKE
„Wenn man 100 Negative testet, Blutspender von vor drei Jahren zum Beispiel, die auf jeden Fall kein Corona Sars 2 gehabt haben können, dann müsste man auch 100 Negative finden. Und im Bereich von 1 bis zwei Positiven, wie die Hersteller es auch selbst angeben, erleben wir auch die Ergebnisse.“
Das bedeutet, es sind falsch positive Ergebnisse bei den Tests möglich. Von 100 Personen können ein bis zwei Personen positive Ergebnisse erhalten, obwohl sie noch keine Antikörper gebildet haben. Wie sicher ist der Test also für eine Einzelperson, die noch nicht positive auf Corona getestet wurde?
Peine:
„Alles, was wir in den letzten Wochen erlebt haben an Infektionsfällen und an Häufigkeiten, spricht wirklich ganz doll dagegen. Wenn Sie kein Fieber hatten, keine Symptomatik, die einen Abstrich gerechtfertig hätte, waren Sie auch wirklich nicht an Covid-19 erkrankt.”
Der Test liefert dann ungenaue Ergebnisse, wenn sehr wenige der Untersuchten eine Infektion hatten.  Ein Rechenbeispiel für Hamburg: Hier haben bisher nachweislich 0,26 Prozent der Bevölkerung eine Corona-Infektion gehabt oder sind davon genesen.
Gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus und runden wir diese Zahl auf 1 Prozent auf. Unter 100 Getesteten gebe es in diesem Fall nur 1 richtig positives und 2 falsch positive Ergebnisse. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass das positive Ergebnis einer Person falsch ist, ist höher als dass es richtig ist.
Die Tests seien vor allem für Menschen aussagekräftig, die das Virus bereits hatten und nun sichergehen wollen, so Peine.
Im Aesculabor fallen momentan acht Prozent der Antikörpertests positiv aus – auch darunter sind falsch-positive Befunde. Die Mehrheit der Tests nehmen momentan medizinisches Personal oder Menschen in Anspruch, die mit Covid-19-Infizierten Kontakt haben.
Die Tests haben allerdings eine höhere Aussagekraft, wenn eine Corona-Infektion schon vorher nachgewiesen wurde. Deshalb sind sie vor allem für Menschen sinnvoll, die bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Infektion hatten, so Peine.   
Für die Politik haben die Tests eine weitere wichtige Bedeutung: Denn sie können Aufschluss über die Verbreitung des Virus geben. Das RKI führt derzeit deutschlandweit drei große Studien durch. Anfang Mai werden die ersten Ergebnisse erwartet, die genauere Informationen darüber geben, wie viele Menschen bereits immun gegen das Virus sind.
Derzeit übernehmen die Krankenkassen nur in Einzelfällen die Kosten eines Antikörpertests. Eine Analyse kostet etwa 20 Euro.
Die Hersteller der Tests arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, das bestehende Verfahren noch genauer zu machen:
Prof. Dr. med. Kai Gutensohn:
„Wenn man so einen Test herstellt, werden Bruchteile des Virus gezüchtet und auf die Innenwandung des Reagenzgefäßes gebracht. Im Moment haben wir bei den vorliegenden Tests immer nur eine Zielstruktur. Daraus bedingt sich auch die Unsicherheit bei den Testverfahren, die in den nächsten Monaten dahingehend verbessert wird, als dass man A mehrere dieser Zielstrukturen koppelt und eine Art Cocktail benutzt und B neue Verfahren an den Markt kommen, die unterschiedliche Epitrope benutzen als der bisherige Test, sodass die Verfahren miteinander verglichen werden können.“
Die Forschung zu Covid-19 steht noch am Anfang: Komplexere Testverfahren, die auf dem Wissen zu dem Virus aufbauen, können also in Zukunft Antikörpertests noch genauer machen.
Und wie steht es nun um meine mögliche Immunität? Am nächsten Tag erhalte ich einen Anruf vom Labor. Mein Testergebnis liegt vor und bringt mir Klarheit.
Linda Richter, stern-Reporterin: 
„Ich habe keine Antikörper gegen Covid-19. Der Infekt, den ich im Frühjahr hatte, war also ein ganz normaler Schnupfen, so wie ihn viele in dieser Jahreszeit hatten. In der Zukunft werden die Antikörpertests genauer und uns so im Kampf gegen das Virus eine wichtige Hilfe sein.“
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Schon vor Wochen machten Mediziner Hoffnung, dass mit Antikörpern angereicherte Blutseren wirkungsvoll gegen Covid-19 eingesetzt werden könnten. Eine nun veröffentlichte Studie aus China ist ein deutlicher Dämpfer.

Die Methode ist aufwändig, wurde aber während vergangener Pandemien immer wieder erfolgreich eingesetzt. Man gewinnt aus dem Blut von Patienten, die eine Infektion überstanden haben, Antikörper, die das Immunsystem gegen den Erreger gebildet hat, und injiziert diese in einem Blutplasma den Erkrankten – in der Hoffnung, dass die zugefügten Antikörper den Erreger bekämpfen und für Linderung oder gar Heilung sorgen. Man nennt das eine "passive Immunisierung".

Diese sollte auch beim neuartigen Coronavirus möglich sein, meinten Mediziner schon in einem frühen Stadium der laufenden Pandemie. Doch erste Erkenntnisse aus China dämpfen nun diese Hoffnung – bedeuten andererseits aber auch noch nicht das Aus für diesen Behandlungsansatz.

Antikörper: kein durchschlagender Erfolg

Ein chinesisches Ärzteteam aus Wuhan berichtet im Fachblatt "Journal of the American Medical Association" (JAMA), dass die Behandlung schwer an Covid-19 Erkrankter mit Antikörper-Seren nur unwesentliche Erfolge eingebracht habe. Bei fünf schwer Erkrankten habe die zusätzlich zur Standardbehandlung angewendete Therapie angeschlagen, doch das sei noch kein Nachweis für eine generelle Wirksamkeit. Der Grund: Mit 103 sei die Zahl der Teilnehmer an der Studie zu gering gewesen sei.

Außerdem habe es keine ausreichende Vergleichsgruppe ebenfalls schwer an Covid-19 Erkrankter gegeben, so dass nicht zu erkennen sei, ob sich die Patienten auch ohne die Therapie erholt hätten, heißt es in dem Beitrag. Weder habe man feststellen können, dass die Bluttherapie die Genesung von Covid-19-Patienten beschleunigt habe, noch habe sich das Risiko, an einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus zu sterben, verändert. Für die Studie waren einer Gruppe Blutseren mit Antikörper verabreicht worden, eine zweite Gruppe erhielt ein Placebo.

Hoffnung auf Corona-Therapie bleibt erhalten

Die chinesischen Mediziner geben zu bedenken, dass mit ihren Erkenntnissen keineswegs der Antikörper-Einsatz gegen das Coronavirus begraben werden muss. Zum einen hätten Patienten auf die Antikörper-Behandlung angesprochen, zum anderen seien die Ergebnisse nur eingeschränkt aussagekräftig, da die Studie vorzeitig nach 28 Tagen habe abgebrochen werden müssen. Hauptgrund sei gewesen, dass sich für die größer angelegte Studie nicht genügend Patienten gefunden hätten, da die Corona-Pandemie in ihrem Ausgangspunkt Wuhan inzwischen unter Kontrolle sei.

An einer Antikörper-Therapie gegen das Coronavirus wird nicht nur in China, sondern auch in anderen Ländern geforscht – darunter auch Deutschland. Sie gilt als möglicher erster Schritt einer Sars-CoV-2-Behandlung, solange es kein Medikament und keinen Impfstoff gibt. Vor allem könnte, so Mediziner, medizinisches Personal gegen eine Ansteckung geschützt oder sehr schwer an Covid-19 erkrankten Patienten zumindest Linderung verschafft werden. Als dauerhafte Behandlung kommt eine Antikörper-Thema nicht infrage, da sie zu aufwändig ist und zudem möglicherweise die Immunisierung der Blutspender schwächt.

Quellen: "Journal of the American Medical Association"; Nachrichtenagentur Reuters


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