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Schlusslicht in Europa Lieber Corona als Impfung: Die Bulgaren scheuen sich vor der Spritze – wohin mit den Vakzinen?

Gesundheitsminister Kostadin Angelov wird geimpft
Impfstart: Gesundheitsminister Kostadin Angelov war der erste, der in Bulgarien die Corona-Impfung erhielt.
© Stringer / Picture Alliance
Europa impft gegen das Coronavirus an. Ganz Europa? Nein. Im Osten kommt die Kampagne kaum voran. Vor allem in Bulgarien will sich kaum noch jemand impfen lassen. Viele Impfstoffdosen drohen zu verfallen.

Bulgarien und das Impfen, das läuft nicht. Der Impffortschritt kommt kaum voran. Während Länder wie Malta, Dänemark oder die Niederlande auf die Tube drücken, die Impfrate hoch ist, dümpelt Bulgarien im europäischen Vergleich ganz am Ende der Statistik. Gerade mal 15 Prozent der Bevölkerung haben laut "Our World in Data" mindestens eine Impfdosis erhalten, knapp 13 Prozent sind komplett immunisiert. Dass das arme Land im Südosten der EU demnächst den Turbo zündet, ist nicht abzusehen. An mangelndem Impfstoff liegt das allerdings nicht - im Gegenteil. Viele Dosen drohen abzulaufen.

Kurz vor Jahresende ließ sich der bulgarische Gesundheitsminister Kostadin Angelov vor laufender Kamera gegen das Coronavirus impfen. Es sollte der Startschuss der Kampagne sein, der Bevölkerung die Impfvorbehalte nehmen. So richtig gezündet hat die werbewirksame Aktion aber nicht. Die Impfskepsis in dem Land ist groß.

Dabei ist Bulgarien von der Pandemie durchaus gebeutelt. Mehr als 423.000 Corona-Fälle wurden unter den 7 Millionen Einwohnern bislang gezählt. Und laut Berechnungen der John-Hopkins-University hat das Land den höchsten sogenannten Fall-Verstorben-Anteil in der EU. Dieser setzt die Anzahl der Infizierten mit den Verstorbenen ins Verhältnis und liegt demnach in Bulgarien bei 4 Prozent.

Erst kein Impfstoff, dann zu viel Impfstoff

Bulgarien hatte Anlaufschwierigkeiten. Zuerst wollte es mit der Organisation nicht klappen, dann fehlte der Impfstoff. Dieses Problem hat das Land am Schwarzen Meer inzwischen gelöst. Impfstoff gibt es genug. Doch die Bulgaren scheuen die Spritze. Cristina Florescu aus Suceava sagte "Bloomberg": "Ich bin immer noch skeptisch gegenüber Impfungen, weil ich Zweifel an ihrer Sicherheit und den langfristigen Nebenwirkungen habe". Die 37-Jährige habe bereits mit Nebenwirkungen zu kämpfen, nachdem sie sich mit Corona infiziert habe, weiteren Substanzen wolle sie sich nicht aussetzen.

Sie ist mit ihrer Einstellung nicht die Ausnahme, sondern die Regel. 60 Prozent der Bevölkerung lehnt einer Umfragen zufolge die Impfung ab. Und Gesundheitsexperten sorgen sich. Die Delta-Variante werde bis Ende September eine neue Welle auslösen, falls nicht noch eine andere Variante schneller sei, sagte der leitende Gesundheitsinspektor Angel Kuntchew dem Online-Portal "Euractiv" in einem Impf-Appell. Die Regierung setzt außerdem auf ein neues Gremium, das Wege finden soll, die Bulgaren von ihrer Impfmüdigkeit zu befreien. Dem "gesellschaftlichen Rat" gehören neben Experten und Religionsvertretern auch Journalisten und Prominente an. 

Niemand will sich mehr impfen lassen

Die Zahlen sprechen für sich. Im April krempelten noch täglich etwa 25.000 Bulgaren die Ärmel hoch, im Juni nur noch 8.000. Die Folge: Tausende Impfstoffdosen drohen zu verfallen. Allein im Juli laufe die Haltbarkeit von 20.000 Dosen ab, so "Bloomberg". Die Regierung sucht händeringend nach Lösungen. Ein Teil, so der Plan, soll an Nachbarländer gespendet werden. Andere Dosen könnten dafür genutzt werden, den Tourismus im Land anzukurbeln. Das wäre zumindest eine Idee der Touristiker. Polina Karastoyanova, Geschäftsführerin des Nationalen Tourismusverbandes, sagte dem Branchendienst: "Da Bulgarien und damit wir alle für diese Dosen mit unseren Steuern bezahlt haben, schlagen wir vor, sie zu nutzen, um den Impftourismus anzuregen".

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Bulgarien ist nicht das einzige Land, das darum kämpft, die Impfdosen wegzubekommen. Auch in Rumänien ist die Impfbereitschaft gering, die Zahl der Impfungen geht rapide zurück. Obwohl sich dort seit Mitte März jeder impfen lassen kann, der will, hat gerade einmal ein Viertel der Rumänen davon Gebrauch gemacht. Im Juni wurden daher die Bestellungen von geplanten 7 Millionen Dosen auf 2,6 Millionen gekürzt. Damit wollte das Land das Risiko minimieren, dass Wirkstoff weggeschmissen werden müsse. 35.000 Dosen des Astrazeneca-Vakzins landeten bereits im Müll, schreibt der "Spiegel" in Bezug auf örtliche Medien. 1,1 Millionen Dosen kaufte Dänemark dem Land ab. Dänemark gehört mit seiner Impfrate zu den europäischen Spitzenreitern.

Quellen: BloombergJHU, Our World in DataSpiegel

tpo

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